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Fantastisch: „Goethe! Auf Liebe und Tod“ in Essen

Viele Bühnenproduktionen werden heutzutage als Musical bezeichnet. Doch nicht jede Produktion hat diese Bezeichnung verdient. Unter all den Musicals, die es jedes Jahr neu auf die Bühne schaffen, gilt es, die wahren Perlen zu finden – solch eine seltene Perle ist „Goethe! Auf Liebe und Tod“ aus der Feder von Martin Lingnau (Musik), Frank Ramond (Liedtexte) und Gil Mehmert (Buch), das jetzt in der Neuen Aula der Folkwang Universität der Künste in Essen als so genannte Try-out-Produktion seine Premiere feierte. Kaum zu glauben, dass dem Stück drohte, für immer in der Schublade der Autoren zu bleiben.

Ursprünglich von Musical-Branchenprimus Stage Entertainment beim Autorenteam in Auftrag gegeben, war das Goethe-Musical einst für die ganz große Bühne konzipiert worden. Nachdem die Autoren mit „Das Wunder von Bern“ bereits einen Film erfolgreich für die Musicalbühne adaptiert hatten, widmeten sie sich der Bühnenversion des Philipp-Stölzl-Films „Goethe!“, die es allerdings nicht über die Workshop-Phase hinaus schaffte, weil der neue Mehrheitsgesellschafter von Stage Entertainment die Entwicklungsabteilung kurzerhand dichtmachte und alle in Entwicklung befindlichen Musicals stoppte – somit auch „Goethe! Auf Liebe und Tod“.

Weil die Musicalstudenten der Folkwang Universität der Künste in Essen aber ohnehin jedes Jahr ein Bühnenstück aufführen, entschied sich „Goethe!“-Autor Gil Mehmert dafür, das Stück unter seiner Regie in Essen zu zeigen – quasi als Testlauf und Werkschau für künftige Produzenten. Eine goldrichtige Idee, denn „Goethe! Auf Liebe und Tod“ ist ein fantastisches und absolut sehenswertes Stück.

Wohl eher selten hat man ein Musical gesehen, das von Anfang an solch ein Tempo aufbaut und zwei Stunden konstant halten kann, wie es hier der Fall ist. Das liegt vor allem daran, dass das Stück nahezu komplett durchkomponiert ist und ununterbrochen Musik zu Gehör kommt. Die Handlung hangelt sich also nicht von Song zu Song, die Musik wird nicht durch Dialoge unterbrochen. Vielmehr entsteht ein schneller Erzählfluss, zwischen den einzelnen Songs wird – ähnlich wie in der Oper – rezitiert (man könnte es auch „sprechgesungen“ nennen) und die gefällige Musik von Martin Lingnau legt sich wie ein Filmsoundtrack über Handlung und Figuren und lässt alles zu einer herrlichen Einheit verschmelzen.

Ohnehin beweist Lingnau mal wieder, dass er ein kompositorischer Zauberer ist: Sein Score, der von der sechsköpfigen Band unter der Leitung von Patricia Martin hervorragend interpretiert wird, bietet eine gelungene Abwechslung und einen Ohrwurm nach dem anderen. Stimmstarke Ensemblenummer wechseln sich mit ausladenden Balladen, emotionalen Duetten und knackigen Rocknummern ab.

Die Moderne, die sich in der Musik widerspiegelt, findet sich auch im Buch und der Inszenierung von Gil Mehmert. Goethe wird hier weniger als Dichter und Denker, sondern vielmehr als Stürmer und Dränger gezeigt. Was das Publikum zu sehen bekommt, ist alles andere als eine auf die Bühne gebrachte Goethe-Biografie. Das Stück zeigt kein historisches Abbild des Dichters, sondern die Selbstfindung eines jungen Künstlers, der allen Widrigkeiten trotzt und seinen eigenen Weg geht.

Im Gegensatz zu anderen Musicals, die eine historische Persönlichkeit in den Fokus der Handlung stellen, erzählt „Goethe! Auf Liebe und Tod“ nicht das komplette Leben des Hauptprotagonisten und endet mit dessen Tod, wie es zum Beispiel bei Stücken wie „Elisabeth“, „Mozart!“ oder „Evita“ der Fall ist. Vielmehr orientiert sich die mal dramatische und mal witzige Erzählweise, die an Filme wie „Amadeus“ und „Shakespeare in Love“ erinnert, an einer Episode aus dem Leben Goethes, die mit einem Triumph – der gefeierten Veröffentlichung des Romans „Die Leiden des jungen Werthers“ – endet.

Der Drive, der schon durch die Musik entsteht, wird außerdem vorangetrieben, weil immer mehrere Filmszenen zu einer großen Bühnenszene zusammengefasst wurden, in deren Mittelpunkt ein eigenständiger Song steht. So hat Buchautor Gil Mehmert die Handlung des Films sehr gelungen sortiert und gestrafft – und dadurch kommt zu keiner Zeit Langeweile auf. Jede Szene, jeder Song treibt die Handlung voran und sorgt dafür, dass dem Publikum kaum Zeit zum Durchatmen bleibt. Das Geschehen auf der Bühne gleicht damit schon fast einem Musikvideo und zeigt Goethe so, wie ihn die Autoren sehen – als ersten jungen Popstar.

Das Tempo der Handlung hat Simon Eichenberger ebenso in die Choreografie übertragen. Seine von den Protagonisten hervorragend ausgeführten Tanzschritte sind geradezu energiegeladen und äußerst fantasievoll, was besonders schön visualisiert wird in einer Szene, in der das Ensemble nach Aktenordnern greift, diese aufklappt und wie Vögel anmutig im Wind flattern lässt.

Doch auch die Ausstattung von Eva-Maria van Acker und Maria Wolgast kann sich sehen lassen und fügt sich bestens in das moderne Gesamtkonzept ein. Da sind einerseits die Kostüme, bei denen nicht auf angestaubte Rokoko-Kostüme und Puderlocken gesetzt wurde, sondern auf gegenwärtige Kleidung. Andererseits ist da das spärliche, aber funktionelle Set, das auch die Band – platziert auf Podesten links und rechts auf der Bühne – ins Geschehen integriert, dadurch bewusst sichtbar macht und eine Art Konzertatmosphäre schafft. Hauptaugenmerk der Szenerie ist jedoch eine kleine Guckkastenbühne, ausgestattet mit einem Vorhang, der für Schattenspiele eingesetzt wird und zudem den Blick auf verschiedene Handlungsorte wie eine Kammer, einen Gerichtssaal, eine Kirche oder das Haus der Familie Buff freigibt – immer unterstützt durch ein paar entsprechende Requisiten und Möbel.

Mit einfachsten Mitteln werden in Gil Mehmerts Inszenierung von „Goethe! Auf Liebe und Tod“ ganz zauberhafte Szenen geschaffen. So gibt es unter anderem verdienten Szenenapplaus für eine Reiterszene, in der es nicht mehr bedarf als zwei Pferdeköpfe und zwei Hocker sowie einige Ensembledarsteller, die das Geäst von Bäumen auf ihren Schultern tragen. Durch den geschickten Einsatz von Licht (ausgeklügeltes Lichtdesign: Michael Grundner), etwas Bühnennebel und sich in Slow Motion bewegenden Darstellern entsteht letztendlich eine wirklich starke Szene im ersten Akt. Nicht weniger sehenswert ist allerdings die Szene am Ende des zweiten Akts, in der Goethe im Kerker sitzt und einen Brief schreibt, den Lotte an einer anderen Stelle der Bühne liest, während die geschriebenen Worte auf ein überdimensionales Kleid projiziert werden und dadurch ein ganz großer Theatermoment entsteht.

Aber bei all den positiven Worten zu Stück und Inszenierung sollen selbstverständlich auch die Bühnenprotagonisten nicht vergessen werden. Mit den Folkwang-Musicalstudenten und -Absolventen sowie eigens engagierten Gaststars wurde ein homogen agierendes und perfekt bis in die kleinste Rolle besetztes Team für „Goethe! Auf Liebe und Tod“ zusammengestellt. Allen voran begeistern erwartungsgemäß die Darsteller von Johann Wolfgang Goethe und Lotte Buff, dargestellt von Merlin Fargel und Lina Gerlitz.

Merlin Fargel weiß gesanglich mit seinem starken Tenor zu überraschen und macht auch schauspielerisch eine gute Figur. Sein Goethe ist ein junger Hitzkopf, von Sturm und Drang getrieben. Goethes Liebe zu Lotte und zur Schreiberei vermag er absolut glaubwürdig herüberzubringen. So gelingt es ihm, den von Gil Mehmert erwünschten jungen Popstar zu erschaffen, der das Publikum in jeder Sekunde mitreißt.

Ihre Sache gut macht auch die bezaubernde Lina Gerlitz. Ihre Lotte ist genauso liebenswürdig wie schlagfertig, immer hin- und hergerissen zwischen Goethe und ihrem Verlobten. Gesanglich lässt sie besonders zu Beginn des zweiten Akts aufhorchen, wenn sie ihr Solo „Irgendwann“ mit glockenklarer Stimme und viel Gefühl ins Auditorium schmettert.

Gesangliche Glanzleistungen liefern zudem Sarah Wilken in der Rolle der Anne und Anneke Brunekreeft als Margarethe ab. Marvin Schütt in der Rolle des Kestner agiert rollendeckend und ist gesanglich sicher, wenn er den herrlich nervigen, teils schon schmierigen Gegenspieler Goethes gibt. Und auch Florian Minnerop als Wilhelm Jerusalem und guter Freund Goethes bringt eine fantastische Leistung – sowohl schauspielerisch als auch stimmlich. Einzig Wilhelms Freitod berührt nicht recht, weil sich die Szene dramaturgisch kaum entwickelt und der für den liebeskranken Wilhelm erlösende Pistolenschuss lediglich durch ein Black visualisiert wird, bevor direkt zur nächsten Szene übergangen wird – wohl der einzige Minuspunkt, der an das Kreativteam zu vergeben ist.

Für die älteren Rollen hat sich Regisseur Gil Mehmert dankenswerterweise Unterstützung von einigen Gastdarstellern geholt, die ein entsprechendes Alter haben. Das ist nicht nur deshalb erfreulich, weil man dadurch vermeiden konnte, junge Darsteller auf alt schminken zu müssen, sondern weil die erfahrenen Künstler noch ein gewisses Etwas mitbringen. Hier sei allen voran Tom Zahner erwähnt, der als Mephisto, Kammerdiener und Professor eine unglaubliche Wandlungsfähigkeit beweist und insbesondere als Mephisto vom Publikum bejubelt wird. Daniel Berger als Goethes Vater und Mark Weigel als Lottes Vater enttäuschen aber ebenso wenig.

Letztendlich muss der Folkwang Universität der Künste ein großer Dank ausgesprochen werden für den Mut, dieses neue Musical der Öffentlichkeit zu präsentieren. Durch das in Essen präsentierte Try-out ist deutlich geworden, dass „Goethe! Auf Liebe und Tod“ als große Show von Stage Entertainment geplant war. Doch das Team um Gil Mehmert hat bewiesen, dass das Stück auch im kleineren Rahmen und mit begrenzten technischen Möglichkeiten perfekt funktioniert.

Es bietet sich damit sowohl für große kommerzielle Bühne als auch für kleinere Stadttheaterbühnen an. So bleibt nun abzuwarten, wann und wo das Stück künftig zu sehen sein wird. Hitpotenzial ist definitiv vorhanden und die Intendanten hierzulande müssten sich um dieses frische neue Werk streiten. Dem Kreativteam und den mitwirkenden Künstlern der Try-out-Produktion von „Goethe! Auf Liebe und Tod“ bleibt nur eines zu sagen: Chapeau!

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".