„La Bohème“ (Foto: Dominik Lapp)
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Aus neuem Blickwinkel: „La Bohème“ in Bielefeld

Fast wäre sie ins Wasser gefallen, die Premiere von „La Bohème“ am Theater Bielefeld. Denn auch dieses Haus blieb von der Corona-Pandemie nicht verschont. Doch es wurde adäquater Ersatz für die beiden Hauptpartien gefunden – und so konnte die Neuinszenierung von Julia Burbach doch noch wie geplant das Licht der Welt erblicken. So viel sei vorweg verraten: Es wäre ein riesiger Verlust gewesen, hätte man diese fabelhafte Produktion verschieben oder dem Publikum ganz vorenthalten müssen.

Regisseurin Julia Burbach lässt das Publikum den häufig gespielten Opernklassiker „La Bohème“ von Giacomo Puccini (Libretto: Giuseppe Giacosa und Luigi Illica) aus einem völlig neuen Blickwinkel entdecken. So erleben wir die ganze Geschichte aus der Sichtweise von Mimi, der weiblichen Hauptrolle. Schon vor ihrem ersten Auftritt ist sie es, die wir sehen, wie sie das Geschehen mal von außen, mal aus dem Hintergrund, mal durchs Fenster hindurch betrachtet.

Dieser Einfall ist so einfach wie genial, erlebt Mimi doch ihre eigene Geschichte gleichermaßen aus der Sicht der Beobachterin und der Handelnden. Wenn dann am Ende auf einem Schneehaufen – dem stilisierten Totenbett – nur noch Mimis Muff liegt, blickt sie selbst wieder vom Bühnenrand auf die dramatische Schussszene.

Auch optisch macht die Inszenierung etwas her. Cécile Trémolières, die ebenso für die schönen Kostüme verantwortlich zeichnet, stellt eine halbrunde, auf der Drehbühne rotierende Konstruktion in den Fokus, die nicht nur das berühmte Mansardenzimmer darstellt, sondern genauso das Café Momus im Quartier Latin und die Barrière d’Enfer am Pariser Stadtrand entstehen lässt.

Durch ein Kulissenteil wird fast unbemerkt angedeutet, dass die Handlung, die eigentlich um das Jahr 1830 spielt, möglicherweise an das Ende des 19. Jahrhunderts verlegt wurde – ist im Hintergrund doch immer mal wieder eine rote Laterne zu sehen, die an die Spitze des Eiffelturms erinnert, der bekanntlich erst 1889 zur Weltausstellung eröffnet wurde.

„La Bohème“ (Foto: Dominik Lapp)

Überdies vermag die Riege der Solistinnen und Solisten zahlreiche Glanzpunkte zu setzen. Die kurzfristig engagierten Gäste, Shelley Jackson und Garrie Davislim, sind als Mimi und Rodolfo ein Traumpaar auf allerhöchstem Niveau. Als vor Liebe glühender, schmachtender Rodolfo überzeugt Garrie Davislim mit wohlklingendem Schmelz in der Stimme.

Shelley Jackson ist als Mimi genauso zart-verletzlich wie packend-einnehmend und fasziniert mit ihrem glockenhellen Sopran. Ihre Wandlung von der anfangs schüchternen Mimi zur leidenden und vor ihrer Krankheit resignierenden Frau ist eindrucksvoll. In ihren Duetten harmonieren Shelley Jackson und Garrie Davislim perfekt miteinander und liefern damit einen musikalischen Höhepunkt nach dem anderen.

Eine hinreißende Musetta gibt Cornelie Isenbürger, die ihrer Rolle einen stimmlich hervorragenden Ausdruck verleiht. Frank Dolphin Wong singt den Maler Marcello mit starker volltönender Stimme, dem Musiker Schaunard verleiht Caio Monteiro ein starkes Profil und Moon Soo Park in der Rolle des Philosophen Colline singt mit erdigem Bass. Ebenfalls wunderbar: Yoshiaki Kimura als Benoit, Tae-Woon Jung als Alcindoro und Bojan Heyn als Zöllner.

Wegen eines weiteren krankheitsbedingten Ausfalls muss in der Premierenvorstellung die Rolle des Parpignol geteilt werden. So ist es Regieassistent Nick Westbrock, der die kleine Rolle sehr gut spielt, während der Gesang von Benoit-Darsteller Yoshiaki Kimura übernommen wird, der eigentlich Bassbariton ist und mit ungeahnter tenoraler Strahlkraft überrascht. Hervorragend einstudiert wurden außerdem der Opern- und Extrachor von Hagen Enke und der Kinderchor von Felicitas Jacobsen und Anna Janiszewska.

Doch nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Orchestergraben sind Höchstleistungen zu attestieren. Die Bielefelder Philharmoniker unter der Leitung von Alexander Kalajdzic verstehen es perfekt, den Balanceakt zwischen den leisen Feinheiten und den groß aufblühenden Melodien zu absolvieren. Kalajdzic dirigiert leidenschaftlich und energiegeladen, lässt so Puccinis Musik mal schmerzlich und dramatisch und dann doch wieder ganz sanft und zart klingen. Alles in allem also ein großer und absolut perfekter Opernabend!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".