„Dear Evan Hansen“ in Bonn (Foto: Dominik Lapp)
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Emotionale Reise: „Dear Evan Hansen“ in Bonn

Das Musical „Dear Evan Hansen“ am Jungen Theater Bonn entfaltet unter der Regie von Bernard Niemeyer eine eindringliche, klug durchgearbeitete Bühnenwirklichkeit, die sich ganz aus der Perspektive ihrer Figuren speist und deren innere Verwerfungen sichtbar macht.

Niemeyer zeichnet die Figuren mit sicherem Gespür für ihre Brüche und Sehnsüchte. Er lässt ihnen Raum, ohne sie je ins Ungefähre entgleiten zu lassen. Besonders eindrücklich gerät die szenische Umsetzung des Songs „Du wirst gehört“: Links und rechts dominieren überdimensionale Handys die Bühne, auf deren Displays Reels und Posts von Evans Rede flimmern. Diese visuelle Verdopplung erzeugt eine beklemmende Gleichzeitigkeit von Intimität und öffentlicher Vereinnahmung. Dass dieselben Projektionsflächen auch in den Telefonmomenten zwischen Evan, Jared und Alana wiederkehren, fügt sich schlüssig in die Erzählweise ein und unterstreicht die allgegenwärtige Medialisierung jugendlicher Kommunikation.


Das Bühnenbild von Mara Lena Schönborn setzt mit einem zentral platzierten Scherenschnitt-Baum ein starkes, leicht lesbares Zeichen. In seiner Krone sind links und rechts Zimmer angedeutet, während sich das Spielgeschehen überwiegend davor entfaltet. Dieser Baum ist mehr als nur Kulisse: Er verweist auf den Ausgangspunkt der Handlung, Evans Sturz und den gebrochenen Arm, und wird so zum stillen Bezugspunkt eines Geschehens, das sich immer wieder um Verletzlichkeit und Sichtbarkeit dreht. Die Kostüme von Katharina Savvides bleiben dabei konsequent rollen- und zeitgemäß, ohne sich aufzudrängen, und verorten die Figuren glaubwürdig in einer gegenwärtigen Alltagswelt.

„Dear Evan Hansen“ in Bonn (Foto: Dominik Lapp)

Musikalisch trägt der Abend entscheidend die Handschrift von Ekaterina Klewitz. Die elfköpfige Band agiert mit bemerkenswerter Geschlossenheit und differenzierter Dynamik. Sie legt unter die Songs von Benj Pasek und Justin Paul ein tragfähiges Fundament, das sowohl die intimen Momente als auch die größeren Ensemblepassagen souverän stützt. Klanglich bleibt alles transparent, die Balance zwischen Bühne und Graben ist fein austariert, so dass die Stimmen der Darstellenden wunderbar zur Geltung kommen, wobei die Songtexte (starke Übersetzung: Nina Schneider) aufgrund der Tontechnik nicht immer gut zu verstehen sind.

Im Zentrum steht Zoltán Selo als Evan Hansen, der die Zerrissenheit dieser Figur mit großer Selbstverständlichkeit verkörpert. Sein Spiel findet überzeugende Abstufungen zwischen Unsicherheit, tastendem Mut und wachsender Überforderung. Vokal meistert er die anspruchsvolle Partie mit Ausdruckskraft und sicherer Linienführung. Besonders in den ruhigeren Passagen gelingt es ihm, die innere Isolation der Figur spürbar zu machen.

Nina Janke als Heidi Hansen setzt dazu einen starken Kontrapunkt. Sie gestaltet die Rolle der alleinerziehenden Mutter mit einer Mischung aus Pragmatismus, Erschöpfung und Zuneigung, die nie ins Klischee kippt. Ihre Szenen gewinnen gerade dort an Gewicht, wo sie nicht auf große Gesten setzt, sondern auf eine konzentrierte, glaubhafte Präsenz. Gesanglich hat sie ihren großen Moment im Song „So groß, so klein“. Hier brechen die Gefühle auf – intensiv, berührend, zentral für den Abend.

„Dear Evan Hansen“ in Bonn (Foto: Dominik Lapp)

Filia Faste gibt Zoe Murphy mit nachvollziehbarer Zurückhaltung und wachsender Eigenständigkeit, während Albert Teves als Connor Murphy eine ambivalente Figur zwischen Abwesenheit und bedrängender Präsenz entwirft. Anja von der Lieth und Axel Becker zeichnen als Cynthia und Larry Murphy ein Elternpaar, das zwischen Trauer und Kontrollbedürfnis schwankt, ohne dabei an Kontur zu verlieren. Sophie Dick als Alana bringt eine energiegeladene, leicht überdrehte Zielstrebigkeit auf die Bühne, die gut mit der Figur korrespondiert, und Maximilian Teschner stattet Jared mit pointiertem Timing aus.

Dass lediglich drei erwachsene Figuren auf der Bühne stehen und der Rest des Ensembles jugendlich besetzt ist, verstärkt die Perspektive des Stücks zusätzlich: Die Welt erscheint hier tatsächlich aus dem Blickwinkel junger Menschen, deren soziale Wirklichkeit sich wesentlich in digitalen Räumen abspielt.

Diese Bonner Koproduktion mit dem Theater Bonn zeigt „Dear Evan Hansen“ als sorgfältig durchdachte, in sich stimmige Inszenierung, die ihre Wirkung aus dem Zusammenspiel von klarer Regiehandschrift und einem geschlossen agierenden Ensemble bezieht und das Publikum auf eine emotionale Reise mitnimmt.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".