Werther (Foto: Christian Kleiner)
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Klassiker im Smartphone-Zeitalter: „Die Leiden des jungen Werther“ in Mannheim

Werther goes social. Im Studio des Werkhauses zeigt das Nationaltheater Mannheim Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ in einer modernen Interpretation als multimediales Ein-Personen-Stück, kurz und knackig von Regisseurin Jacqueline Reddington in einer Stunde erzählt. Da schon in Goethes Roman die Geschichte nur aus Werthers Sicht erzählt wird, liegt es geradezu auf der Hand, auch das Bühnenstück nur mit einem Schauspieler aufzuführen.

Mit László Branko Breiding hat man einen fähigen Schauspieler verpflichtet, der seinem Werther eine glaubhafte Kontur verleiht. Dabei schreibt er seiner Lotte aber nicht mit Feder und Papier, sondern ganz modern auf dem Smartphone. Werthers Nachrichten und Lottes Antworten werden dabei auf Umzugskartons (Bühnenbild und Kostüme: Louis Panizza) projiziert.

Während man früher mitunter Tage auf eine Antwort per Brief warten musste, funktioniert der Nachrichtenaustausch heutzutage wesentlich schneller. Innerhalb weniger Sekunden hat Werther seine Nachrichten ins Handy getippt, ebenso schnell könnte ihn Lottes Antwort erreichen. Doch er wartet eine gefühlte Ewigkeit. Denn seine Lotte ist sehr beschäftigt. Und so leidet das Publikum mit Werther, den László Branko Breiding ganz wunderbar spielt. Breiding ist intensiv in seinem Schauspiel, spricht mal in Gegenwartssprache und mal in Goethes Originaltexten. Er interagiert mit dem Publikum, durchbricht so immer wieder die vierte Wand.

Sein Werther ist ein hibbeliger Stürmer und Dränger, modern und jugendlich. Der Wechsel zwischen Verliebtsein und Verrücktsein gelingt László Branko Breiding mit Bravour. Er variiert gekonnt Stimmungen, spielt ironische Brüche und vermittelt dem Publikum so ganz hervorragend sein Liebesleid. Vor allem aber entblößt er sich geradezu emotional und zeigt sich dem Publikum als suizidaler Stalker.

Regisseurin Jacqueline Reddington holt Werther ins Hier und Jetzt und überträgt die Figur in unsere heutige Medienkultur, ins Smartphone-Zeitalter. Sie lässt Werther in seiner Wohnung Umzugskisten auspacken, aus denen immer mehr Erinnerungsstücke an Lotte zum Vorschein kommen. Das Publikum erlebt dabei nicht nur die Geschichte von einer unglücklichen Liebe, sondern auch die verzweifelte Suche nach der Lokalisierung einer jungen Generation – und das funktioniert sehr gut, wie sich am begeisterten Schlussapplaus ablesen lässt.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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