„Die Zirkusprinzessin“ (Foto: Sandra Then)
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Poetisch und bewegend: „Die Zirkusprinzessin“ in Hannover

Ein geheimnisvoller Artist ohne Namen, der in der traumwandlerisch-glitzernden Zirkuswelt allabendlich mit halsbrecherischer Akrobatik sein Leben riskiert, und eine adlige Witwe, deren Leben von Status und Geld innerhalb einer patriarchalen Ordnung bestimmt ist – darum geht’s in der Operette „Die Zirkusprinzessin“ von Emmerich Kálmán (Musik) sowie Julius Brammer und Alfred Grünwald (Libretto), die an der Staatsoper Hannover in der poetischen und bewegenden Inszenierung von Felix Seiler durch einen veränderten Blickwinkel und mit einem neuen Ende überrascht.

Sobald sich der Vorhang hebt, wird schnell deutlich, dass wir es hier mit einer unglaublich ästhetischen Inszenierung zu tun haben – aber auch mit einer Inszenierung, die einerseits die Leichtigkeit, den Witz und die Poesie der Operette transportiert und andererseits das tragische Potenzial einer Oper nicht verbirgt. Regisseur Felix Seiler belässt die Handlung zeitlich am Anfang des 20. Jahrhunderts in Sankt Petersburg und präsentiert dem Publikum mehr als nur ein zeitloses Märchen. Im Zentrum steht ein zu Unrecht aus der Gesellschaft ausgestoßener Mensch, Mister X, der seine adlige Identität verliert und beim Zirkus landet. Dieser erweist sich als ein Auffangbecken für Außenseiter – und Seiler gewährt uns einen sozialkritischen Einblick hinter die Kulissen des glitzernden Zirkustreibens.

Auf der einen Seite erleben wir eine feine Gesellschaft, die sich gern im Zirkus unterhalten und verzaubern lässt. Auf der anderen Seite möchte aber ebendiese Gesellschaft nichts zu tun haben mit den Zirkusmenschen. Diesen Klassenunterschied – die Vorurteile gegenüber Fahrendem Volk – stellt die Regie in den Fokus, verleiht der eigentlich so schmissigen Operette dadurch einen ernsten Unterton, ohne den belehrenden Zeigefinger zu erheben. Zudem gewinnt die Story enorm dadurch, dass Felix Seiler das von Emmerich Kálmán arg konstruierte Happy End rigoros streicht und den Handlungsverlauf zu einem dramatischen, berührenden und äußerst traurigen Höhepunkt treibt.

Der Mix aus bunter Zirkuswelt und Außenseiterdasein spiegelt sich brillant im Bühnenbild und den Kostümen von Okarina Peter und Timo Dentler wider. In der Bühnenmitte sehen wir ein schiefes Plateau, umringt von Bühnenschwarz und Schnee. Darüber prangt ein überdimensionaler Kronleuchter, ein Vorhang in Form eines Zylinders dient als Projektionsfläche für die Schattenbilder der Menschen im Zirkus Stanislawski. Später verwandelt sich die Szenerie in den Palast des Prinzen Sergius Wladimir – mit großem Kamin und Tierfellen. Die sehenswerten Kostüme verstärken die unglaublich hochwertige und ästhetische Optik. Im Zusammenspiel mit dem Lichtdesign von Susanne Reinhardt werden so extrem starke Bilder geschaffen.

„Die Zirkusprinzessin“ (Foto: Dominik Lapp)

Im Orchestergraben gelingt es Giulio Cilona mit seinem temperamentvollen und packenden Dirigat, beim Niedersächsischen Staatsorchester den nötigen Funken zu entfachen, damit die Musikerinnen und Musiker in der Partitur Kálmáns glühenden Czárdás, feuerwerksfunkelnde Brillanz, leidenschaftliches Ungarn-Kolorit und champagnersprudelnden Walzer zum Klingen bringen. Es sind die dynamische Energie, die berauschenden Rhythmen und die brillanten Farben der Komposition, die „Die Zirkusprinzessin“ nach Vorstellungsende noch musikalisch nachwirken lassen.

Gesegnet ist diese wunderbare Operette zudem mit einer starken Riege aus Sängerinnen und Sängern. Mercedes Arcuri begeistert als Fürstin Fedora Palinska mit kräftigem Sopran. Ihre Fürstin gibt sich den zahlreichen Verehrern gegenüber unnahbar, ist zunächst divenhaft und vollzieht zum Ende hin einen glaubwürdigen Wandel. Marius Pallesen gibt einen schauspielerisch passgenauen sowie geheimnisvollen Mister X und glänzt mit seinem strahlenden Tenor, der vor lyrischem Schmelz nur so strotzt.

Als intriganter Prinz Sergius Wladimir ist Daniel Eggert ein Bilderbuch-Bösewicht, macht darstellerisch eine gute Figur und präsentiert sich gesanglich solide. Nikki Treurniet als Miss Mabel Gibson und Philipp Kapeller als Toni Schlumberger mimen ein herrliches Buffo-Paar – schauspielerisch überzeugend und gesanglich stark. Ebenso sind Tonis Mutter Carla und Zirkusdirektor Stanislawski mit Carmen Fuggiss und Frank Schneiders optimal besetzt.

Weiter aufgewertet wird die Produktion durch die stimmige Choreografie von Danny Costello sowie den von Lorenzo Da Rio bestens einstudierten Chor und ein achtköpfiges Musicalensemble, zu dem unter anderem Romina Markmann und Andrew Chadwick gehören. Chor und Ensemble verleihen der geglückten Inszenierung von Felix Seiler einen weiteren Farbtupfer und sind wichtiger Bestandteil in der Darstellung von frauenfeindlicher Aristokraten- und schillernder Zirkuswelt in einer Story, die nicht nur operettenhafte Leichtigkeit versprüht, sondern in der sich dunkle Abgründe auftun. Großartig!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".