
Neuer Song, neues Set, noch immer Kult: „Heiße Ecke“ in Hamburg
Seit 2003 ist das Musical „Heiße Ecke“ am Schmidts Tivoli in Hamburg das Herzstück des Hauses, ein Stück voller Kiezgeschichten, schnellen Pointen und einem bunten Reigen an Figuren, die zwischen Currywurst, Bier und Sehnsucht nach dem großen Glück pendeln. Dass das Stück von Martin Lingnau (Musik), Heiko Wohlgemuth (Songtexte) und Thomas Matschoß (Buch) nun nach 22 Jahren behutsam überarbeitet wurde, merkt man sofort: Die neue Leuchtreklame strahlt frisch und einladend über der Bühne, eine realistisch anmutende Bahnhofsuhr lässt die verstreichenden Stunden sichtbarer werden, und selbst ein Haspa-Geldautomat hat als charmantes neues Bühnendetail seinen Weg in das Setting gefunden – wenn auch ohne dramaturgische Funktion. Es wirkt alles zeitgemäßer, ohne den vertrauten Charme zu verlieren.
Das Wichtigste aber: Musikalisch hat die „Heiße Ecke“ ein neues Schlüsselstück bekommen. Der Song „Zwischen gestern und morgen“ ist der große Gewinn dieser Überarbeitung. Er erhebt sich deutlich über die sonstigen, oft bewusst kurzweiligen und humorvollen Nummern hinaus und verleiht dem Abend eine neue Emotion. Tiziana Turano, die über den gesamten Abend hinweg mit der klarsten und kraftvollsten Stimme glänzt, macht aus der Ballade einen Gänsehautmoment. Als Lisa singt sie mit einer Mischung aus zarter Verletzlichkeit und selbstbewusstem Ausdruck – man spürt, wie sehr die Produktion auf genau diese Intensität gesetzt hat.
Ansonsten bleibt „Heiße Ecke“ das, was es immer war: ein Gute-Laune-Musical mit Lokalkolorit, das von seinem Ensemble lebt. Kathi Damerow begeistert in allen ihren Rollen, aber wie eh und je vor allem als Margot, deren schnoddrige Kommentare am Imbissstand seit dem Jahr 2003 ein Publikumsmagnet sind. Petra Staginnus überzeugt ebenso in allen ihren Rollen mit wandlungsfähiger Stimme und authentischem Spiel, während Robin Brosch mit großer Natürlichkeit seine Figuren zum Leben erweckt. Für viele Lacher sorgen Udo Eickelmann als hyperaktiver Partylöwe Pitter und Stefanie Schwendy als Manu, die sich beim Junggesellinnenabschied hemmungslos ins Nachtleben stürzt. Jasmin Fihlon, Patrick Adrian Stamme und Mattis Moll fügen sich nahtlos in dieses stimmige Kollektiv ein. Wie alle Mitwirkenden ständig zwischen ihren verschiedenen Rollen wechseln, ist schlichtweg grandios.
Bemerkenswert ist, dass trotz aller Leichtigkeit die Figuren stets einen Rest Wahrhaftigkeit behalten. In der Mischung aus Slapstick, Sentiment und Situationskomik spiegelt sich das Lebensgefühl St. Paulis – die brüllende Nacht, die bröckelnden Hoffnungen, das kleine Glück im Vorübergehen. Gerade in Zeiten, in denen große Musicalhäuser mit internationalen Blockbustern dominieren, behauptet „Heiße Ecke“ am Spielbudenplatz seine Sonderstellung: Es ist kein Import, sondern ein Stück Hamburg, gewachsen, geliebt und nun mit frischem Glanz versehen.
Text: Jannic Hilla (unter Mitarbeit von Dominik Lapp)