„Agrippina“ (Foto: Hans Jörg Michel)
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Herausragendes Psychogramm: „Agrippina“ in Hamburg

Auch an der Staatsoper Hamburg ist nach der Corona-Zwangspause endlich wieder der Lappen hochgegangen. Barrie Koskys analytische Inszenierung von Händels Barockoper „Agrippina“, geschaffen 2019 für die Münchner Opernfestspiele, ist jetzt im Haus am Gänsemarkt zu sehen und erweist sich als herausragendes Intrigenspiel mit einer ebenso herausragenden Gesangsriege.

Barrie Kosky, der unter anderem für seine glamourösen Operetten-Inszenierungen bekannt ist, hält sich bei „Agrippina“ mit optischer Opulenz zurück und konzentriert sich dafür auf eine packende Personenregie. Dabei verleiht er jeder Figur ein eigenes Charakterporträt und zeichnet ein fast schon erschreckend detailliertes Psychogramm.

Besonders stark sind bei Kosky die beiden Frauenrollen: Agrippina ist hier die von der Liebe enttäuschte Getriebene, wohingegen Poppea durch ihre Liebe zu Ottone getrieben wird. Nerone wirkt in schwarzer Kleidung mit Piercings und großem Tattoo auf dem Glatzkopf wie ein Emo-Schwächling, gebrochen von seiner Mutter, während Kaiser Claudio immerzu im Schatten seiner Frau steht und zum Spielball der Frauen wird.

Das Psychogramm der Regie spiegelt sich auch im Bühnenbild von Rebecca Ringst wider. Im Fokus steht ein riesiger Metallquader, fahr- und drehbar, mit einer Treppe im Inneren und vielen Jalousien, die den Blick in mehrere Räume freigeben. Die geschmackvollen Kostüme von Klaus Bruns und das passende Lichtdesign von Joachim Klein unterstreichen die Optik perfekt.

Als Agrippina liefert Anna Bonitatibus ein überzeugendes Porträt der Titelrolle. Sie brilliert mit beweglichen Koloraturen, begeistert mit authentischer Mimik und Gestik und fesselt mit dramatischen Ausbrüchen. In der Rolle des Kaisers Claudio steht ihr Luca Tittoto in nichts nach. Schauspielerisch gibt er den testosteronüberfüllten Macho, gesanglich beeindruckt er mit seinem profunden Bass.

In der Rolle der Poppea strahlt die atemberaubende Julia Lezhneva mit ihrem glockenklaren und mit Leichtigkeit geführten Sopran, der besonders in den Höhen eine enorme Durchschlagskraft besitzt. Ihr zur Seite steht Christophe Dumaux, der seinen Ottone mit einem samtweichen Countertenor ausstattet und so mehrfach für Gänsehautstimmung sorgt.

Eine starke schauspielerische wie gesangliche Leistung kann auch Franco Fagioli attestiert werden. Es ist geradezu fantastisch, wie er Nerone als weinerliches Muttersöhnchen anlegt und dabei mit leuchtendem Counter singt. Mit kräftigem Bariton intoniert Renato Dolcini seinen Pallante, während Vasily Khoroshev als Narciso und Chao Deng als Leso ebenfalls mit ihrem Gesang gefallen.

Neben der stimmstarken und spielfreudigen Gesangsriege erweist sich das Ensemble Resonanz im Graben als ein Orchester, das der Musik Händels und dem dramaturgischen Fluss dieser Oper vollends gewachsen ist. Riccardo Minasi hält als Musikalischer Leiter die Zügel fest in der Hand und sorgt für klar konturierte, farbstarke, klangsinnliche und höchst animierte Spielgründe sowie die nötige Emotion. Den begeisterten und lang anhaltenden Applaus zum Schluss haben sich alle Mitwirkenden auf und vor der Bühne redlich verdient.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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