„Maria Stuarda“ in Hamburg
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Zerbrechende Kronen: „Maria Stuarda“ in Hamburg

An der Staatsoper Hamburg steht derzeit Gaetano Donizettis „Maria Stuarda“ (Libretto: Giuseppe Bardari) auf dem Spielplan – und erlebt in der Regie von Karin Beier eine radikale Verschiebung ihres Koordinatensystems. Was gemeinhin als machtpolitisches Duell zweier Königinnen verhandelt wird, erscheint hier als Versuchsanordnung über Identitätsverlust. Beier entzieht dem Werk seine historischen Konturen und legt eine existentielle Krise frei, die Elisabetta und Maria gleichermaßen erfasst. Nicht Staatsräson, sondern Sinnsuche bestimmt das Geschehen. Nicht die Frage nach Legitimität, sondern jene nach dem eigenen Bestand.

Der Bühnenraum von Amber Vandenhoek setzt diesen Zugriff in kühle Architektur um. Graue Steinwände umschließen die Szene wie ein Gefängnis, das beide Herrscherinnen gleichermaßen einschließt. Schlitze hoch oben durchbrechen das Mauerwerk. Aus ihnen blicken Chormitglieder herab, stumm beobachtend, wie Wärter eines Systems, das seine Insassen nie aus den Augen verliert. So wird der Chor zum Teil einer Überwachungsordnung, die Macht nicht als Glanz, sondern als permanente Kontrolle sichtbar macht.

Karin Beier treibt die Dekonstruktion weiter, indem sie den beiden Protagonistinnen Schauspiel-Doubles zur Seite stellt: Katja Danowski und Sandra Gerling agieren als gehorsame Ausführende, als Schattenkörper, die Handlungen vorwegnehmen oder fortsetzen. In ihren Bewegungen materialisiert sich, was im Gesang oft nur angedeutet ist: innerer Schmerz, unerfüllte Sehnsucht, das allmähliche Abstreifen einer Rolle, die zur Last geworden ist. Diese Verdopplung erzeugt eine permanente Reibung zwischen Stimme und Körper, zwischen öffentlicher Pose und privater Zerrüttung.

Die Kostüme von Eva Dessecker unterstreichen diese Schwebe zwischen Zeiten. Historische Silhouetten werden durch moderne Boots gebrochen, Elisabetta trägt zur höfischen Robe eine rote Lederjacke – wie ein Zeichen von Trotz und Abwehr zugleich. Das Ergebnis wirkt weder angestaubt noch effektheischend, sondern etabliert eine Gegenwärtigkeit, die den Figuren ihre Patina nimmt, ohne sie ihrer Würde zu berauben.

Das Licht von Annette ter Meulen modelliert die kalte Szenerie mit klarem Blick für Kontraste. Besonders in der Hinrichtungsszene fahren zahlreiche Scheinwerfer aus dem Schnürboden herab und tauchen alles in grelles Weiß. Kein sakraler Schimmer, sondern eine schonungslose Ausleuchtung, als würde ein Laborversuch seinen Höhepunkt erreichen. Die Videos von Severin Renke setzen punktuelle Akzente, ohne das Bühnengeschehen zu dominieren.

Am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg steht Stefano Montanari, der Donizettis Partitur von allem süßlichen Belcanto-Klischee befreit. Er wählt zügige, doch nie gehetzte Tempi, akzentuiert die rhythmische Energie und legt die harmonischen Spannungen offen. Die Streicher zeichnen scharf konturierte Linien, die Holzbläser setzen gezielte Farbtupfer, während die Blechbläser den dramatischen Kulminationen eine metallische Härte verleihen. Dabei hält Montanari die Sängerinnen und Sänger stets auf tragfähigem Fundament, ohne sie in orchestraler Opulenz zu überdecken.

Der von Alice Meregaglia einstudierte Chor überzeugt mit Geschlossenheit und klanglicher Präsenz sowie mit Balance und Textverständlichkeit. In den wenigen Ensembleszenen entsteht so ein vielschichtiges Klangbild, das zwischen Anteilnahme und kalter Distanz changiert.

In der Titelpartie gestaltet Mariangela Sicilia eine Maria, die von Beginn an unter Hochspannung steht. Ihr Sopran verfügt über leuchtende Höhe und eine bewegliche Mittellage. In der großen Konfrontation mit Elisabetta steigert sie sich zu einer schneidenden Attacke, ohne die Linie zu verlieren. Im Schlussbild findet sie zu einer fast entrückten Ruhe, die weniger religiöse Verzückung als bewusste Selbstvergewisserung vermittelt.

Barno Ismatullaeva zeichnet Elisabetta mit scharfem Profil. Ihr Sopran besitzt eine Durchschlagskraft, die den Herrschaftsanspruch der Figur unmittelbar hörbar macht. Zugleich legt sie in den leiseren Passagen feine Risse frei – unter der roten Lederjacke erscheint eine Frau, die ihre Rolle mit aller Kraft verteidigt, weil sie weiß, wie brüchig sie geworden ist. Das berühmte Aufeinandertreffen der beiden Königinnen gerät so weniger zum Schlagabtausch als zu einer Begegnung zweier Existenzen am Rand des Zerfalls.

Als Anna überzeugt Marina Poltorak mit warm timbriertem Mezzosopran. Konu Kim gibt Roberto mit geschmeidigem Tenor und glaubwürdiger Zerrissenheit zwischen Leidenschaft und Loyalität. Gianluca Buratto stattet Talbot mit sonorem Bass und ruhiger Autorität aus, während Chao Deng als Cecil markante Konturen setzt.

So entsteht ein Opernabend, der „Maria Stuarda“ nicht als historisches Tableau, sondern als Studie über den Verlust von Gewissheiten zeigt. Zwischen grauen Wänden, unter dem Blick eines kontrollierenden Kollektivs und im grellen Licht der letzten Szene zerfallen Gewissheiten ebenso wie Identitäten. Die Krone bleibt als Requisit – doch was sie bezeichnet, ist längst ins Rutschen geraten.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".