„Jekyll & Hyde“ (Foto: Rolf Ruppenthal)
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Am Ziel vorbei: „Jekyll & Hyde“ in Merzig

Manchmal ist weniger mehr. Denn gerade im Minimalismus zeigt sich oftmals, wie gut ein Musical ist. Im Fall von „Jekyll & Hyde“, das in der Freilichtarena des Zeltpalastes im saarländischen Merzig in nur zwölf Tagen zusammengezimmert wurde, mag das aber nicht so recht funktionieren. Hier wirkt alles viel zu minimalistisch: Inszenierung, Bühne, teilweise auch der Gesang. Das ist ein „Jekyll & Hyde“ zum Abgewöhnen.

Mit Andreas Gergen hat man einen hervorragenden Regisseur engagiert, der schon bei Stücken wie „Luther“ oder „Martin Luther King“ bewiesen hat, dass er in kurzer Zeit stimmige Inszenierungen kreieren kann. Gergen ist einer der kreativsten und meistbeschäftigten Regisseure im deutschsprachigen Raum, hat unzählige Musicals und Opern inszeniert. Aber seine Inszenierung von „Jekyll & Hyde“ in Merzig mag nicht so recht zünden.

Dass die Mitwirkenden, die gerade nicht in einer Szene sind, links und rechts auf der Bühne sitzen oder sich auf offener Bühne umziehen, ist dabei auch nicht neu, sondern wurde von Andreas Gergen schon bei „Luther“ so umgesetzt. Nun mag es durchaus seinen Reiz haben, wenn Umzüge auf der offenen Bühne geschehen und ein Stück improvisiert wirkt, eine Inszenierung so pur ist und man sieht, wie Menschen Theater spielen. Aber Gergen erfindet sich damit eben nicht neu, sondern kopiert sich selbst – und das hat dieser sonst so starke Regisseur, auch wenn er nur zwölf Tage Zeit hatte, gar nicht nötig.

Die Bühne besteht aus einer riesigen LED-Wand, auf der verschiedene Londoner Schauplätze gezeigt werden. An der Wand befinden sich außerdem zwei Galerien, so dass auf mehreren Ebenen gespielt werden kann. Das verspricht immerhin etwas Abwechslung, wenn sonst schon nicht viel mehr an Ausstattung aufgefahren wird. Erzählt wird die Story in rund zwei Stunden – ohne Pause. Songs wurden umgestellt, teilweise gestrichen. Dadurch verliert das Stück an Dramaturgie und wirkt immer wieder wie eine Nummernrevue, die nur von einem Song zum nächsten hetzt.

Das ist schade, denn so verpuffen die wenigen wirklich gut umgesetzten Szenen. Im Gedächtnis bleibt jedoch die Nummer „Schafft die Männer ran“, in der sich Lucy langsam auszieht und nahezu nackt auf der Bühne steht, bis sich die Szene schließlich zu einer großen Orgie entwickelt.

Leider zieht sich der Minimalismus der Inszenierung auch bis zum Orchester, das extrem künstlich und dünn klingt. Unter der Leitung von Marc Seitz fehlt es den Musikerinnen und Musikern an Dynamik, die großen Melodien aus der Feder von Frank Wildhorn entfalten so leider nicht ihre Brillanz.

Teilweise können die Darstellerinnen und Darsteller aber noch retten, was zu retten ist. Insbesondere die beiden Damenrollen sind absolut perfekt besetzt. Milica Jovanovic spielt die Rolle der Lisa routiniert und begeistert mit ihrem glockenklaren Sopran wie schon in der Dortmunder Produktion von „Jekyll & Hyde“. Eine echte Entdeckung ist Miriam Neumaier in der Rolle der Lucy. Mit ihrer wunderschönen facettenreichen Stimme und authentischem Schauspiel gelingt ihr eine starke Interpretation dieser armen Seele.

Neben den beiden starken Damen kann Fabio Diso in der Doppelrolle als Dr. Henry Jekyll und Edward Hyde leider nicht mithalten. So wirkt er einerseits zu jung für die Rolle, andererseits schafft er es auch gesanglich nicht, zu überzeugen. Einen stimmlichen Unterschied zwischen Jekyll und Hyde herzustellen, gelingt ihm nicht. Mit dünner Stimme bleibt er hinter den Erwartungen an diesen großen Part zurück. Selbst schauspielerisch macht er nichts wett, so dass seine Darstellung insgesamt leider enttäuscht.

Mag man der Produktion auch zugutehalten, dass damit in der Corona-Zeit überhaupt wieder Live-Musical möglich ist, so kann über die offensichtlichen Schwächen trotzdem nicht hinweggesehen werden. Viel zu sehr wirkt es, als sei die Produktion mit der heißen Nadel gestrickt worden. So macht „Jekyll & Hyde“ einfach keinen Spaß – auch nicht unter Corona-Umständen, auch nicht mit zwei zugedrückten Augen. Diese Produktion ging voll am Ziel vorbei.

Text: Matilda Falke

Matilda Falke hat Germanistik studiert und ein Volontariat absolviert. Seit mehreren Jahren ist sie als freie Journalistin und Texterin tätig.

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