Lutz Standop (Foto: Dominik Lapp)
  by

Interview mit Lutz Standop: „Von Opern bis zu den Beach Boys“

Sommernacht der Musicalstars

Der gebürtige Münsteraner Lutz Standop entdeckte schon früh seine Leidenschaft für die Bühne und unternahm als Jugendlicher mit dem Osnabrücker Domchor zahlreiche Konzertreisen rund um den Globus. Seine Ausbildung zum Schauspieler und Sänger erhielt er am renommierten Konservatorium der Stadt Wien. Engagements führten ihn an Theater im gesamten deutschsprachigen Raum, und so spielte er unter anderem in Musicals wie „Der Besuch der alten Dame“, „Die Päpstin“, „Die Schatzinsel“, „Der Medicus“ oder „Hinterm Horizont“. Im Sommer 2022 wird er bei “Rebecca” in Magdeburg als Giles dabei sein. Im Interview spricht Lutz Standop über seine künstlerische Vielseitigkeit, Rollenarbeit sowie die Vor- und Nachteile von E-Castings.

Schon früher haben Sie im Osnabrücker Domchor gesungen. Gab es davor bereits musikalische Berührungspunkte?
Ich denke, dass mich meine Eltern schon sehr früh musikalisch geprägt haben: Wir haben immer viel zusammen gesungen und es lief viel Musik, von Opern bis zu den Beach Boys. Und ich habe lauthals fröhlich mitgesungen. Dann gab es noch die musikalische Früherziehung neben dem Kindergarten. Das war dann meine erste Begegnung mit Musikunterricht. Es folgten Vorchor und Stimmbildung in den Chören am Osnabrücker Dom.

Wieso hat es Sie zum Musical verschlagen und nicht in die klassische Richtung?
Grundsätzlich haben mich immer sowohl Schauspiel als auch Gesang interessiert. Ich dachte, es wäre gut, wenn ich beides irgendwie verbinden könnte. Nun steht in der Oper mehr der Gesang im Fokus und eine andere Klang-Ästhetik. Die Stilistik des Musicalgenres hat mich damals persönlich mehr angesprochen, denn die direkte Verbindung von Schauspiel und Gesang ist im Musical dann doch stärker ausgeprägt, näher am Sprechen und wirkte für mich somit einfach natürlicher. Wobei die Grenze zwischen Musical und Operette zum Beispiel ohnehin fließend ist, gerade bei Buffo-Partien wie dem Mustapha Bey in der Operette „Ball im Savoy“, den ich im Theater Plauen-Zwickau spielen durfte.

Beim Blick in Ihre Vita stellt man fest, dass Sie sich beständig weiterbilden – vom Gesangstraining bis zum Camera-Acting-Workshop ist alles dabei. Wie wichtig ist es in Ihrem Beruf, dass man solche Weiterbildungen absolviert?
Für mich persönlich ist das wichtig, weil ich sehr neugierig bin. Ich möchte mich weiterentwickeln und verändere auch gern mal meinen Blickwinkel auf die Dinge. Der Camera-Acting-Kurs hat mir zum Beispiel nicht nur viel für das Spielen vor der Kamera gebracht, sondern auch für die Bühne. Es war unter anderem eine sehr intensive Arbeit an Texten und Figuren und hat mir gezeigt, was noch alles möglich ist. Bei meinen gesangspädagogischen Weiterbildungen habe ich hingegen nicht nur gelernt, wie ich besser unterrichten kann, sondern habe auch für mich selbst und meine eigene Gesangstechnik viel mitgenommen. Deshalb glaube ich, dass Weiterbildung in meinem Beruf wichtig ist. Es gibt sicherlich Leute, die ohne offizielle Weiterbildung vorankommen. Aber ich denke, weiterentwickeln müssen sich alle.

Sind Sie so auch dazu gekommen, für TV und Werbung vor der Kamera zu stehen?
Nein, das war anders: Die ersten Werbungen habe ich in Wien gedreht, um neben dem Studium Geld zu verdienen. Werbung war und ist zwar nicht mein Hauptfokus, aber ich mache das gerne und immer wieder. Und manchmal verschlägt einen so ein Dreh an traumhafte Orte, an denen man vorher noch nicht war. Perfekt!

Lutz Standop (Foto: André Havergo)

Konnten Sie sich, weil Sie so vielseitig unterwegs sind, während der Corona-Zeit finanziell ein wenig über Wasser halten?
Geschadet hat diese Vielseitigkeit sicher nicht. Mein Fokus liegt nach wie vor auf Bühne und Unterrichten, nebenbei Werbung und TV-Synchronisation. Aber ganz abrupt war zeitweise keines dieser Standbeine mehr richtig belastbar. Die Konkurrenz beim Drehen und Synchron war spürbar noch größer, weil einfach jeder plötzlich keine Jobs mehr hatte. Fast alles fand per E-Casting statt. Nach dem ersten Lockdown durfte dann als erstes wieder notwendiges Unterrichten stattfinden, und weil ich unter anderem Dozent an einer berufsbildenden Ausbildungsstätte, der Stage School Hamburg bin, durfte dieser Unterricht als erstes weitergehen. Erfreulicherweise hatte ich die Möglichkeit, meine Stundenanzahl hochzusetzen, das war sehr hilfreich und nach und nach kam auch das andere wieder mehr in Fahrt.

Sie haben E-Castings angesprochen. Nehmen diese seit Beginn der Pandemie eigentlich zu? Hat hier eine Veränderung stattgefunden, so dass Künstlerinnen und Künstler nicht mehr ständig für Castings und Auditions quer durchs Land reisen müssen?
Der Trend geht zumindest temporär in der Tat zu mehr E-Castings. Während das bei Film und Werbung schon länger üblich ist, haben auch Theater in letzter Zeit zu E-Castings, in Form voraufgezeichneter Videos oder eines Video-Meetings, eingeladen. Das ist ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite spart man sich als Künstler immensen Aufwand an Zeit und Fahrtkosten, da das Herumreisen entfällt. Auf der anderen Seite entfällt aber auch die Möglichkeit, gemeinsam mit dem Team am Material zu arbeiten und sich persönlicher kennen zu lernen. Für eine erste Runde finde ich das Vorgehen durchaus auch dauerhaft überlegenswert: Gerade in der ersten Runde kann ein Team per Video schon einen Eindruck davon bekommen, etwa ob man passen könnte oder etwa gar nicht der gesuchte Typ ist. Wenn man das im Vorfeld ohne großen Kostenaufwand abklären kann, ist das eine gute Sache für beide Seiten. Es ist einfacher, günstiger und in diesen herausfordernden Zeiten das wohl entscheidendste Argument: sicherer.

Zuletzt haben Sie wieder im Musical „Die Schatzinsel“ auf der Bühne gestanden. Das Stück kennen Sie bereits seit der Uraufführung. Wie ist es, in eine altbekannte Produktion und Rolle zurückzukehren?
In diesem Fall war es wie nach Hause zu kommen. Als ich mein Kostüm angezogen habe, hatte ich sofort wieder die Körperlichkeit von Squire Trelawney und wir und unser Humor haben sofort wieder geklickt. Nun ist die Uraufführung schon etwas her und in der Probenzeit sowie im laufenden Spielprozess habe ich dann geschaut, was ich an der Rolle noch verfeinern kann. Gerade nach der viel zu langen unfreiwilligen Bühnenpause macht das einfach wieder fantastischen Spaß!

Wie kann man sich dieses Verfeinern vorstellen?
Ich würde es als eine Art Fein-Tuning bezeichnen. Es gab ein paar neue Kollegen, die ihrerseits neue Impulse hereingebracht haben. Ich schaue dann für mich, ob und was das mit meiner Figur macht und welche neuen Aspekte, welche neuen Facetten ich noch aus der Rolle herauskitzeln kann, was sich in den verschiedenen Szenen und Texten noch alles verstecken könnte. Das hält die Rolle frisch, das Publikum sieht den großen Unterschied aber vermutlich nicht.

Die Rolle des Trelawney in der „Schatzinsel“ ist ja ähnlich wie Ihre Rolle in „Hinterm Horizont“ recht schauspiellastig. Vermissen Sie in solchen Rollen das Singen?
Stasi Fritsche in „Hinterm Horizont“ war tatsächlich eine reine Schauspielrolle mit vergleichsweise sehr viel Tanz im Ensemble. Trelawney hingegen hat zwar keinen eignen Solosong, aber die Kombination aus Gesang und Schauspiel habe ich mit Trelawney in drei musikalisch-spielerischen Nummern durchaus. Wenn ich es mir aussuchen kann, dann bevorzuge ich natürlich Rollen, bei denen ich möglichst viel und tolle Nummern singen darf, denn das ist das, was ich besonders liebe. Da ich bei der „Schatzinsel“ außerdem ein Cover für die Rolle des Louis Stevenson hatte, war ich in der Zeit gesanglich absolut nicht unterfordert, weil ich alle Nummern von Louis zur Vorbereitung rauf- und runtergesungen habe. Es haben nur leider wenige Leute gehört. (lacht)

Lutz Standop (Foto: André Havergo)

Sie haben in weiteren Spotlight-Produktionen wie „Friedrich“, „Die Päpstin“ und „Der Medicus“ mitgewirkt. Wie hat sich Ihre Affinität zu solch historischen Stoffen entwickelt?
Musicals haben ja oft historische Themen, insofern kommt man kaum daran vorbei. Ich glaube aber, dass es bei mir eher Zufall war. Allerdings ein sehr schöner Zufall. Man muss sich zudem fragen, wo historische Stoffe beginnen und aufhören. Stücke wie „Cabaret“ oder „Hair“ haben auch einen klaren geschichtlichen Hintergrund, aber eine andere Stilistik.

Haben Sie eine spezielle Art, wie Sie eine Rolle erarbeiten? Konzentrieren Sie sich dabei ausschließlich auf das Material des Musicals oder besorgen Sie sich Hintergrundinformationen?
Meistens lese ich zunächst das Skript einmal durch und schaue, wie mein eigener erster Eindruck ist und was ich aus dem Text herauslese. Meistens notiere ich diese ersten Eindrücke und belege sie mir am Text. Danach besorge ich mir gegebenenfalls Hintergrundinformationen. Ich beschäftige mich mit der Musik und lasse sie auf mich wirken. Dann probiert man mal was und schaut, was in den Proben passiert. Dabei entstehen dann neue Fragen. Bei der „Schatzinsel“ war es zum Beispiel so: Louis hat Tuberkulose. Also habe ich mir überlegt, wie ich einen Husten herstelle, der sehr authentisch klingt, mir aber beim Singen nicht in die Quere kommt. Also: Gesundes Husten lernen und herausfinden, welche Symptome hat Tuberkulose noch? Solche Dinge habe ich etwa dann recherchiert. Viele Dinge kommen während der Probenarbeit. Manchmal sind Hintergrundinformationen gar nicht so wichtig, manchmal bin ich aber auch richtig hungrig darauf, um die Rolle ordentlich zu unterfüttern.

Bei Ihnen wechseln sich En-suite-Produktionen mit Stadttheater-Produktionen ab. Bei dem einen Engagement bedeutet das acht Shows pro Woche, bei dem anderen vielleicht acht Shows pro Monat. Ist das eine willkommene Abwechslung oder stresst das?
Es ist definitiv eine willkommene Abwechslung. Wenn man nur achtmal im Monat spielt, hat man natürlich auch mehr Zeit für andere Dinge, kann vielleicht noch eine weitere Produktion parallel spielen, TV-Synchronjobs annehmen, drehen oder einfach mehr unterrichten. In einer En-suite-Produktion mit acht Shows in der Woche hat man eher keine Zeit mehr für andere Dinge. Deshalb muss einem so eine Produktion unbedingt Spaß machen, damit man die Energie dafür aufbringen kann. Ich muss sagen: Ich mag beides, die Abwechslung, aber auch en-suite, so mir das Stück und meine Rolle darin gefallen.

Müssen Sie bei einer Stadttheater-Produktion konzentrierter sein als beim Long-Run? Ist eine En-suite-Produktion nicht irgendwann Routine, wohingegen man sich beim Stadttheater immer wieder den Text vornehmen und die Rolle abrufen muss, wenn man sie längere Zeit nicht gespielt hat?
Ich würde sagen, dass man bei einer En-suite-Produktion vielleicht noch wacher sein muss, damit sich eben keine Routine einschleicht. Wenn Routine entsteht, ist die Fehleranfälligkeit größer und noch größer die Gefahr eines Abspulens. Aber klar, wenn ich eine Rolle länger nicht gespielt habe, dann bedarf es mehr Aufwand im Vorfeld. Ich gehe dann vorher noch mal intensiv den Text durch und rufe mir in Erinnerung, was ich wie machen wollte, was die Motivationen der Figur in der jeweiligen Szene sind. Das ist dann mehr gedankliche Vorarbeit. Wenn ich in einem Stück tanze, wiederhole ich vorher auch akribisch die Schritte. So, dass ich dann in der Vorstellung mit gutem Gefühl wieder loslassen und alles im Moment passieren kann. Aber ja, es ist ein anderes Gefühl, wenn man die Rolle am Abend zuvor noch gespielt hat.

Würden Sie nach zwei Jahren Pandemie eigentlich immer wieder einen künstlerischen Beruf ergreifen oder hat sich durch die Pandemie diesbezüglich etwas bei Ihnen geändert?Ich glaube, ich habe etwas Wichtiges in dieser Zeit gelernt: Ja, es gibt gangbare Alternativen, ich muss das alles nicht machen. Dann muss ich mich allerdings auch fragen, ob mir die Alternativen denn gefallen. Und da ist die Antwort aus mir heraus inzwischen wieder sehr eindeutig: Ich liebe diesen Beruf und möchte ihn noch lange weiterausüben. Die verschiedenen Diskussionen, was denn eigentlich systemrelevant ist, haben mich etwas ermüdet. Aber ich glaube, da findet jetzt ein Umdenken, auch zugunsten der Kultur, statt. Alles auf eine Karte setzen, würde ich nach der Erfahrung der letzten zwei Jahre allerdings nicht. Und ich bin sehr froh und dankbar, dass ich vergleichsweise vielseitig aufgestellt und mit Freude bei all diesen unterschiedlichen Aufgaben dabei bin. Die Pandemie ist dann hoffentlich bald mal endlich vorbei. Ich wäre dann jetzt soweit.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".