Interview mit Thomas Hohler: „Ich bin gerade an einem sehr guten Punkt meiner Karriere“
Für Thomas Hohler ist es eine Rückkehr an einen vertrauten Ort: Nach mehreren Jahren Pause steht der Musicaldarsteller in diesem Sommer wieder auf der Bühne der Freilichtspiele Tecklenburg. In „Der Medicus“ spielt er mit Rob Cole die zentrale Figur des Abends. Seit seinem letzten Engagement in der Festspielstadt hat sich bei ihm einiges verändert – beruflich wie privat. Im Interview spricht er über die Herausforderungen und Facetten großer Hauptrollen, die besondere Dimension der Tecklenburger Bühne und das Leben zwischen Bühne, Familie und Podcast.
Unser letztes Interview in Tecklenburg ist schon einige Jahre her: 2017 war das. Was ist seitdem bei dir beruflich und persönlich passiert?
Es ist alles passiert! Ich durfte viele größere Rollen spielen, zuletzt gekrönt von „Mrs. Doubtfire“ in Düsseldorf. Ich habe eine Familie gegründet, bin zurück nach Bottrop gezogen, habe ein Häuschen und ich bin gerade, würde ich sagen, an einem sehr, sehr guten Punkt meiner Karriere angekommen.
„Mrs. Doubtfire“ hast du angesprochen. War diese Rolle für dich ein Höllenritt?
Nein. Es war ein Ritt, aber kein Höllenritt. Es war beruflich der schönste Ritt meines Lebens. Das war das forderndste, umfangreichste und anspruchsvollste, was ich je machen durfte. Gleichzeitig war es aber auch die schönste und herzlichste Produktion. An keinem Punkt meiner Karriere zuvor konnte ich es so sehr genießen und schätzen, diesen Beruf auszuüben. „Mrs. Doubtfire“ war wirklich ein Höhepunkt.

Konntest du dich als Vater noch besser in die Rolle des Daniel Hillard einfühlen?
Total. Ich habe vorher nie so stark gespürt, wie wichtig persönliche Erfahrungen und private Meilensteine für eine Rolle sein können. Wenn man Kinder bekommt, verändern sich Standpunkte, Sichtweisen und Gefühle. Daraus konnte ich für Daniel Hillard wahnsinnig viel schöpfen. Dieses Gefühl, dass das eigene Leben vollkommen egal ist, solange es den Kindern gut geht – dieser Antrieb war wichtig. Und es hat mir geholfen, dass ich ihn auch im echten Leben erfahren durfte.
Was hat dich an der Rolle am meisten gefordert und was hat dir am meisten Spaß gemacht?
Das ist in diesem Fall beides das Gleiche. Es war dieses hochkonzentrierte Arbeiten. Die Show war so rasant gebaut, dass man ständig Gefahr lief, aus der Kurve zu fliegen. Bei den Umzügen auf der Bühne lief die Musik einfach weiter, da durfte nichts schiefgehen. Auch die Beatbox-Nummer mit der Loop Station war live. Man musste ein bisschen wie ein Formel-1-Fahrer die ganze Zeit konzentriert bleiben. Das war die größte Herausforderung und gleichzeitig der große Spaß. Man verschmilzt komplett mit den Figuren und hat keine Zeit mehr zum Nachdenken. Wenn etwas Ungeplantes passiert, muss man aus dem Impuls heraus reagieren.
Du hast in „Mrs. Doubtfire“ auch zahlreiche Stimmen imitiert. Konntest du das vorher schon oder musstest du dir das für die Rolle erarbeiten?
Das war mir vorher selbst nicht so klar. Natürlich wurde das bei der Audition ein bisschen abgefragt. Als ich die Rolle dann bekommen hatte, dachte ich: Ich weiß doch gar nicht, ob ich Stimmen nachmachen kann! Ich habe das Stück in London gesehen und festgestellt, dass das ein wichtiger Teil der Show ist. Also habe ich mich akribisch eingearbeitet. Ich habe mir Sachen auf Youtube und Instagram angeschaut, sie nachgesprochen, mich aufgenommen, angehört und verglichen. Irgendwann hatte ich ungefähr 40 Vorschläge von Micky Maus über Klaus Kinski bis Udo Lindenberg. Noch vor Probenbeginn haben wir uns mit dem Team per Sprachnachrichten ausgetauscht und so die Stimmen ausgewählt, die es schließlich in die Show geschafft haben. Das war wirklich viel Arbeit.

Du hast 2017 im Interview erzählt, dass du ein schlechter Auswendiglerner bist und nicht gern sehr früh Texte lernst. Hat sich das inzwischen geändert?
Beides. Das Problem existiert noch. Ich tue mich wirklich schwer damit, Texte zu lernen. Aber mit meinen wachsenden Aufgaben habe ich viel dazugelernt und inzwischen das Motto: „Preparation is key.“ Auch das hat etwas mit dem Elternsein zu tun. Man weiß nicht mehr, ob man in der Woche vorher Zeit haben wird, etwas zu lernen. Wenn irgendwo eine halbe Stunde frei ist, muss sie genutzt werden. Ich bin viel konsequenter und sortierter geworden. Trotzdem bin ich immer noch der Großmeister des Paraphrasierens. (lacht) Nur bei „Mrs. Doubtfire“ ging das nicht. Da gab es keinen Spielraum.
Nach einer längeren Pause bist du jetzt wieder in Tecklenburg. Hat sich die Rückkehr ein bisschen wie Nachhausekommen angefühlt?
Ja, total. Ich habe hier lange pausiert, aber davor war ich wirklich oft in Tecklenburg. Wenn ich heute in den Ort hineinfahre, überrascht es mich immer wieder, wie gut ich mich hier noch auskenne. Gefühlt kenne ich jeden Pflasterstein.Es fühlt sich sehr vertraut und heimelig an. Es gibt noch viele alte Gesichter, gleichzeitig aber auch viel frischen Wind auf und hinter der Bühne und im Ort. Tecklenburg ist nach wie vor ein toller Ort, um zu spielen.
In diesem Sommer trägst du als Rob Cole in „Der Medicus“ die Hauptrolle. Was reizt dich an dieser Figur?
Mich reizt, dass die Figur einen sehr klaren Antrieb hat, der sich durch das gesamte Stück zieht. Wenn ich eine Figur spiele, versuche ich immer herauszufinden, was diesen Menschen eigentlich von Anfang bis Ende antreibt. Bei Rob Cole ist das sehr klar. Er hat von Anfang an diesen Wissensdurst und verfolgt ihn bis zum Ende. Insofern kam mir die Figur sehr entgegen.

Gibt es eine Facette an Rob Cole, die dich besonders fordert?
Die Herausforderung liegt für mich weniger in einer bestimmten Facette. Dieses riesige Werk von Roman wird zu einem vergleichsweise kurzen Bühnenstück eingekocht. Man muss reduzieren und Dinge weglassen, gleichzeitig aber trotzdem die komplette Entwicklung der Figur spielen. Unser Regisseur Werner Bauer hat in der Konzeption von Schlaglichtern gesprochen. Das finde ich ein sehr gutes Bild. Wir springen von einer Situation zur nächsten und teilweise auch über längere Zeiträume. Wenn wir plötzlich zwei Jahre vorspulen, muss es immer noch derselbe Rob sein – gleichzeitig muss man spüren, dass in diesen zwei Jahren etwas mit ihm passiert ist.
Wie herausfordernd sind das Wetter und die Dimensionen der Tecklenburger Bühne? Du kommst gerade aus „Mrs. Doubtfire“ mit einer im Vergleich deutlich kleineren Indoor-Bühne.
Ich kenne das hier zum Glück schon und schätze es auch. Bei einer dichten Indoor-Show wie „Mrs. Doubtfire“ kann man extrem detailliert arbeiten. Tecklenburg ist das krasse Gegenteil. Ob ich hier den linken Zeigefinger oder den linken Mittelfinger hebe, sieht in Reihe 20 kein Mensch. Wenn man mit 70 anderen Leuten auf dieser großen Bühne steht, muss man beispielsweise vor einem Satz mit einer kleinen Bewegung dafür sorgen, dass die Zuschauer merken: Ah, der spricht gerade. Man muss seinen Fokus bekommen und behalten. Hinzu kommen Wind und Wetter, die für den Sound ganz andere Herausforderungen mitbringen. Wir haben in Tecklenburg eine hervorragende Tonabteilung. Trotzdem muss man mit Verzögerungen, Reflexionen, Echos und unterschiedlichen Lautstärken umgehen. Das sind Herausforderungen, von denen das Publikum am Ende in der Regel überhaupt nichts mitbekommt. Genau dieser Teil der Arbeit macht mir aber großen Spaß.
Konntest du Erfahrungen aus früheren Engagements in die Arbeit an Rob Cole mitnehmen – oder generell von einer Rolle in die nächste?
Ja, ich glaube, das nennt man Erfahrung. Es gibt gewisse Dinge, wie man eine Rolle, ein Stück oder einen Song angeht, die sich wiederholen. Je routinierter man wird, desto sicherer wird man darin. Gerade nach Abenteuern wie „Mrs. Doubtfire“ und vielen Rollen, bei denen ich von vorne bis hinten auf der Bühne stand, weiß man irgendwann, wie man so etwas angeht, ohne dass einen gleich die Fluchtgedanken packen. Ich habe Vertrauen in mich entwickelt und kann auch mal Ruhe bewahren, wenn ich nicht hundertprozentig weiß, ob etwas funktioniert. Gleichzeitig weiß ich heute: Pass auf, Thomas, da brauchst du gleich Energie, da musst du Gas geben. Solche Erfahrungswerte nimmt man von einer Rolle in die nächste mit.

Als Rob trägst du die Story ganz wesentlich. Ist das ein besonderer Druck oder überwiegt die Freude?
Es ist schon eine besondere Verantwortung. „Der Medicus“ ist ein bisschen wie ein Roadmovie: Wir verfolgen Robs Reise, anhand meiner Figur wird dieser gesamte Weg dargestellt. Aber es gibt auch Momente, in denen Rob passiver ist und ich das Ruder ein bisschen abgeben kann. Dann merke ich: Hier muss ich mich gar nicht stressen, hier muss ich einfach nur da sein und zuhören. Natürlich bringt es die Position als Leading Man oder Leading Lady mit sich, dass man bei jeder Probe dabei ist. Man ist in der Regel der Erste, der kommt, und der Letzte, der geht. Aber das mache ich gerne. Ich kann das wirklich genießen.
Und trotzdem findest du noch die Zeit, alle 14 Tage gemeinsam mit Florian Albers und Michael Baute einen Podcast zu produzieren. Wie kam es zu ALHOBA?
Wir bezeichnen uns selbst als Alleinstellungspodcast ohne Merkmale. Damit wollen wir zum Ausdruck bringen: Wir haben kein Konzept – und das ist auch gut so. Entstanden ist die Idee an einem Abend bei Florian. Wir haben gegrillt und gequatscht und irgendwann festgestellt, dass wir uns viel zu selten treffen und hören. Dann kam der Gedanke: Wenn wir einen Podcast machen, haben wir einen Grund, uns alle 14 Tage zu verabreden. Am Vormittag danach haben wir schon die Pilotfolge aufgenommen. Das war wirklich so: gesagt, getan. Uns hat selbst überrascht, wie viel Zuspruch der Podcast bekommt. Wir wollten bewusst keinen Musical-Podcast machen, sondern diese Atmosphäre einfangen, wenn man nach einer Vorstellung noch bei einem Getränk zusammensitzt und einfach quatscht. Ein bisschen Stammtischgelaber gehört dazu. Jetzt machen wir erstmals eine kurze Sommerpause und schauen auch, ob uns neue Ideen kommen. Nach drei Jahren könnte der Podcast vielleicht einen kleinen Facelift vertragen. Aber auch dafür gibt es bislang kein Konzept.
Was bei eurem Podcast auffällt, ist die hohe Soundqualität. Ihr seid oft an unterschiedlichen Orten. Wie produziert ihr die Folgen technisch?
Jeder von uns hat sein eigenes Mikrofon. Wir machen einen Videocall, aber jeder nimmt sich selbst mit seinem professionellen Mikrofon auf. Ich mische die Spuren hinterher zusammen und mache sie noch ein bisschen hübsch. Das ist mir wichtig. Da kommt mein Audiotechnik-Hobby ein bisschen durch. Ich finde schon, dass so ein Podcast auch ein bisschen sexy klingen sollte.

Du stehst seit Jahren auf der Bühne, hast einen Podcast und auch ein Soloalbum aufgenommen. Deine Frau, Tamara Pascual, steht ebenfalls auf der Bühne. Bekommt eure Tochter schon bewusst mit, dass Mama und Papa auf der Bühne stehen und singen?
Total. Sie bekommt das alles mit. Sie wusste auch, wer Mrs. Doubtfire ist, weil sie uns natürlich beim Üben erlebt. Zum ersten Mal so richtig in ihr Bewusstsein gerückt ist unser Beruf, als Tamara im Musical „Saving Mozart“ gespielt hat. Bei uns lag die Biografie von Nannerl Mozart auf dem Wohnzimmertisch. Später lief die kleine Marlene durch Wien und zeigte immer, wenn sie irgendwo eine Mozartkugel oder etwas mit Mozart sah, darauf und sagte: „Mozart, Mozart.“ So fing das irgendwie an. Sie nimmt inzwischen sehr bewusst wahr, was wir machen.
Nach Tecklenburg geht es für dich noch einmal zurück zu „Die Päpstin“, wo du wieder Anastasius spielen wirst. Wie fühlt es sich an, zu einer Figur zurückzukehren, die du bereits gespielt hast? Findet man mit zeitlichem Abstand noch neue Seiten an einer Figur?
Manchmal sogar mehr als vorher. Ich mag es sehr, mit einem gesunden Abstand zu einer Figur zurückzukehren. Natürlich muss man sich erst einmal wieder alles aneignen. Körper und Kopf vergessen ein bisschen etwas, aber man hat es ja nicht verlernt. Der Aufwand, das Handwerk wieder abzurufen, ist dadurch geringer. Man hat mehr Ressourcen frei, um sich ins Spiel, in die Gesangstechnik und die Figur hineinzuwerfen. Diese Version 2.0 ist eine sehr schöne Begegnung mit einem Charakter. Gerade bei Anastasius freue ich mich darauf, weil ich glaube, dass ich noch ein paar neue Farben finden kann.
Bevor es dazu kommt, stehst du weiterhin in Tecklenburg im „Medicus“ auf der Bühne. Was gefällt dir dieses Jahr am Freilichtsommer am besten?
Das Publikum und die Stimmung! Ich freue mich auf alle Leute, die zu Besuch kommen. Und ich glaube, dass dieses Stück auf seine Art ganz viele Menschen begeistert. Außerdem gebe ich zu: Wenn man nur zwei oder drei Vorstellungen in der Woche spielt, kann man das noch einmal ganz anders genießen.
Interview: Dominik Lapp
