„Manon“ (Foto: Brinkhoff/Mögenburg)
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Authentisch und emotional: „Manon“ in Hamburg

Ein karges Bühnenbild und doch so üppige Bilder – diese „Manon“ muss man gesehen haben. Nachdem die Oper von Jules Massenet coronabedingt zunächst nur als Stream zu sehen war, konnte sie jetzt an der Staatsoper Hamburg für wenige Vorstellungen doch noch vor Publikum gezeigt werden. Was das Publikum hierbei erlebt, ist eine musikalisch wie emotional mitreißende Liebesgeschichte.

Die Inszenierung von David Bösch ist nicht historisierend, sondern begibt sich ins Hier und Jetzt, schafft dadurch eine neue Realität und befreit das Werk aus seiner zeitlichen Begrenzung. Zusammen mit dem Bühnenbildner Patrick Bannwart, dem Kostümbildner Falko Herold und dem Lichtdesigner Michael Bauer hat Bösch eine „Manon“ auf die Bühne gebracht, in der die Moderne eine essenzielle Rolle spielt.

Obwohl die Zeit nicht eindeutig bestimmt wird, sehen die Zuschauenden junge Charaktere aus einer vitalen Gegenwart, die ihre Denk- und Handlungsweisen einbringen, so dass der Eindruck erweckt wird, man sei ganz nah bei ihnen. Der Regisseur zeichnet dabei eine äußerst präzise und authentische Realität, in der große Emotionen eine zentrale Rolle spielen.

Das karge Bühnenbild von Patrick Bannwart und die geschmackvollen, aber einfachen Kostüme von Falko Herold unterstützen David Böschs gelungenen Ansatz, nicht vom Wesentlichen – den starken Figuren – abzulenken. So entsteht letztlich eine faszinierende, emotional involvierende Inszenierung, deren bildsinnliches Ambiente begeistert. So werden üppige Bilder trotz des kargen Bühnenbilds erzeugt.

Elsa Dreisig zeichnet als Manon ein Rollenporträt von glaubwürdiger Optik und klangsinnlichem Timbre. Ihre Manon besitzt jugendlichen Charme und ist voll von Träumen, Wünschen und Hoffnungen, aber ebenso von Sehnsüchten und Ängsten. Es ist geradezu ein Genuss, zu sehen, wie Dreisig alle Facetten ihrer Rolle vollends auskostet und Manon eine starke Wandlung von der unbedarften Landpomeranze zur Luxuslady durchmachen lässt. Neben ihrer meisterhaften Körpersprache begeistert Elsa Dreisig außerdem mit ihren gesanglichen Qualitäten auf allerhöchstem Niveau. Mit ihrem samtweichen, geschmeidigen Sopran strahlt Dreisig in jeder gesungenen Note von innen. Sowohl die tiefen Lagen als auch die glockenhaften Höhen meistert sie mit Bravour, die Registerwechsel gelingen ihr dabei exzellent.

Ebenso herausragend ist Ioan Hotea als Chevalier Des Grieux. Sehr emotional und fast schon beängstigend in der identifikatorischen Substanz, ist sein Des Grieux zwar weniger wagemutig als Manon, scheut aber dennoch nicht das Risiko. Mit leuchtender Strahlkraft überzeugt Hotea auch gesanglich. Seinen hellen Tenor weiß er perfekt einzusetzen – immerzu kraftvoll und sicher in den Höhen, versteht er es dagegen in anderen Passagen, sich auch mal etwas zurückzunehmen.

Dem zentralen Paar des Abends stehen die Solistinnen und Solisten in kleineren Rollen in nichts nach. Insbesondere Björn Bürger gelingt als Lescaut ein stimmlich wie darstellerisch eindrucksvolles Rollendebüt. Er zeichnet ein gelungenes Porträt von Manons großspurigem Cousin. Mit elegant geführter Stimme singt Alexey Bogdanchikov den Monsieur de Brétigny, Dimitry Ivashchenko verleiht seinem Comte Des Grieux mit erdigem Bass die nötige Autorität und Ida Aldrian als Rosette, Narea Son als Javotte sowie Elbenita Kajtazi als Poussette komplettieren die Gesangsriege mit ihren wunderbar harmonierenden Stimmen.

Das Dirigat von Sébastien Rouland ist im wahrsten Sinne des Wortes werkgetreu. Wie er die Musikerinnen und Musiker des Philharmonischen Staatsorchesters durch Massenets Partitur leitet, lässt musikalische Welten von Rokoko und aufgeheiztem Verismo äußerst spannend aufeinanderprallen. Dabei bleibt aber auch noch ausreichend Platz für die lyrische Delikatesse des Komponisten. Alles in allem also eine musikalisch wie optisch herausragende „Manon“, die völlig zu Recht ihren Weg raus aus dem Stream auf die Bühne vor Publikum gefunden hat. Wer diese Produktion live gesehen hat, darf sich durchaus glücklich schätzen.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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