Zauberhafte Familienunterhaltung: „Familie Cille rettet das Theater“ in Hamburg
Mit der Uraufführung von „Familie Cille rettet das Theater“ zeigt das First Stage Theater Hamburg eindrucksvoll, welches Potenzial im Kindermusical steckt, wenn es ernst genommen, liebevoll gestaltet und professionell umgesetzt wird. Autorin, Komponistin, Texterin und Regisseurin Henriette Grawwert legt hier ein rundum persönliches Werk vor, das spürbar aus einer tiefen Zuneigung zum Genre und zu seinem jungen Publikum entsteht.
Im Zentrum der Geschichte steht das Familientheater Cille, das seit fünf Jahrzehnten von Opa Paul geführt wird. Kurz vor dessen 70. Geburtstag droht jedoch das Aus: Konkurrenz durch andere Theater, Kino und Netflix hat das Publikum schrumpfen lassen, die Kassen sind leer, selbst die Stromrechnung kann nicht mehr beglichen werden. Die ganze Familie versucht, das Theater zu retten.
Grawwert inszeniert diese Rettungsgeschichte wunderbar märchenhaft und konsequent kindgerecht. Ihr Buch und ihre Regie spricht junges Publikum direkt an, ohne es zu unterschätzen, und bezieht es immer wieder aktiv ins Geschehen ein. Die Musik ist eingängig und abwechslungsreich: klassische Balladen stehen neben mitreißenden Ensemblenummern, auch Rap findet seinen Platz. Mehr als einmal entstehen Ohrwürmer.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen jedoch die logischen Schwächen des Buches. Die zeitliche Abfolge rund um die Stromabschaltung gerät ins Wanken, wenn nach Ostern plötzlich ein Zeitungsartikel über den Skandal „so kurz vor Ostern“ initiiert wird, obwohl der Strom bereits abgeschaltet wurde – am Ostermontag. Auch bleibt unklar, warum ausgerechnet ein altes Stück der verstorbenen Oma das Theater rettet. Zu Beginn wird überzeugend etabliert, dass dem Haus das Publikum fehlt. Aber weshalb dann gerade ein nostalgisches Werk den großen Erfolg bringt, erschließt sich allein durch die am Ende wohlwollende Zeitungskritik, dramaturgisch aber nicht wirklich. Doch sei es drum: Das Stück versprüht so viel Wärme, gute Laune und Charme, dass man sich gerne auf seine Märchenlogik einlässt.
Das Bühnenbild von Tobias Mancinella trägt erheblich zu diesem Charme bei. Die Zweitverwertung des Bühnenbildes von „Kein Pardon“ ist nicht nur nachhaltig, sondern äußerst clever gelöst. Das ehemalige Wohnzimmer der Familie Schlönzke wird nun zum Wohnzimmer von Paul Cille und verwandelt sich durch eine Drehung in dessen Theaterbüro. Besonders dieses Büro ist detailreich ausgestattet und lädt zum Entdecken ein. Auf der anderen Bühnenseite ergänzt ein Holzgerüst als angedeuteter Dachboden die Szenerie, vollgestellt mit alten Theaterkostümen und Requisiten, die die Geschichte des Hauses sichtbar machen und Fantasie anregen.

Das Lichtdesign von Daniel Pabst und Daniel Holtz unterstützt die Inszenierung stimmungsvoll. Die gezielt eingesetzten Lichtwechsel und die vielen Lichtpunkte im Zuschauerraum schaffen eine märchenhafte Atmosphäre, die den Saal mit einbezieht.
Getragen wird der Abend von einem spielfreudigen Ensemble. Babak Malekzadeh als Opa Paul überzeugt mit warmherziger Präsenz, großer Glaubwürdigkeit und starker gesanglicher Leistung. Nina Matheis zeichnet Lisa als liebevolle Mutterfigur, während Milan Kirchhoff als leicht schrulliger Vater Florian für humorvolle Akzente sorgt. Eine echte Entdeckung ist Fiona Röhrig als Tochter Valerie: frisch, ausdrucksstark und mit einer schönen Stimme ausgestattet. Felix Mahlke gibt Sohn Luca souverän als coolen Typen und findet dabei genau das richtige Maß zwischen Lässigkeit und Empathie.
Am Ende ist „Familie Cille rettet das Theater“ ein herzerwärmendes Musical, das sein junges Publikum ernst nimmt und zugleich Erwachsene mitnimmt. Das First Stage Theater sollte diesen Weg unbedingt weitergehen und regelmäßig auf Produktionen für Kinder setzen – nicht zuletzt, um das Publikum von morgen frühzeitig für dieses Genre zu begeistern.
Text: Dominik Lapp
