Ikone im Dreifachspiegel: „Die Cher Show“ auf Tour
„If I could turn back Time“ – „Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte“. Mit einem ihrer größten Hits startet „Die Cher Show“, von Showslot auf Tour geschickt, den Rückblick auf die beeindruckende Lebensgeschichte der Pop-Ikone: Cher in ihrem aus dem Musikvideo bekannten, halbtransparenten schwarzen Body mit Strapsen und Lederjacke, umgarnt von tanzenden Matrosen – die aber schon bald von Matrosinnen abgelöst werden, denn in dieser Show gehört die Bühne den Frauen.
Rick Elice, der als Autor eng mit Cher am Skript zusammenarbeitete, zeichnet ihren Aufstieg vom schüchternen Teenager zum gefeierten Weltstar in kurzen Episoden anhand ihrer Songs nach. Ihre vielseitige Karriere erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte: von einer unruhigen Kindheit in den 50ern über ihren ersten Hit mit Sonny Bono und die öffentliche Scheidung in den 60er/70er-Jahren, ihre Schauspielerfolge und den Oscar-Gewinn in den 80ern sowie berufliche Tiefschläge bis zu ihrem Comeback Ende der 90er-Jahre. Das Erzähltempo unter der Regie von Christopher Tölle ist hoch, die Szenen gehen nahtlos ineinander über. Probleme wie finanzielle Schwierigkeiten oder persönliche Kämpfe werden dabei manchmal etwas oberflächlich abgehandelt.
Originell ist jedoch, dass Chers Geschichte nicht nur rein chronologisch erzählt wird, sondern von drei Darstellerinnen, die verschiedene Phasen ihres Lebens und Facetten ihrer Persönlichkeit repräsentieren: Babe, Lady und Star. Die drei Chers treten im Laufe der Handlung in verschiedenen Konstellationen auf, kommentieren Szenen, unterbrechen sie und mischen sich ein, geben sich gegenseitig Ratschläge, sind manchmal auch nur Beobachterinnen oder schwelgen gemeinsam in Erinnerungen. Wenn Lady das Flirten übernimmt, weil Babe zu schüchtern ist, Sonny anzusprechen, Lady und Star einfach in Babes Song platzen oder Star den anderen gegenüber feststellt: „Es ist leichter, mit mir zu reden, wenn ich vollständig bin“, lädt das zum Schmunzeln ein und fängt Chers selbstironischen Humor gekonnt ein. Oft treffen sich die drei in einem leeren Raum ohne Bühnenbild, um zu resümieren, innezuhalten und nachzudenken. Die stärksten Momente haben sie daher als Trio mit Songs wie „The Way of Love“, „Song for the Lonely“ oder „You haven’t seen the Last of me“.
Die Show enthält 35 von Chers weltbekannten Titeln, die alle im englischen Original gesungen werden. Manche davon haben die Power eines Popkonzerts, andere sind der jeweiligen Stimmung angepasst und überraschend schlicht arrangiert. Die als Disco-Hits bekannten Songs „Believe“ und „Strong enough“ etwa werden im Stück als Teil der Handlung zu mehrstimmigen Akustikballaden. Die sechsköpfige Live-Band unter der Leitung von Luis Richter ist oben auf der Bühne platziert und in einigen Szenen auch sichtbar. Der Sound ist gut, und die Musiker spielen sich stilsicher durch Genres wie Folk, Rock, Country und Elektropop.
Das minimalistische Set-Design von Andrew Exeter besteht aus einer halbkreisförmigen, nicht sehr breiten Bühnenkonstruktion, auf der mehrfach in großen Lettern der Schriftzug „Cher“ prangt. Eine LED-Wand im Hintergrund zeigt eine Vielzahl digitaler Projektionen und dient beispielsweise als Wohnzimmertapete oder Kulisse der TV-Sendung „Top of the Pops“. Per Videokamera wird in einigen Szenen auch das Bühnengeschehen live darauf übertragen. Die unterschiedlichen Settings sind nur durch einzelne Gegenstände oder Möbelstücke wie eine Hollywoodschaukel, ein Bett, einen Kleiderständer oder eine Filmkamera angedeutet. Eine zweite, höher gelegene Bühnenebene mit Schiebetüren bietet weitere Auftrittsmöglichkeiten. Die sechs doppelten Spotleisten und der beleuchtete Bühnenrahmen sorgen für ein stimmiges Lichtdesign und, wenn nötig, für Konzertatmosphäre.
Visuell beeindruckend sind auch die Kostüme von Heike Seidler, seien es die bunten Schlaghosen und Fellwesten im Stil der 60er Jahre, die von Chers Designer Bob Mackie inspirierten Kreationen wie der regenbogenfarbene Paillettenanzug, das mit bunten Bändern behangene Gypsy-Dress, das Cowboy-Outfit mit Jeans und Fransen oder das weiß-silber-glänzende Glamourkleid mit Straußenfedern, die noch mehr herausstechen, weil das Ensemble komplett in Schwarz gekleidet ist. In mehreren Szenen treten auch alle drei Cher-Darstellerinnen in dem bereits erwähnten schwarzen Netzbody auf, wodurch dieses Kostüm in der Show etwas an Originalität einbüßt.

Für die Besetzung von Babe, Lady und Star wurden drei hervorragende Akteurinnen gefunden, die Chers Persönlichkeit jeweils auf ihre eigene Art interpretieren: Pamina Lenn verkörpert die jugendliche Babe Cher im Teenageralter, die in der Schule wegen ihrer gemischten Herkunft eine Außenseiterin ist, aber den großen Traum hat, berühmt zu werden. Zunächst etwas verlegen und unsicher, entwickelt sie einen unbekümmerten Optimismus und lacht oft über sich selbst, was sie sympathisch und nahbar wirken lässt. Ihre Stimme muss die junge Sängerin erst finden. Lenn verleiht ihr einen jugendlichen Touch und versucht, sie im Cher-typischen Stil bei tiefen Tönen etwas dunkler zu färben.
Mit Beginn ihrer Solokarriere entwickelt sich Hannah Lesers Lady Cher in ihren 20ern und 30ern zur glamourösen Diva, wird stärker und unabhängiger. Ihr Erfolg spornt sie an, Grenzen zu überschreiten – wie mit den gewagten und extravaganten Kostümen ihres Designers Bob Mackie. Dieser Abschnitt beleuchtet aber auch die Schattenseiten des Ruhms und ihre Bemühungen, ihre Ehe mit Sonny zu retten. Leser gelingt es als Lady Cher, ihre Frustration und Erschöpfung sowie die nachdenklichen und verzweifelten Momente auch stimmlich mit emotionaler Ausdruckskraft darzustellen.
Als eine reifere, selbstbewusste und erfahrenere, teils aber auch gebrochene Star Cher in ihren 40ern brilliert Sophie Berner. Sie ist schlagfertig, zynisch und ein wenig verrucht, hat aber auch Momente voller Selbstzweifel, etwa bei ihrem ersten Vorsprechen als Schauspielerin. Man fühlt mit ihr und sieht die Herausforderungen, denen sie sich später im Leben stellen musste. Dank Sophie Berners einnehmender Bühnenpräsenz und ihrer ausdrucksstarken Stimme werden Songs wie „Gypsies, Tramps and Thieves“ oder „Just like Jesse James“ zu Höhepunkten der Show. Ihre bewegendste Szene ist das imaginäre Zwiegespräch mit Sonny, dem sie sich bis zuletzt verbunden fühlte, und ihre melancholische Unplugged-Reprise von „I got you Babe“ an seinem Grab.
Jan Rogler und Pamina Lenn geben als junge Sonny und Cher ein liebenswertes, genügsames, etwas chaotisches Paar ab. Seine höhere Stimme passt gut zu ihrem tieferen Klang, der für die harmonischen Duette der beiden prägend war. Jan Roglers Sonny Bono wandelt sich jedoch im Laufe des Stücks vom sympathischen Kerl, der über die Witze wegen seiner geringen Körpergröße selbst lachen kann, zum geldgierigen und kontrollsüchtigen Mann, dem der Erfolg zu Kopf gestiegen ist.
Chers spätere Partner, der Country-Rock-Sänger Gregg Allman und der wesentlich jüngere Schauspieler Rob Camiletti (in der besuchten Vorstellung dargestellt von Perry Beenen), wirken neben ihr und im Vergleich zu Sonny eher schwach und austauschbar. Hanna Kastner als Chers alleinerziehende Mutter Georgia Holt ist eine eigenwillige und unabhängige Lady, die ihrer Tochter als Inspiration und Vorbild dient. Maximilian Vogel überzeugt mit angenehmer Stimme sowohl als überschwänglicher und exzentrischer Modedesigner Bob Mackie als auch in der Rolle des Regisseurs Robert Altman, der Cher zu ihrer Schauspielkarriere ermutigt.
Obwohl auf der kleinen Bühne wenig Platz ist, präsentiert das Ensemble Nigel Watsons Choreografien, die den lässigen Charme der 70er-Jahre, Disco-Flair und zeitgenössische Stile vereinen, mit Energie und Spielfreude. Als Solotänzerin beeindruckt vor allem Gaia Comettio beim Tango zu „Dark Lady“.
Spätestens beim Finale mit der Synthiepop-Hymne „Believe“ hält es das Publikum nicht mehr auf den Sitzen, aber „Die Cher Show“ ist nicht bloß ein unterhaltsames, glamouröses und energiegeladenes Jukebox-Musical mit spektakulären Kostümen, unvergesslichen Hits und Konzertcharakter. Sie hat auch nachdenkliche Momente und zeigt unbekannte, verletzliche Seiten von Cher – einer Frau, die sich trotz Selbstzweifeln, gesellschaftlichem Druck sowie privater und beruflicher Höhen und Tiefen immer wieder neu erfunden hat.
Text: Yvonne Drescher
