„L'Orfeo“ (Foto: Sandra Then)
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Düsterer als erwartet: „L’Orfeo“ in Hannover

Claudio Monteverdis „L’Orfeo“ ist nicht nur ein Schlüsselwerk der Operngeschichte, das seit mehr als 400 Jahren aufgeführt wird, sondern hat bis heute nichts an Emotionalität, Aktualität und Wirksamkeit eingebüßt. Das beweist Regisseurin Silvia Costa jetzt mit ihrer sehenswerten Inszenierung an der Staatsoper Hannover, die viel düsterer ist als erwartet.

Besonders spannend an dieser Neuinszenierung ist die Lesart der Regisseurin. So sieht man zu Beginn Orfeos Augen als Video auf einem Gaze-Vorhang (Video: Furio Ganz). Plötzlich wird der Blick kaleidoskopartig gebrochen, weil nichts ist, wie es scheint. Sein Körper liegt auf dem Boden, verbindet sich mit der Erde und stellt eine Verbindung zur Unterwelt her.

So verwundert es nicht, als sich der Vorhang hebt, dass das Publikum keine helle Pastellfarben-Welt zu sehen bekommt, in der die Hochzeit von Orfeo und Euridice gefeiert wird. Stattdessen präsentiert Costa die ersten beiden Akte in den dunklen Farben der Unterwelt, weil diese den Titelhelden bereits unheilvoll umgibt, bevor er in sie hinabsteigt, um seine Geliebte aus dem Totenreich zurückzuholen.

„L'Orfeo“ (Foto: Sandra Then)

Das Bühnenbild in Anthrazit, für das ebenfalls die Regisseurin verantwortlich zeichnet, ist mit einem von Mauern umsäumten Gebäude und Garten recht sparsam und düster, visualisiert allerdings sehr gut das über allem schwebende Unheil. Vor allem die Unterwelt im vierten und fünften Akt wirkt dann sogar richtig mystisch mit den Nebelschwaden, die durch eine steinerne Landschaft wabern, in der sich geheimnisvolle bunte Wesen tummeln (Kostüme: Laura Dondoli).

Die Tragödie wird jedoch nicht nur in visuellen, sondern insbesondere in musikalischen Bildern entwickelt. Monteverdis Musik ragt dabei durch dramatische Kraft und Emotionalität heraus, die das Niedersächsische Staatsorchester unter der Leitung von David Bates aufbringen kann. Als Barockexperte gelingt es Bates, der Partitur neue Farben sowie eine stringente Dramatik zu verleihen. Zu musikalischen Höhepunkten gestalten sich außerdem die wenigen Chornummern (Einstudierung: Lorenzo Da Rio), die mit Agilität und Präzision den Saal klangvoll erfüllen.

Ebenso klangvoll ist auch die Riege der Solistinnen und Solisten. So gibt Luvuyo Mbundu einen stimmlich expressiven Orfeo, Nikki Treurniet zaubert als Euridice mit ihrem glasklaren Sopran die Melodien Monteverdis in den Raum und Petra Radulovic singt ihre Nymphe mit strahlender Stimme.

Auch der markige Richard Walshe (Plutone), die überaus präsente Nina van Essen (Botin, Proserpina) sowie Marco Lee (Apollo) und Markus Suihkonen (Caronte) passen hervorragend in das Klangbild. Als Hirten überzeugen darüber hinaus Philipp Kapeller, Pawel Brozek und ganz besonders Nils Wanderer mit seinem feinfühlig-extravaganten Countertenor.

Am Ende bleibt dieser „L’Orfeo“ einer jener Abende, an denen niemand etwas falsch gemacht hat, das Premierenpublikum aber lediglich warmen Applaus spendet und das Kreativteam sogar vereinzelte Buh-Rufe aushalten muss. Offensichtlich konnte Regisseurin Silvia Costa einige Erwartungen nicht erfüllen. Wer sich indes auf ihre neue Lesart des Stoffs einlässt, kann durchaus Gefallen daran finden.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".