Auch als Open-Air ein Erlebnis: „Rocky“ in Tecklenburg
Es ist ein auffälliger Umstand, dass das Musical „Rocky“ von Stephen Flaherty (Musik), Lynn Ahrens (Songtexte) sowie Thomas Meehan und Sylvester Stallone (Buch) im deutschsprachigen Raum bislang nur ein kurzes Bühnenleben führte: Nach den Stationen in Hamburg (2012 bis 2015) und Stuttgart (2015 bis 2017) verschwand das Musical wieder aus dem Spielplan. Umso spannender ist nun die Rückkehr – und zugleich Premiere eines neuen Formats: Bei den Freilichtspielen Tecklenburg ist das Stück erstmals unter freiem Himmel zu erleben. Dass diese Produktion nicht bloß eine Übertragung der bekannten Fassung darstellt, sondern auf einer seit der Uraufführung überarbeiteten Version basiert, zeigt sich an zahlreichen Stellen.
Das Buch von Meehan und Stallone wurde gestrafft, Szenen entfielen, musikalische Abläufe wurden verändert. Die ikonische Schlachthausszene etwa erscheint nicht mehr doppelt, sondern ausschließlich im zweiten Akt. Auch ihr Bild hat sich gewandelt: Statt an Rinderhälften trainiert Rocky nun an Schweinehälften – eine Anpassung, die dem Motiv des körperlichen Überlebenskampfes aber nichts von seiner Wirkung nimmt.
Die eigentliche Herausforderung dieser Inszenierung liegt jedoch nicht im Text, sondern im Raum. „Rocky“ ist im Kern ein Kammerstück: Menschen am Rand der Gesellschaft, Gespräche in engen Wohnungen, Beziehungen, die sich in kleinen Gesten verschieben. Janina Niehus findet dafür auf der 90 Meter breiten Freilichtbühne eine gut funktionierende Form. Ihre Inszenierung verortet das Geschehen konsequent dort, wo bereits der Film es ansiedelt: im rauen Philadelphia der Siebzigerjahre.

Dabei gelingt ihr das Kunststück, Intimität und Weite miteinander zu verbinden. Der Chor übernimmt dabei eine wichtige Funktion, besiedelt Straßenräume, erzeugt Bewegung, öffnet Bilder – und hätte durchaus noch häufiger eingesetzt werden dürfen. Gerade in Szenen, die nur zwischen zwei Figuren stattfinden, entsteht auf der enormen Spielfläche gelegentlich ein Moment der Verlorenheit. Dennoch findet Niehus immer wieder überzeugende Lösungen: Durch die kluge Staffelung einzelner Spielorte entstehen Inseln der Konzentration. Ihre Personenführung erweist sich als besondere Stärke. Beziehungen entwickeln sich nachvollziehbar, Figuren erhalten Konturen, Übergänge bleiben organisch. Das Resultat ist ein Abend, der keine Längen entwickelt – auch dank Faye Heather Anderson und Alec Agalarov, die die Choreografie mit Gespür für die Eigenheiten des Stoffes umsetzen.
Das Bühnenbild von Jens Janke übersetzt die Atmosphäre des Filmklassikers mit großer Detailfreude in die Freilichtdimension. Klinkerfassaden mit Graffiti und zugemauerten Fenstern prägen das Bild. Links befindet sich die Tierhandlung, in der Gloria und Adrian arbeiten, rechts der Boxclub mit Boxsäcken und Porträts berühmter Kämpfer. In der zentralen Mauerstruktur öffnen sich Räume: oben links Rockys Wohnung, darunter Paulies Zuhause, oben rechts Apollos Büro. Fahrbare Treppenelemente verändern fortlaufend Perspektiven und Funktionen. Natürlich fehlt auch die Eisfläche für die legendäre Schlittschuhszene nicht. Für das Finale entsteht der Boxring effektvoll aus zwei Bühnenteilen – anders als in der früheren Stage-Entertainment-Produktion fährt er nicht in den Zuschauerraum, entwickelt aber dennoch eine beeindruckende Präsenz.

Fabienne Ank trifft mit ihren Kostümen sicher den Ton der Siebziger. Besonders sichtbar wird das bei den Showmomenten rund um Apollo: Die Apollo-Girls und -Boys erscheinen gemeinsam mit ihrem Star in glitzernden Variationen der Farben der amerikanischen Flagge, was sich als übersteigerte Inszenierung des Entertainments erweist, die wirkungsvoll mit Rockys geerdeter Welt kontrastiert.
Musikalisch setzt die Produktion auf Größe. Unter der Leitung von Giorgio Radoja spielt ein gegenüber der Urfassung deutlich erweitertes Orchester: 16 Musikerinnen und Musiker statt ursprünglich neun sorgen für einen satten, volleren Klangkörper. Stephen Flahertys Partitur bleibt dabei ein Werk mit unterschiedlichen Qualitäten. Es gibt Nummern, die das Stück tragen: „Fight from the Heart“, „Standzuhalten“, „Adrian“, „Vorbei“, „Wahres Glück“ oder „Wenn es weiter regnet“ besitzen melodische Kraft und durch die Texte von Wolfgang Adenberg auch eine dramaturgische Funktion. Andere Songs hingegen bleiben eher episodisch und fließen vorbei, ohne nachhaltige Kontur zu entwickeln. Den größten Wiedererkennungswert besitzen naturgemäß jene musikalischen Momente, die direkt auf den Film verweisen: „Eye of the Tiger“ und „Gonna fly now“ lösen entsprechend spontane Publikumsreaktionen aus.

Im Zentrum der Show steht Lucas Baier als Rocky. Dass er seit Jahren selbst boxt, erweist sich nicht als Nebensache, sondern prägt seine Darstellung sichtbar. Körperhaltung, Bewegungsabläufe und Präsenz wirken selbstverständlich. Zugleich gelingt ihm die Entwicklung vom orientierungslosen Außenseiter zum Mann, der erstmals eine Richtung erkennt. Auch gesanglich trägt er die Partie souverän.
Den eigentlichen Glanzpunkt des Abends setzt jedoch Celena Pieper als Adrian. Ihre Darstellung verweigert jede Klischeezeichnung. Aus dem introvertierten, zurückgenommenen Mädchen entwickelt sie Schritt für Schritt eine Frau, die eigene Entscheidungen trifft und Grenzen formuliert. Ihren stärksten Moment hat sie mit dem Song „Vorbei“, wenn Adrian ihrem Bruder Paulie entschieden entgegentritt. Hier öffnet Pieper stimmlich noch einmal neue Räume und erhält dafür folgerichtig lautstarken Szenenapplaus.

Vic Anthony gibt Apollo als charismatischen Gegenspieler mit starker Bühnenpräsenz und überzeugender Stimme, bleibt textlich allerdings nicht immer optimal verständlich. Gerben Grimmius gestaltet Paulie mit großer darstellerischer Intensität: seinen Alkoholismus ebenso glaubhaft wie seine langsame Veränderung nach der Konfrontation durch seine Schwester. Esther-Larissa Lach macht Gloria zu einer unmittelbaren Sympathieträgerin, die ebenfalls klare Haltung zeigt. Benjamin Eberling überzeugt als warmherziger Mickey, während Gioia Heid und Lara Schitto als Freundinnen von Gloria zusätzliche Lebendigkeit ins Ensemble bringen.
Diese Tecklenburger „Rocky“-Produktion beweist eindrucksvoll, dass das Musical außerhalb klassischer Theaterarchitekturen nicht an Wirkung verliert. Definitiv einen Besuch wert!
Text: Dominik Lapp


