„In the Heights“ (Foto: Warner Bros. Entertainment Inc.)
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Fantastischer Streifen: „In the Heights“ im Kino

Lin-Manuel Mirandas Erstlingswerk, das Musical „In the Heights“, hat es aus dem Schatten von „Hamilton“ auf die Kinoleinwand geschafft. Dort präsentiert sich die Filmadaption als kurzweiliges Märchen über Einwanderer in New York, das in rund zweieinhalb Stunden mit wunderbarer Musik in schönen Bildern erzählt wird.

Im Fokus der Handlung steht Usnavi (Anthony Ramos), der den gebannt lauschenden Kindern vor einer Strandbar seine Geschichte aus Nueva York – also New York – erzählt. Seinen ungewöhnlichen Namen verdankt Usnavi seinem Vater, der als Einwanderer nach New York kam und sich vornahm, seinem Kind den Namen eines Schiffes zu geben, das er im Hafen entdecke. Es trug die Aufschrift „U.S. Navy“.

Im New Yorker Stadtteil Washington Heights, in dem vor allem Menschen hispanischer Abstammung leben, betreibt Usnavi eine Bodega, also ein kleines Lebensmittelgeschäft, wo die Nachbarschaft nicht nur einkauft, sondern sich trifft und austauscht. „Dort waren die Straßen aus Musik gemacht“, erzählt Usnavi den Kindern – und so stellt er uns in der achtminütigen Eröffnungsnummer des Films sogleich die Community seines Viertels in der coolen Rapnummer „In the Heights“ vor.

Bei diesem Song wird der Fußweg im Takt der Musik mit Wasser abgespritzt, ein Gullydeckel wird zum DJ-Teller und ein großes Tanzensemble spiegelt sich im Fenster der Bodega, als Usnavi hinausschaut. Als die Kamera schließlich in die Totale aufzieht (Kamera: Alice Brooks), zeigt sich, dass der ganze Straßenzug gefüllt ist mit Tänzerinnen und Tänzern – gemessen an den Namen im Abspann, dürften es rund 400 an der Zahl sein.

Diese imposante Eröffnungsnummer stimmt das Kinopublikum auf das ein, was es noch zu sehen bekommen wird: Ein buntes Musicalfilmspektakel, dem man das Blockbuster-Budget von 55 Millionen US-Dollar definitiv ansieht. Regisseur Jon M. Chu hat die Geschichte spektakulär in Szene gesetzt, vor allem die Choreografien sprühen nur so vor Energie. So erweist sich zum Beispiel eine aufwändig in einem Freibad choreografierte Szene mit Wasserballett zum Song „96.000“ – eine Hommage an den einflussreichen Hollywood-Regisseur und Choreografen Busby Berkeley – als ein Höhepunkt des Films.

Wie schon in der Bühnenversion, ist die Musik von Lin-Manuel Miranda auch beim Film ein Aushängeschild. Die Songs und Tanznummern greifen gekonnt die Stimmungen und kulturellen Hintergründe der handelnden Personen auf. In der von Rhythmus getriebenen Musik hört man verschiedene Musikstile wie Salsa oder Plena und Bomba aus Puerto-Rico, Merengue aus der Dominikanischen Republik sowie Guajira und Son Cubano aus Kuba. Miranda, selbst als Sohn puerto-ricanischer Auswanderer in Washington Heights aufgewachsen, versteht es wohl wie keine andere Person, die lateinamerikanischen Musikstile mit Hip-Hop und Rap sowie klassischen Musicalballaden zu verbinden. Eigens für den Film schrieb der gefeierte Komponist eine neue Latin-Pop-Nummer mit dem Titel „Home all Summer“, die am Ende des Films zu Gehör kommt und sich gut in den bestehenden Score einfügt.

Regisseur Jon M. Chu zeigt Washington Heights einerseits als Märchenstadt, andererseits aber auch als das, was es ist – ein durch Gentrifizierung bedrohtes Viertel. Dort gibt es neben Usnavi, der von Anthony Ramos wunderbar einnehmend gespielt und gesungen wird, auch die Kubanerin Vanessa, gespielt von Melissa Barrera, die exzellent die junge Frau mit den großen Träumen mimt. Denn während Vanessa im Schönheitssalon arbeitet, träumt sie von einer Zukunft als Modedesignerin.

Einen großen Traum hat auch der örtliche Taxiunternehmer Kevin Rosario (überzeugend: Jimmy Smits), der seiner Tochter Nina (stark: Leslie Grace) die Ausbildung an der Elite-Universität Princeton ermöglichen möchte, aber das Geld für die Studiengebühren kaum aufbringen kann. Eine der schönsten Szenen im Film gehört Leslie Grace und Corey Hawkins, wenn sie als Nina und Benny zu der wunderschön gesungenen Nummer „When the Sun goes wown“ im Sonnenuntergang vor der George-Washington-Bridge horizontal an einer Hauswand tanzen.

Mit Olga Merediz als Abuela Claudia ist im Film außerdem ein Mitglied der Original-Musicalbesetzung dabei, die ein einfühlsames und sympathisches Nachbarschaftsoberhaupt gibt, an deren Esstisch sich abends alle versammeln. Und auch Lin-Manuel Miranda, der 2005 noch selbst als Usnavi auf der Bühne stand, ist im Film zu sehen. Er hat die Rolle des Piragua-Verkäufers übernommen, der ein knapp zweiminütiges Solo über sein puerto-ricanisches Eisdessert singt und in der stimmungsgeladenen Nummer „Carnaval del Barrio“ einen kleinen Soloauftritt hat. Wer bis zum Schluss im Kinosaal bleibt, darf sich nach dem Abspann zudem über eine zusätzliche Szene mit Lin-Manuel Miranda und eine Reprise des Songs „Piragua“ freuen. Passt man besonders gut auf, wird man im Film außerdem eine Melodie aus „Hamilton“ als Telefon-Warteschleifenmusik erkennen.

Letztendlich lebt der Film „In the Heights“ von den vielen Erzählsträngen, die aus den Träumen der Bewohnerinnen und Bewohnern des Viertels entstehen, die sich in Usnavis Bodega bündeln. Jon M. Chu und Lin-Manuel Miranda haben mit Drehbuchautor Quiara Alegria Hudes ein Märchen geschaffen, das einerseits als klassischer Musicalfilm daherkommt und andererseits kleine Brüche aufweist, die den Film interessant machen.

Wenn man diesem im Grunde fantastischen Streifen etwas anlasten möchte, dann ist es die Tatsache, dass Lin-Manuel Miranda seine Einwanderungsgeschichte auf der Leinwand durch die Brille eines weißen Amerikaners oder für ein weißes Publikum erzählt – das wird bereits öffentlich diskutiert und rief den Komponisten persönlich auf den Plan, der sich dafür entschuldigte und versprochen hat, es künftig besser zu machen: „Ich verspreche, in meinen zukünftigen Projekten besser zu werden, und ich setze mich für das Lernen und die Entwicklung ein, die wir alle tun müssen, um sicherzustellen, dass wir unsere vielfältige und lebendige Gemeinschaft ehren.“

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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