„La Bohème“ (Foto: Hans Jörg Michel)
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Nostalgisch, aber frisch: „La Bohème“ in Mannheim

Im Paris des Jahres 1830 liebt ein armer Dichter eine kranke Blumenstickerin, doch ihre Liebe hat keine Chance. Noch immer zählt Giacomo Puccinis „La Bohème“ (Libretto: Luigi Illica‎ und ‎Giuseppe Giacosa) zu den weltweit meistgespielten Opern. Auch in Mannheim liebt das Publikum die dramatisch-romantische Geschichte mit den großen Melodien – insbesondere die Inszenierung von Friedrich Meyer-Oertel aus dem Jahr 1974, die als großer Repertoire-Klassiker nach 173 Vorstellungen noch immer auf dem Spielplan des Nationaltheaters steht.

Dass die Inszenierung mittlerweile 45 Jahre alt ist, merkt man ihr nicht an. Was aber im Vergleich mit den meisten heutigen Operninszenierungen heraussticht, ist das nostalgische, sehr aufwändige Bühnenbild und die dazu passenden Kostüme. Bühnenbildner Günter Fischer-Piscat hat sich richtig ausgetobt, ein heruntergekommenes Mansardenzimmer, einen Pariser Straßenzug mit dem Café Momus und einen Gasthof am Stadtrand geschaffen – alles so detailliert und authentisch, dass das Auge viel zu sehen und zu entdecken hat. Aber auch die Kostüme von Reinhard Heinrich geben ein glänzendes Bild ab und passend wunderbar zu den jeweiligen Figuren.

Aber nicht nur optisch gefällt diese nostalgische Inszenierung von „La Bohème“, auch musikalisch setzt sie durch eine frische, junge Solistenriege viele Glanzpunkte. Ramiz Usmanov und Eunju Kwon sind als Rodolfo und Mimi ein Traumpaar auf höchstem Niveau. Als vor Liebe glühender, schmachtender Rodolfo überzeugt Usmanov mit wohlklingendem Schmelz in der Stimme. Gerade in Rodolfos Szenen der Trauer und Verzweiflung gelingen ihm sehr emotionale Momente.

Eunju Kwon gibt ihre Mimi genauso zart wie packend und verzaubert in ihren Arien mit glockenklarem Sopran. Ihre Wandlung von der anfangs schüchternen Mimi hin zur leidenden und vor ihrer Krankheit resignierenden Frau ist eindrucksvoll. In ihren Duetten harmonieren Eunju Kwon und Ramiz Usmanov perfekt miteinander und liefern damit weitere musikalische Höhepunkte.

Einen positiv in Erinnerung bleibenden Auftritt legt zudem Natalija Cantrak hin, die nicht nur optisch eine hinreißende Musetta gibt, sondern ihrem Part auch einen stimmlich hervorragenden Ausdruck verleiht, wofür sie vom Publikum gefeiert wird. Jorge Lagunes singt den Maler Marcello mit starker volltönender Stimme, dem Musiker Schaunard verleiht Joachim Goltz ein starkes Profil und Dominic Barberi in der Rolle des Philosophen Colline singt mit profundem Bass. Ein Lob gebührt zudem Dani Juris und Anke-Christine Kober für die punktgenaue Einstudierung von Chor und Kinderchor.

Was ein weiterer Pluspunkt von „La Bohème“ ist, ist die Musik von Giacomo Puccini. Das Orchester des Nationaltheaters Mannheim unter der Leitung von Mark Rohde schafft es exzellent, den Balanceakt zwischen den leisen Feinheiten und den groß aufblühenden Melodien zu absolvieren. Rohde dirigiert so leidenschaftlich und energiegeladen, dass Puccinis Musik mal schmerzlich-dramatisch und dann doch wieder sanft und zart klingt, mal beseelt und mal zutiefst betrübt.

So begeistert „La Bohème“ in Mannheim auch nach mehr als vier Jahrzehnten noch immer das Publikum mit den hübsch anzusehenden Bildern und den zeitgemäßen Kostümen von 1974 im Zusammenspiel mit einer jungen Sängerriege und dem frisch aufspielenden Orchester. Genau so möchte man diese Geschichte über die alltägliche Härte des prekären Daseins inmitten der schillernden Stadt Paris erzählt bekommen.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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