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Zehn meiner liebsten Musicalsongs

Nachdem ich vor zwei Monaten über meine zehn schlimmsten Musicalsongs geschrieben habe, erhielt ich einige Zuschriften mit der Frage, was denn nun meine zehn liebsten Musicalsongs seien. Und was soll ich sagen? Das ist wirklich unglaublich schwer. Im Gegensatz zu den Musicalsongs, die ich nicht mag, ändern sich meine Lieblingssongs immer wieder – und die Liste wird länger und länger. Im Grunde hätte ich meine zehn Lieblingssongs unterteilen müssen in zehn Songs für Herren, zehn Songs für Damen, zehn Duette, zehn Ensemblenummern und zehn Ouvertüren. Und selbst dann würde diese Liste aus 50 Songs nur einen Bruchteil der Lieder wiedergeben, die ich richtig gern höre.

Nichtsdestotrotz habe ich jetzt einige Abende darüber nachgedacht, viel Musik (wieder) gehört und versucht, zehn meiner liebsten Musicalsongs aufzuschreiben. Allerdings muss ich diesmal auf die Vergabe klassischer Plätze von eins bis zehn verzichten. Das erscheint mir angesichts der Fülle guter Musicalsongs unmöglich. Hier also nun ein Auszug meiner am liebsten gehörten Nummern:

„Kalte Sterne“ aus „Ludwig²“
Was für eine fantastische Hymne! Dieser Song aus „Ludwig²“ sorgt bei mir immer wieder für Gänsehaut, wenn er zunächst als ruhige Ballade beginnt und sich dann mit dem einsetzenden Orchester zu einer kraftvollen Hymne entwickelt. Dazu der poetische Text mit Zeilen wie „Ich bin Ludwig, bin der König. Ich will bauen, nicht zerstören.“ Treffender könnte man wohl nicht ausdrücken, wie sehr König Ludwig II. für die Kunst gelebt hat, während ihm Kriegstreiberei völlig fremd war. Vielleicht sollten sich einige Staatsoberhäupter diesen Song(text) mal zu Gemüte führen.

„Gute Fahrt“ aus „Titanic“
Noch so eine Gänsehautnummer. Allerdings kein Solo, sondern ein Ensemblesong, ein großer Choral – für mich definitiv eine der schönsten Ensemblenummern weit und breit. Wie die Streicher und Blechbläser in diesem Song miteinander verschmelzen, die Fanfaren das Auslaufen der Titanic ankündigen, dann der Chor „Lebt wohl, lebt wohl, leg ab, Titanic“ schmettert und in der Mitte des Liedes zur Textzeile „Nun fahr mit Gott, mein Schiff, Titanic“ die Trompeten einsetzen – wow! Diese Nummer habe ich zum ersten Mal vor etwas mehr als 19 Jahren gehört, als ich „Titanic“ zum ersten Mal in Hamburg sah. Dieser Choral hat mich damals regelrecht in meinen Theatersessel gedrückt und schafft das noch immer, selbst wenn ich ihn nur im heimischen Wohnzimmer, auf der Couch sitzend, höre.

„Stronger“ aus „Finding Neverland“
Zunächst mal stelle ich mir schon lange die Frage: Warum hat es dieses fantastische Musical eigentlich immer noch nicht nach Europa geschafft? Zumindest der Sprung vom Broadway ins West End ist längst überfällig angesichts der englischen Peter-Pan-Story. Für mich war schnell klar, dass ich mindestens einen Song aus „Finding Neverland“ auf diese Liste setzen muss. Aber welchen? Das Stück hat so wunderbare Balladen, Duette und eben auch so starke Up-Tempo-Nummern wie „Stronger“, für die ich mich letztendlich entschieden habe, da auf der Liste hier genug Balladen genannt werden. Überraschenderweise werden die Songs aus „Finding Neverland“ auch selten bei Konzerten gespielt, obwohl sie so gut sind. Aber vielleicht ist das ganz gut, denn so bleiben sie etwas Besonderes, ein Geheimtipp.

„Der unmögliche Traum“ aus „Der Mann von La Mancha“
Ein Song, der so viel Mut macht. Träume den unmöglichen Traum, kämpfe gegen den unbesiegbaren Feind, ertrage den unerträglichen Kummer, greife nach dem unerreichbaren Stern. Dieser Song aus „Der Mann von La Mancha“ ist bald 60 Jahre alt und doch so zeitlos. Eine starke Ballade, die mich immer wieder packt und nicht loslässt.

„Midnight Radio“ aus „Hedwig and the angry Inch“
Ich habe das Musical „Hedwig and the angry Inch“ tatsächlich erst letzten Monat zum ersten Mal live auf einer Bühne gesehen. Ich kannte zuvor nicht einmal die Musik – außer diesen einen Song mit dem Titel „Midnight Radio“, der nach wie vor zu meinen Favoriten zählt. Eine emotionale Rockballade, in der ein starker Songtext mit Gitarre, Bass und Drums verschmilzt. Lift up your hands!

„Not my Father’s Son“ aus „Kinky Boots“
Dieser Song ist so pur, so ehrlich und markiert einen der wohl emotionalsten Momente im Musical „Kinky Boots“. Bei dieser Nummer verliere ich mich sofort in den Klavierklängen und im Gesang. Ein perfekter ruhiger Song zwischen all den mitreißenden Liedern in „Kinky Boots“.

„This World will remember us“ aus „Bonnie & Clyde“
Ich bin nicht der größte Wildhorn-Fan. Die Musik ist mir meist zu schmalzig-balladesk. Aber „Bonnie & Clyde“ finde ich wirklich gelungen. Eine Nummer, die ich in dem Stück sehr mag, ist „This World will remember us“. Dieses Duett von Bonnie und Clyde ist kein klassisches Liebesduett, sondern eine gelungene Mischung aus rhythmischem Country- und Bluessong, in dem sie ihre Beweggründe erklären. Wenn ich den Song höre, denke ich immer an die großartige Inszenierung in Bielefeld zurück, in der Abla Alaoui und Benedikt Ivo als Titelpaar brillierten.

„My Shot“ aus „Hamilton“
Es ist echt schwierig, einen Song aus „Hamilton“ herauszustellen. Denn die ganze Musik reißt mich mit. Ich habe mich für „My Shot“ entschieden, weil die Nummer nicht nur wunderbar von Rap und R’n’B beeinflusst ist, sondern auch einen starken Text hat mit einer unterschiedlichen Bedeutung des Wortes „shot“. Wenn es „It’s time to take a shot“ heißt, ist damit der alkoholische „Shot“ (auch als „Kurzer“ bekannt) gemeint. Wenn es „Not throwin‘ away my shot“ heißt, ist gemeint, dass „das Pulver nicht verschossen“ werden soll. Und an anderen Stellen im Text ist „shot“ als „Schuss“ wörtlich zu nehmen, wie bei „If you talk, you’re gonna get shot!“ Diese Wortspielerei finde ich genial. Gespannt bin ich schon jetzt, wie das in der deutschen Übersetzung gelöst wird.

„96.000“ aus „In the Hights“
Wenn schon ein Song aus „Hamilton“ dabei ist, darf ein Song aus Lin-Manuel Mirandas Vorgängerstück „In the Heights“ nicht fehlen. Tatsächlich finde ich das Lied „96.000“ ziemlich cool. Tja, was würde man machen, wenn man 96.000 Dollar in der Lotterie gewonnen hätte? In diesem Song fantasieren die Bewohnerinnen und Bewohner des Barrios darüber in bester Rap-Manier, was mir immer gute Laune bereitet.

„Goodbye“ aus „Catch me if you can“
Die schmissige Schlussnummer aus dem Musical „Catch me if you can“ soll auch die Schlussnummer meiner Liste sein. Generell mag ich „Catch me if you can“ aufgrund der Story und der Musik mit dem swingend-jazzigen Big-Band-Sound. Einer meiner Song-Favoriten in dem Stück ist „Goodbye“, weil die Melodie so gut ins Ohr geht und ich es mag, wie Frank Abagnale Jr. sich damit aus seiner großen Show verabschiedet.

Abschließend muss ich noch einmal betonen, dass an dieser Stelle ganz viele Songs fehlen. Im Grunde müssten hier noch Songs aus Musicals wie „Dear Evan Hansen“, „Waitress“, „School of Rock“, „Goethe!“, „Rent“, „tick, tick… BOOM!“, „Billy Elliot“ und vielen anderen stehen. Meine liebsten Musicalsongs zu bestimmen, ist genauso schwierig, wie meine liebsten Musicals festzulegen. Anhand dieser Liste kann man aber vielleicht ablesen, wie breit gestreut mein musikalisches Interesse im Musicalbereich ist und wie ich in Bezug auf Musicals generell ticke.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".