Trifft mitten ins Mark: „Tosca“ in Hannover
Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ (Libretto: Giuseppe Giacosa und Luigi Illica) erscheint an der Staatsoper Hannover in der seit 2019 gezeigten Inszenierung von Vasily Barkhatov als schonungslos freigelegtes Drama über Machtmissbrauch, politische Willkür und eine Liebe, die an der Gewalt der Verhältnisse zerbricht. Auch 2026 hat diese Deutung (Szenische Neueinstudierung der Wiederaufnahme: Valérie Junker) nichts von ihrer Kraft verloren. Barkhatov liest das Werk konsequent vom Antagonisten her und verwandelt die Oper in ein düsteres musiktheatrales Psychogramm, das weniger auf äußere Handlung als auf innere Abgründe zielt.
Im Zentrum steht Floria Tosca, eine Künstlerin, die für Musik und Liebe lebt, deren Idealismus jedoch brutal instrumentalisiert wird. Cristiana Oliveira gestaltet diese Tosca nicht als exaltierte Diva, sondern als verletzliche Frau, die zwischen Hingabe und Selbstbehauptung zerrieben wird. Ihr „Vissi d’arte“ ist kein dekorativer Ruhepunkt, sondern ein existenzieller Aufschrei, schlank geführt, intensiv phrasiert und von schmerzhafter Innigkeit.

Rodrigo Garull verleiht dem politisch engagierten Cavaradossi heldischen Glanz und lyrische Wärme. Sein „E lucevan le stelle“ entfaltet sich als Erinnerung an eine verlorene Welt, in der Liebe und Freiheit noch denkbar schienen. Grga Peroš dominiert den Abend als Scarpia, den Barkhatov radikal neu deutet. Dieser Scarpia ist kein Polizeichef, sondern ein Geistlicher, dessen sexualisierte Obsession für Tosca aus einer Missbrauchsvorgeschichte gespeist wird. Die Fokussierung auf Scarpia verschiebt die Perspektive der Oper: Angelottis Flucht erscheint als von ihm inszeniertes Mittel zur Annäherung an Tosca. Realität, Einbildung und Erinnerung gehen unaufhörlich ineinander über. Peroš gestaltet diese Figur mit kalter Präzision und unheimlicher Ruhe, weniger als dämonischen Bösewicht denn als Produkt und zugleich Profiteur eines Systems, das Gewalt religiös, politisch und moralisch legitimiert.
Das Bühnenbild von Zinovy Margolin unterstützt diese Lesart mit Scarpias Büro, ausgestattet mit Schreib- und Besprechungstisch sowie Lamellenjalousien, das auf und ab fährt, so dass auf zwei Ebenen gespielt wird. Es ist ein bildgewaltiges, psychologisches Szenario, das Öffentlichkeit und verborgene Machtstrukturen gegeneinander ausspielt. Die Handlung ist auf Weihnachten verlegt, Krippe und Krippenfiguren erzeugen einen bitteren Kontrast zwischen Heilserzählung und realer Grausamkeit. Licht und Video von Alexander Sivaev verstärken die klaustrophobische Atmosphäre und lassen das Geschehen wie einen Albtraum erscheinen, aus dem es kein Erwachen gibt.

Musikalisch trägt Masaru Kumakura das Drama mit sicherem Gespür für Giacomo Puccinis Balance aus dramatischer Spannung und lyrischer Schönheit. Das Niedersächsische Staatsorchester Hannover entfaltet eine dichte, farbenreiche Klangsprache, die den Sängerinnen und Sängern Raum lässt und zugleich die innere Unruhe der Partitur freilegt. Chor, Extrachor und Kinderchor der Staatsoper Hannover fügen sich unter der Leitung von Lorenzo Da Rio perfekt in das Geschehen ein und verstärken vor der Pause die beklemmende Wirkung der Massenszene, die vom Publikum lautstark gefeiert wird.
Die Nebenrollen sind ebenfalls durchweg markant besetzt, von Serhii Moskalchuk als Angelotti über Daniel Eggert als Mesner bis zu Michał Prószyński als Spoletta. Der begeisterte Schlussapplaus und die Bravi-Rufe gelten einer Inszenierung, die Puccinis Werk nicht nur bebildert, sondern seziert und dadurch eine erschreckende Aktualität freilegt. Diese „Tosca“ trifft mitten ins Mark und lässt niemanden unberührt.
Text: Dominik Lapp
