„Hedwig and the angry Inch“ (Foto: Dominik Lapp)
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Schrille Seelenschau: „Hedwig and the angry Inch“ in Gelsenkirchen

Sie ist schrill, laut und obszön. Und doch so verletzlich: Hedwig. Die weltweit ignorierte Chanteuse ist als Hansel Schmidt in Ost-Berlin aufgewachsen, ließ sich aus Liebe zu einem GI in eine Frau verwandeln, um durch Heirat aus der DDR herauszukommen. Doch die Geschlechtsumwandlung lief schief, denn der Chirurg war betrunken und sein Skalpell stumpf. Zurück von der Männlichkeit blieb der titelgebende „angry Inch“, dieser „zornige Zoll“, der Hedwig daran erinnert, dass sie vielleicht nie ganz zu einer Seite gehören wird. Jetzt ist „Hedwig and the angry Inch“ mit ihrer zusammengewürfelten Band auf Low-Budget-Tour und macht im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen Halt.

Alex Melcher macht als Hedwig unmissverständlich klar, wer der Star auf der Bühne ist. Mit seinem maskulinen, tätowierten Körper und seiner starken Rockstimme ist er der perfekte Darsteller für die androgyne Rolle der Hedwig. Melcher ist mehr als anderthalb Stunden im Dauereinsatz, rockt und röhrt sich exzellent durch den Abend. Dabei hat er auch immerzu das Publikum voll im Griff und lässt selbst Nina Janke als Yitzhak und die großartige Band (Patrick Sühl, Gitarre; Johannes Still, Piano; Leon Dombrowski, Bass; Alex Bernath, Drums) nicht nur zum Beiwerk verkommen, sondern integriert sie in sein Spiel.

Die Punkrock-Songs (Musik und Songtexte: Stephen Trask) singt Alex Melcher wunderbar dreckig, in den Balladen hingegen glänzt er mit fast schon zarten Tönen. Weniger zu singen hat dagegen Nina Janke. Doch immer dann, wenn sie ran darf, überzeugt auch sie mit ihrer vielseitigen Stimme. Schauspielerisch ergänzen sich Janke und Melcher ebenfalls sehr gut. Nina Janke gibt als Yitzhak einerseits den Fußabtreter für Hedwig, andererseits den liebenden und treusorgenden Ehemann, ist dabei genauso verletzlich wie aggressiv.

Dies gilt ebenso für Alex Melchers Hedwig. Auch sie ist mal aggressiv, schrill, sogar obszön – und dann doch wieder so verletzlich. Bei dieser emotionalen Achterbahnfahrt lässt sich Melcher in seiner Rolle fallen. Er rockt über die Bühne, er wälzt sich auf der Bühne, er spielt mit dem Publikum, geht mitten ins Auditorium – und am Ende, wenn Hedwig demaskiert ist, die Perücke abgelegt hat, weint das Publikum mit ihr, mit Alex Melcher, der Hedwig so fantastisch zu seiner Rolle macht.

Es ist die Geschichte einer Suchenden (Buch: John Cameron Mitchell), die Regisseur Carsten Kirchmeier in seiner Inszenierung erzählt. Dabei gelingen die lauten Momente genauso eindrucksvoll wie die leisen. Das reduzierte, in erster Linie aus zwei Holzkonstruktionen bestehende Bühnenbild und die extravaganten Kostüme von Jürgen Kirner unterstreichen die Inszenierung und setzen Hedwig in den Fokus. Was sich aber in dieser Inszenierung zeigt: Das amerikanische Original ist nur schwer ins Deutsche zu übertragen, vor allem die Doppeldeutigkeit des Namens (Hedwig / Headwig).

Doch Kirchmeier hat diese Herausforderung angenommen und zeigt Hedwig im Verlauf der konzertartigen Handlung, wie sie sich immer weiter aus ihrem Kokon herausschält und doch immer wieder in neue Häute schlüpft. Am berührenden Ende, wenn Hedwig ohne Perücke, nur noch im Slip auf der Bühne steht, ist die Botschaft dieser schrillen Seelenschau unmissverständlich klar: Sie kann ihre Vervollständigung nicht im Anderen finden, sondern nur in der Liebe und Akzeptanz zu sich selbst. Ein starker Musicalabend, der vollends berührt – musikalisch wie schauspielerisch.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".