„Vermisst! Was geschah mit Agatha Christie?“ in Hildesheim
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Raffinierter Bühnenkrimi: „Vermisst! Was geschah mit Agatha Christie?“ in Hildesheim

Das Theater für Niedersachsen (TfN) zeigt mit dem Kammermusical „Vermisst! Was geschah mit Agatha Christie?“ eine ebenso kluge wie konzentrierte Produktion, die im Studiotheater in Hildesheim genauso wie in mehreren niedersächsischen Gastspielorten ihre Wirkung voll entfaltet. Im Zentrum steht eines der wohl geheimnisvollsten Kapitel der Literaturgeschichte: Agatha Christies elftägiges Verschwinden im Jahr 1926, das die Autorin später mit einem Gedächtnisverlust erklärt – und das bis heute Raum für Spekulationen lässt. Ein Stoff, der wirkt, als habe Christie ihn selbst erdacht.

James Edward Lyons entwickelt daraus ein dramaturgisch geschickt konstruiertes Buch, während Paul Graham Brown mit Musik und Texten eine kammermusikalische Atmosphäre schafft, die weniger auf große Effekte als auf psychologische Spannung setzt. Das 2023 in Berlin uraufgeführte und anschließend in der Schweiz gespielte Musical findet in der Hildesheimer Produktion eine reduzierte, aber äußerst präzise Umsetzung. Dazu genügt eine klar strukturierte Ausstattung: Drei Podeste, eine einzelne Straßenlaterne und das in einer Ecke angedeutete Hotel „Old Swan“ stellen mühelos wechselnde Schauplätze dar. Mit diesem funktionalen Bühnenbild und auch den zeitgemäßen Kostümen schafft Patrizia Bitterich Raum für die Konzentration auf das Wesentliche.

Jana Lindners Regie setzt konsequent auf das Schauspiel und eine kluge Verzahnung von Gegenwart und Rückblenden. Immer wieder blitzen Parallelen zu Christies eigenen Romanfiguren auf, zu Miss Marple ebenso wie zu Hercule Poirot, ohne dass das Stück in Zitate verfällt. Die sparsam eingesetzte Choreografie von Daniel Wernecke bleibt bewusst zurückhaltend und nutzt die kleine Spielfläche mit feinem Gespür für Rhythmus und Balance.

„Vermisst! Was geschah mit Agatha Christie?“ in Hildesheim (Foto: Dominik Lapp)

Getragen wird der Abend von einem spielfreudigen vierköpfigen Ensemble. Marion Wulf zeichnet eine vielschichtige Agatha Christie: verletzte Ehefrau, scharfsinnige Beobachterin und selbstbewusste Ermittlerin zugleich, stets durchzogen von trockenem britischem Humor. Ihr Spiel verleiht der Figur Tiefe und Ambivalenz, ohne das Geheimnis vorschnell aufzulösen. Jack Lukas überzeugt in der Doppelrolle als Hotelmanager und Inspector mit klarer Präsenz, Daniel Wernecke gibt dem Ehemann Archie eine gute Mischung aus Charme und innerer Kälte, und Annemarie Purkert lässt als Nancy Neale eine zunächst unscheinbare Figur mit verborgener Tiefe hervortreten. Alle vier agieren mit großartigem Spiel und sicheren Gesangsstimmen.

Musikalisch ruht das Stück ganz auf dem Klavier. Andreas Unsicker sorgt für rhythmischen Antrieb und Stabilität, hält das musikalische Geschehen zusammen und verleiht ihm Spannung. Die Musik von Paul Graham Brown sucht nicht die große stilistische Vielfalt, hält jedoch einige schöne, eingängige Nummern bereit. Im Vordergrund steht klar die Kriminalhandlung, die sich spannungsvoll entfaltet, und die darstellerische Leistung des Ensembles.

Am Ende bleibt das wahre Geheimnis von Agatha Christies Verschwinden ungelöst – ganz wie im echten Leben, das die Autorin selbst nie vollständig erklärte. Gerade das macht den Reiz dieses Abends aus, der weniger durch äußeren Aufwand als durch erzählerische Präzision und darstellerische Intensität überzeugt.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".