Solide und gut gemacht: „Der Vetter aus Dingsda“ in Osnabrück
Am Theater Osnabrück hebt „Der Vetter aus Dingsda“ mit sichtbarer Lust am Genre ab. Eduard Künnekes Operette mit dem Libretto von Hermann Haller und Rideamus setzt seit jeher weniger auf Abgründigkeit als auf melodischen Witz und eine Handlung, die ihre Verwicklungen mit leichter Hand ausstellt. Genau darin liegt die Stärke dieser Inszenierung: Sie will nicht gegen das Stück arbeiten, sondern mit ihm.
Regisseur Christian Thausing entscheidet sich für eine klassische Erzählweise, die Klarheit über Aktualisierung stellt. Das mag vielleicht zu wenig wagemutig erscheinen, erweist sich hier jedoch als klug. Die Geschichte um Fernweh, Verwechslung und romantische Projektionen wird stringent geführt, die Szenen fließen, Pointen sitzen. Die Regie vertraut dem Text und der Musik und schafft so einen Abend, der vor allem unterhalten will, jedoch zugleich die problematischen Denkweisen seiner Entstehungszeit offenlegt.
Aus heutiger Sicht erscheint es irritierend, dass die weiblichen Figuren kaum eigene Ziele jenseits der Suche nach dem perfekten Mann entwickeln dürfen. Die latent bis offen frauenfeindliche Haltung des Stücks zeigt sich besonders in Josefs herablassender Sprache gegenüber Wilhelmine, wenn er sie als Schleiereule oder Wimpel verspottet und ihr mit dem Satz „Wenn die Fahne spricht, hat der Wimpel Pause“ jegliche Autorität abspricht.

Das Bühnenbild von Okarina Peter und Timo Dentler entfaltet vom ersten Moment an operettentypische Opulenz. Ein halbrunder Saal, in kräftigen Farben gehalten, bildet den Rahmen, der immer wieder neue Blickachsen eröffnet. Der große, schräg über der Spielfläche hängende Rundspiegel ist mehr als Dekoration: Er verdoppelt das Geschehen, lässt Szenen vielschichtig wirken und spielt mit Perspektiven – besonders schön bei Julias Mondlied, wenn das Publikum im Spiegel erkennt, dass die runde Tischplatte, auf der die Protagonistin liegt, wie die Mondoberfläche gestaltet ist. Eine Rakete verweist zudem augenzwinkernd auf die verheißene Ferne namens Dingsda. Dazu gesellen sich fantasievolle Kostüme (ebenfalls von Peter und Dentler), die bewusst im Stil der Operette bleiben und die Figuren bunt und klar konturieren.
Musikalisch trägt der Abend zuverlässig. Seong-Bin Oh führt das Osnabrücker Symphonieorchester mit Gespür für Künnekes Partitur. Die Tempi sind lebendig, ohne zu hetzen, die Übergänge zwischen Dialog und Musik gelingen organisch. Besonders in den bekannten Nummern zeigt sich die Detailarbeit: Die elegante Leichtigkeit der Streichinstrumente und die pointierten Bläserakzente lassen den typischen Sound dieser Operette aufleuchten. Das Orchester begleitet nicht nur, sondern gestaltet das Geschehen aktiv und hält die Spannung bis zum Ende.
Auch choreografisch weiß die Produktion zu überzeugen. Seân Stephens gestaltet die wenigen Tanznummern schwungvoll und gut anzusehen. Die Bewegungen unterstützen die Musik, nehmen ihre Impulse auf und verleihen den Szenen des neunköpfigen Ensembles zusätzlichen Drive. Gerade hier wird deutlich, wie sehr diese Operette vom Zusammenspiel aller Ebenen lebt.

Alle Mitwirkenden agieren mit großer Spielfreude, die sich unmittelbar auf das Auditorium überträgt. Susanna Edelmann singt nicht nur wunderbar, sondern gibt ihrer Julia eine Mischung aus Entschlossenheit und verträumter Erwartung. Marlene Metzger als Hannchen punktet mit frischer Präsenz und klarem stimmlichem Profil. Jan Friedrich Eggers gestaltet seinen Josef mit sicherem Timing als frauenfeindlichen Kotzbrocken – was in der besuchten Vorstellung bei dem vornehmlich älteren Publikum hörbar gut ankommt.
Nadia Steinhardt überzeugt als Wilhelmine mit eleganter Linienführung, Daniel Preis setzt als Egon markante Akzente. Florian Wugk gibt dem August komödiantische Kontur, Dominic Barberi dem Roderich wohldosierte Selbstgewissheit. Auch die Diener Karl und Hans, gespielt von Mark Hamman und Silvio Heil, fügen sich präzise ins Gesamtbild ein und sorgen für so manche Zuspitzungen im Spiel.
Die Aufführung will am Ende weder provozieren noch neu erfinden. Sie versteht sich als verlässliches Repertoiretheater, das Operettenfans einen stimmigen, farbigen Abend bietet. Die bekannten Melodien entfalten ihre Wirkung, das Publikum reagiert entsprechend aufmerksam und erfreut. Etwas mehr Mut zur Zuspitzung oder Brechung ließe sich denken, doch vielleicht ist gerade diese Zurückhaltung Teil des Erfolgs. So zeigt sich „Der Vetter aus Dingsda“ in Osnabrück als solide und gut gemachte Operette – nicht außergewöhnlich, aber überzeugend in dem, was sie sein will.
Text: Dominik Lapp

