„Spring Awakening“ in Wien
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Zwischen Anpassung und Aufbegehren: „Spring Awakening“ in Wien

Mit „Spring Awakening“ bringt die Volksoper Wien ein Rock-Musical auf die Bühne, das längst zum Kanon des zeitgenössischen Musiktheaters gehört und doch nichts von seiner Sprengkraft eingebüßt hat. Die Vorlage stammt von Frank Wedekind, dessen Drama „Frühlings Erwachen“ 1891 geschrieben und wegen seiner schonungslosen Darstellung jugendlicher Sexualität und gesellschaftlicher Repression erst Jahre später uraufgeführt wurde.

Die Musicalfassung, „Spring Awakening“, entsteht 2006 am Broadway: Musik von Duncan Sheik, Buch und Gesangstexte von Steven Sater. An der Volksoper erklingt sie in deutscher Dialogfassung von Nina Schneider, während die Songs im englischen Original verbleiben. Das Werk war in Wien bereits 2009 im Ronacher zu sehen, damals als Produktion der Vereinigten Bühnen Wien – nun erhält es im Haus am Währinger Gürtel ein zweites Bühnenleben.

Regisseur Frédéric Buhr entscheidet sich für eine düstere Grundierung. Seine Inszenierung siedelt die Geschichte nicht im pittoresken Wilhelminismus an, sondern in einem zeitlosen Zwischenraum, in dem autoritäre Strukturen und pubertäre Aufbrüche aufeinanderprallen. Das Bühnenbild von Agnes Hasun ist puristisch und von kalter Strenge: Ein hohes Metallgerüst dominiert die Szene, wird erklettert, umlagert, umkämpft. Schwarze Wände dienen als überdimensionale Schultafeln, auf die mit Kreide Gedankenfetzen und innere Monologe geschrieben werden. Dieser Raum kennt kein Entkommen, denn er ist Klassenzimmer, Elternhaus und Seelenlandschaft zugleich.

Über allem thront, sichtbar und erhöht positioniert, die achtköpfige Band unter der Leitung von Christian Frank. Ihr Sound ist von bestechender Klarheit, fast studioreif ausbalanciert, und verbindet Gitarren-Rock mit Streicher-Pop zu einem pulsierenden Klangteppich. Wenn in „Mama who bore me“ die weiblichen Stimmen zu einem trotzigen Chor anschwellen oder in „The Bitch of Living“ das Ensemble die aufgestaute Wut der Jugendlichen herausschleudert, entsteht eine unglaubliche Energie. Die englisch gesungenen Songs setzen dabei einen bewussten Kontrast zur deutschen Dialogsprache und wirken wie ein Ventil, durch das das Unsagbare nach außen drängt.

Gesanglich bewegt sich der Abend auf hohem Niveau. Gemma Nha zeichnet ihre Wendla mit hellem, flexiblem Sopran und einer Mischung aus Neugier und Verletzlichkeit. Paul Aschenwald gibt Melchior als wachen, intellektuell aufgeladenen Rebellen, dessen Stimme auch in den lyrischen Passagen trägt. Til Ormeloh stattet Moritz mit einer eindringlichen Präsenz aus. Sein Ringen mit schulischem Druck und sexueller Verunsicherung verdichtet sich zu Momenten großer Intensität. Isabel Saris als Martha, Myriam Akhoundov als Thea, Laura Magdalena Goblirsch als Anna und Hannah Severin als Ilse formen – ebenso wie alle hier nicht namentlich aufgeführten Mitwirkenden – ein homogenes, klangschön abgestimmtes Ensemble, das in den Gruppennummern seine besondere Stärke entfaltet.

Die Choreografie von Klevis Elmazaj greift die innere Zerrissenheit der Figuren auf und übersetzt sie in eine bewegungsreiche, oft bodennahe Körpersprache. Immer wieder brechen akrobatische Elemente in die Szenen ein, koordiniert von Ran Arthur Braun. Diese Einsprengsel sind mehr als artistischer Effekt: Sie markieren Kontrollverlust und Grenzüberschreitung, das Aus-der-Bahn-Geraten einer Jugend, die zwischen rigider Moral und erwachendem Begehren zerrieben wird.

Constanza Meza-Lopehandia kleidet die Figuren rollen- und zeitgemäß, ohne sie museal festzuschreiben. Schuluniform-Anklänge mischen sich mit heutigen Silhouetten, als wollte die Ausstattung sagen, dass Wedekinds Konflikte keineswegs historisch erledigt sind. Das Licht von Alex Brok taucht die Bühne in kalte Töne oder schneidende Kontraste – Schattenzonen gewinnen dabei fast mehr Bedeutung als die ausgeleuchteten Flächen.

So entsteht ein Abend, der die Zerrissenheit zwischen Anpassung und Aufbegehren in eindringliche Bilder fasst. „Spring Awakening“ an der Volksoper Wien zeigt eine Jugend im Ausnahmezustand: laut, verletzlich und von einer Gesellschaft umstellt, die ihre Fragen nicht hören will. Dass diese Fragen auch mehr als 100 Jahre nach Wedekind nichts von ihrer Brisanz verloren haben, führt diese Premiere mit Nachdruck vor Augen.

Text: Patricia Messmer

kulturfeder.de

Patricia Messmer hat Medien und Musik studiert und ein Volontariat zur Onlineredakteurin absolviert. Sie liebt Reisen, Sprache, Musik, Bücher, Filme, Serien und Musicals.