„Der Medicus“ in Tecklenburg (Foto: Dominik Lapp)
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Starke Bilder und musikalische Wucht: „Der Medicus“ in Tecklenburg

Vor exakt zehn Jahren, im Juni 2016, feierte das Musical „Der Medicus“ mit der Musik von Dennis Martin in Fulda seine Uraufführung. Damals war es die erste und einzige Musicalfassung von Noah Gordons über 800 Seiten starkem Bestseller. Doch die Geschichte nahm eine überraschende Wendung: Bereits 2018 folgte in Spanien mit „El Medico“ ein weiteres Musical von Iván Macias (Musik und Buch) und Félix Amador (Songtexte und Buch).

Die Erben des 2021 verstorbenen Autors Noah Gordon entschieden sich schließlich für diese spanische Version, so dass die deutsche Spotlight-Produktion nicht mehr aufgeführt werden darf. Nach der deutschsprachigen Erstaufführung 2023 in München ist nun das spanische Werk in der Übersetzung von Hartmut H. Forche und Jaime Roman Briones bei den Freilichtspielen Tecklenburg zu erleben – und beweist eindrucksvoll, dass der Stoff auch in neuer musikalischer Gestalt großes Freilichttheater sein kann.

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Wer beide Musicalfassungen kennt, reibt sich allerdings verwundert die Augen. Obwohl Gordons Roman eine Fülle an Figuren, Handlungssträngen und Schauplätzen bietet, greifen beide Autorenteams nahezu identisch auf dieselben Episoden zurück. Wieder begleiten die Zuschauer Rob Cole von seiner Kindheit über die Lehrjahre beim Bader bis an die berühmte Medizinschule in Isfahan. Neue Perspektiven oder bislang unerzählte Kapitel sucht man nahezu vergeblich. Stattdessen setzen beide Werke dieselben erzählerischen Schlaglichter. Der entscheidende Unterschied liegt daher weniger im Inhalt als in musikalischer Sprache und dramaturgischer Gewichtung.

„Der Medicus“ in Tecklenburg (Foto: Dominik Lapp)

Gerade hier offenbart das Buch von Iván Macias und Félix Amador zugleich seine größte Schwäche. Mit knapp drei Stunden Spieldauer ist die Fassung zwar bereits deutlich gestrafft gegenüber der spanischen Originalproduktion, die weit über drei Stunden dauerte. Dennoch zieht sich insbesondere der erste Akt spürbar. Robs Kindheit und seine Zeit beim Bader nehmen viel Raum ein, ohne dass die Handlung entscheidend voranschreitet. Erst mit der Ankunft in Isfahan gewinnt das Geschehen merklich an Dynamik. Diese Längen entspringen allerdings weniger der Inszenierung als vielmehr der literarischen Vorlage beziehungsweise deren Bühnenbearbeitung.

Regisseur Werner Bauer gelingt es dennoch, aus diesem Material einen packenden Musicalabend zu formen. Seine Personenführung erzählt Welten bereits über Körperhaltungen. Das mittelalterliche London erscheint als düsterer Ort voller Elend. Die Menschen gehen gebückt, schleppen sich erschöpft durch ihr Leben und wirken von Krankheit und Armut gezeichnet. In Isfahan dagegen richtet sich der Blick auf. Die Figuren bewegen sich aufrecht, beinahe grazil, wodurch die kulturelle Blüte Persiens unmittelbar sichtbar wird. Solche Details verleihen der Aufführung eine starke Bildsprache.

Besonders ein Regieeinfall bleibt im Gedächtnis: Immer wenn Rob seine geheimnisvolle Gabe spürt und erkennt, dass ein Mensch sterben wird, erscheint Gevatter Tod in unmittelbarer Nähe. So wird das Unsichtbare sichtbar gemacht, ohne dass viele Worte nötig wären. Ebenso eindrucksvoll entfaltet Bauer seine Idee vom Leben als Schachspiel. Wenn Rob und der Schah gegeneinander antreten, verwandelt sich das Brett in eine choreografierte Szene mit überlebensgroßen menschlichen Schachfiguren. Dieses Bild verbindet Macht, Strategie und Schicksal auf ebenso kluge wie eindrucksvolle Weise.

„Der Medicus“ in Tecklenburg (Foto: Dominik Lapp)

Bart De Clercqs Choreografie greift Werner Bauers Gedanken konsequent auf. Sie dient niemals bloßer Dekoration, sondern treibt die Handlung ständig voran. Besonders die unterschiedlichen Bewegungsmuster zwischen London und Isfahan verstärken den kulturellen Gegensatz. Die Schachsequenz entwickelt sich durch das perfekte Zusammenspiel von Regie und Choreografie zu einem der stärksten Momente des Abends.

Auch musikalisch schlägt das Werk andere Wege ein als sein deutscher Vorgänger. Dennis Martins Version setzte stärker auf eingängige Popklänge, während Iván Macias überwiegend sinfonisch komponiert. Seine Partitur erinnert eher an große Musicalepen wie „Les Misérables“ oder „Titanic“. Unter der Leitung von Juheon Han entfaltet das 26-köpfige Orchester einen geradezu überwältigenden Klang. Eine derart große Besetzung ist im kommerziellen Musicalbetrieb längst zur Ausnahme geworden. Umso erstaunlicher wirkt die klangliche Balance unter freiem Himmel. Trotz der akustischen Herausforderungen der Freilichtbühne entfalten sich die orchestralen Farben mit beeindruckender Fülle, tragen die dramatischen Szenen und verleihen den lyrischen Momenten große Ausdruckskraft.

„Der Medicus“ in Tecklenburg (Foto: Dominik Lapp)

Das Bühnenbild von Jens Janke unterstützt diesen Eindruck mit viel Liebe zum Detail. Das mittelalterliche London entsteht aus Stein- und Holzbauten, die rau und authentisch wirken. Besonders der detailliert gestaltete Karren des Baders lädt dazu ein, immer neue Kleinigkeiten zu entdecken. Später öffnet sich die Bühne für das prachtvolle Isfahan, das einen wirkungsvollen Kontrast zur grauen Enge Londons bildet.

Die Kostüme von Fabienne Ank gehören ohne Zweifel zu den Höhepunkten der Produktion. Während in London dunkle, schlichte Stoffe Armut und Trostlosigkeit spiegeln, explodiert Isfahan förmlich in Farben. Helle Gewänder, kostbare Stoffe und glitzernde Verzierungen machen den orientalischen Hof zu einem visuellen Fest. Vor allem die Gewänder der Schachfiguren, des Schahs und der persischen Tänzerinnen ziehen die Blicke immer wieder auf sich. Philip Hagers Maskenbild rundet dieses stimmige Gesamtbild überzeugend ab. Ralf Junghöfers sorgfältig einstudierter Chor verleiht den großen Massenszenen zusätzlich Kraft und sorgt sowohl in England als auch in Persien für eindrucksvolle Atmosphäre.

„Der Medicus“ in Tecklenburg (Foto: Dominik Lapp)

Im Mittelpunkt steht jedoch Thomas Hohler, der nach längerer Tecklenburg-Pause – zuletzt war er in „Mrs. Doubtfire“ zu erleben – eindrucksvoll auf die Freilichtbühne zurückkehrt. Sein Rob Cole entwickelt sich glaubhaft vom lebensfrohen Jungen über den wissbegierigen Schüler bis zum angesehenen Arzt. Hohler gestaltet diese Entwicklung mit großer Spielfreude und beeindruckender Wandlungsfähigkeit. Seine markante Stimme meistert die anspruchsvolle Partie zudem mühelos.

Navina Heyne überzeugt als Mary Cullen ebenfalls auf ganzer Linie. Sie verbindet ihre starke Bühnenpräsenz mit klarem Gesang und bildet gemeinsam mit Hohler ein harmonisches Zentrum der Handlung. Wolfgang Höltzel verleiht Avicena Würde, Weisheit und menschliche Wärme, ohne den Gelehrten in Ehrfurcht erstarren zu lassen. Gerben Grimmius gestaltet den Schah mit eindrucksvoller Autorität und unterschwelliger Bedrohlichkeit, während Mathias Meffert als Quandrasseh genüsslich jede Facette seines skrupellosen Gegenspielers auskostet.

„Der Medicus“ in Tecklenburg (Foto: Dominik Lapp)

Besonders profitiert diese Version jedoch vom deutlich erweiterten Bader. Benjamin Eberling nutzt diese zusätzliche Bühnenzeit hervorragend. Sein Bader ist geschäftstüchtiger Scharlatan, gewiefter Verkäufer dubioser Wundermittel und zugleich überraschend fürsorglicher Ersatzvater für Rob. Eberling vereint Witz, Charisma und Herz mit großem darstellerischem Können und starker Gesangsleistung. Dadurch entwickelt sich die Figur zu einer der interessantesten des gesamten Abends.

Auch in den kleineren Rollen überzeugt das Ensemble: Lisa Kolada berührt als Rob Coles früh sterbende Mutter und Jan Altenbockum setzt als Merlin den entscheidenden Impuls für Robs Reise nach Isfahan. Michael Berres als Mirdin, Jürgen Brehm als Karim, Tim Grimme als Tuveh, Niklas Roling als Simón und Christian Rosprim als Meir verleihen Robs Studienzeit an der Medizinschule glaubwürdige Konturen und fügen sich stimmig in das große Ensemble ein.

So entsteht in Tecklenburg ein opulenter Musicalabend, dessen größte Stärken in der Inszenierung, der Musik und einer fantastischen Cast liegen. Werner Bauer, Bart De Clercq und das hervorragend aufgelegte Ensemble überwinden die erzählerischen Längen des ersten Akts mit starken Bildern, kluger Personenführung und musikalischer Wucht. Unbedingt ansehen!

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".