„Goethe!“ (Foto: Dominik Lapp)
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So geht Musical: „Goethe!“ in Bad Hersfeld

Kaum zu glauben, dass diesem herausragenden Musical drohte, für immer in der Schublade der Autoren zu bleiben: „Goethe!“, nach dem gleichnamigen Film von Philipp Stölzl, ist jetzt bei den Bad Hersfelder Festspielen uraufgeführt worden, nachdem es bereits vor vier Jahren an der Folkwang Universität der Künste in Essen als Try-out vor Publikum getestet wurde. Schon damals ein starkes Werk, ist es heute geradezu perfekt – was auch an der wunderbaren Kulisse der historischen Stiftsruine liegt.

Ursprünglich von Musical-Branchenprimus Stage Entertainment beim Autorenteam Martin Lingnau (Musik), Frank Ramond (Songtexte) und Gil Mehmert (Buch) in Auftrag gegeben, war das Goethe-Musical einst als En-suite-Produktion konzipiert worden. Nachdem die Autoren mit „Das Wunder von Bern“ bereits einen Film erfolgreich für die Musicalbühne adaptiert hatten, widmeten sie sich der Bühnenversion des Philipp-Stölzl-Films „Goethe!“, die es allerdings nicht über die Workshop-Phase hinaus schaffte, weil Stage Entertainment die Entwicklungsabteilung kurzerhand dichtmachte und alle in Entwicklung befindlichen Musicals stoppte – somit auch „Goethe!“, das damals noch den Untertitel „Auf Liebe und Tod“ trug.

„Goethe!“ (Foto: Dominik Lapp)

Ohne Untertitel, aber sonst nicht großmächtig verändert im Vergleich zum Essener Try-out, hat das Stück nun endlich seinen Weg auf eine große Bühne gefunden. Und groß ist nicht nur die Bühne in der Stiftsruine, sondern auch das Orchester. War es in Essen noch eine sechsköpfige Band, die Martin Lingnaus Score zum Klingen brachte, sitzen in Bad Hersfeld nun 21 Musikerinnen und Musiker im Orchestergraben. Das hat Wumms und wird der großartigen Musik absolut gerecht.

Selten hat man ein Musical gesehen, das von Anfang an solch ein hohes Tempo aufbaut und zwei Stunden – gespielt wird ohne Pause – konstant halten kann, wie es bei „Goethe!“ der Fall ist. Das liegt vor allem daran, dass das Stück durchkomponiert ist und ununterbrochen Musik zu Gehör kommt. Die Handlung hangelt sich also nicht von Song zu Song, die Musik wird nicht durch Dialoge unterbrochen. So entsteht ein schneller Erzählfluss, zwischen den einzelnen Songs wird – ähnlich wie in der Oper – rezitiert und die eingängige Musik von Martin Lingnau legt sich wie ein Filmsoundtrack über Handlung und Figuren und lässt alles zu einer herrlichen Einheit verschmelzen.

„Goethe!“ (Foto: Dominik Lapp)

Ohnehin beweist Lingnau mal wieder, dass er ein kompositorischer Zauberer ist: Sein Score, der vom Orchester unter der Leitung von Christoph Wohlleben hervorragend interpretiert wird, bietet eine gelungene Abwechslung aus druckvollen Ensemblenummern, emotionalen Balladen und Duetten sowie knackigen Rocknummern.

Die Moderne, die sich in der Musik widerspiegelt, findet sich auch im Buch und der Inszenierung von Gil Mehmert. Goethe wird hier weniger als Dichter und Denker, sondern vielmehr als Stürmer und Dränger gezeigt. Was das Publikum zu sehen bekommt, ist alles andere als eine auf die Bühne gebrachte Goethe-Biografie. Das Stück zeigt kein historisches Abbild des Dichters, sondern die Selbstfindung eines jungen Künstlers, der allen Widrigkeiten trotzt und seinen eigenen Weg geht.

„Goethe!“ (Foto: Dominik Lapp)

Im Gegensatz zu anderen Musicals, die eine historische Persönlichkeit in den Fokus der Handlung stellen, erzählt „Goethe!“ nicht das komplette Leben des Hauptprotagonisten und endet mit dessen Tod. Stattdessen wird nur eine Episode aus dem Leben des Dichters gezeigt und der reale Goethe dabei mit dessen Romanfigur Werther vermischt, was nicht nur gut funktioniert, sondern dem jungen und übermütigen Jungpoeten sehr nahekommt.

Das hohe Tempo, das schon allein durch die Musik entsteht, wird konstant gehalten, weil immer mehrere Filmszenen zu einer großen Bühnenszene zusammengefasst wurden, in deren Mittelpunkt ein eigenständiger Song steht. So hat Buchautor Gil Mehmert, der in Personalunion auch als Regisseur verantwortlich zeichnet, die Handlung des Films sehr gelungen sortiert und gestrafft. Dadurch kommt zu keiner Zeit Langeweile auf – auch nicht für das Ensemble, das von einem Quickchange zum nächsten hetzt. Jede Szene, jeder Song treibt die Handlung voran und sorgt dafür, dass dem Publikum kaum Zeit zum Durchatmen bleibt. Das Geschehen auf der Bühne gleicht damit schon fast einem Musikvideo und zeigt Goethe als jungen Popstar.

Der Drive der Inszenierung spiegelt sich auch in der rasanten Choreografie von Kim Duddy wider, wodurch insbesondere die großen Ensemblenummern aufgewertet werden, die optisch eine Menge hergeben. Ein Höhepunkt ist dabei die psychedelische Traumsequenz. Positiv zur Optik trägt zudem die Ausstattung bei. So setzt Claudio Pohle mit seinen Kostümen auf eine richtig gute Mischung aus gegenwärtiger Alltagskleidung und Rokoko-Anleihen. So dürfen Puderlocken, Rüschen und ausladende Kleider natürlich nicht fehlen, die aber durch Jeans und moderne Jacken ergänzt werden.

Hauptaugenmerk beim Bühnenbild von Jens Kilian ist eine klassische Guckkastenbühne, ausgestattet mit einem Vorhang, der für Schattenspiele eingesetzt wird oder den Blick auf verschiedene Handlungsorte wie eine Kammer, einen Gerichtssaal oder das Haus der Familie Buff freigibt – das wurde so schon beim Try-out in Essen umgesetzt, in Bad Hersfeld aber noch etwas größer aufgebaut. Wenn Bäume, Pferde oder eine Kutsche zu sehen sind, nutzt der Bühnenbildner überdimensionale Scherenschnittbilder – das ist so einfach wie genial.

„Goethe!“ (Foto: Dominik Lapp)

In seiner Inszenierung setzt Gil Mehmert auf einfache Stilmittel und auf Tempo, auf filmartige Szenenübergänge und auch auf eine starke Personenregie. Trotz des hohen Erzähltempos, zeichnet er mit durchweg exzellenten Darstellerinnen und Darstellern sehr überzeugende Rollenporträts. So gibt Philipp Büttner die Titelrolle als jungen Hitzkopf, der von Sturm und Drang getrieben wird. Goethes Gefühle für Lotte und die Leidenschaft für seine Schreiberei bringt Büttner authentisch über die Rampe. Den jungen Popstar nimmt man ihm zu jeder Zeit ab. Stimmlich glänzt er zudem mit seinem strahlenden Tenor.

Eine liebenswürdige wie schlagfertige Lotte ist Abla Alaoui, der es gelingt, die innere Zerrissenheit ihrer Figur sehr gut nach außen zu tragen. Wie Lotte hin- und hergerissen ist zwischen Goethe und Kestner, weiß Alaoui gut darzustellen. Mit ihrem hellen Sopran läuft sie gesanglich ebenso zu Hochtouren auf. Die Harmonie zwischen ihr und Philipp Büttner sorgt letztendlich dafür, dass man ihnen das unglückliche Liebespaar abnimmt.

„Goethe!“ (Foto: Dominik Lapp)

Eine fantastische Leistung erbringt auch Thomas Hohler als Wilhelm. Mit sichtbarem Einsatz und geradezu jugendlicher Leichtigkeit mimt er den Freund und Kommilitonen Goethes und weiß dabei gesanglich mit sicher geführter und wohlklingender Stimme zu überzeugen. Als Kestner gibt Christoph Messner einen sehr guten Gegenspieler Goethes, der seinem Nebenbuhler duldsam und geduldig begegnet, sehr um- und nachsichtig, zurückhaltend, aber bestimmend. Ebenfalls stark besetzt wurden der Rotschopf mit Karen Müller, Goethes Vater mit Rob Pelzer und Lottes Vater mit Detlef Leistenschneider. Einen bleibenden Eindruck hinterlassen weiter Mischa Mang als Mephisto und Inga Krischke als Anne sowie eine spielfreudige Isabel Waltsgott als Elisabeth.

Wie schon im Film, verschwimmen im Musical „Goethe!“ die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. So hat es beispielsweise ein Duell zwischen Goethe und Kestner in Wirklichkeit zwar nie gegeben, doch ist belegt, dass Goethe Kestner den Tod wünschte. Die Kunstfreiheit erlaubt es im Film wie im Musical, dieses Motiv dramatisch umzusetzen. Und am Ende steht nicht die Frage im Raum, ob „Goethe!“ historisch korrekt ist, sondern ob es gut unterhalten hat. Und diese Frage kann ohne zu zögern mit einem klaren Ja beantwortet werden. So geht Musical!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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