Celena Pieper (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Celena Pieper: „Jede Rolle zeigt mir eine neue Perspektive auf das Leben“

Ein Musical rund um einen Boxer – und eine Figur, die oft unterschätzt wird: Bei den Freilichtspielen Tecklenburg steht Celena Pieper als Adrian in „Rocky“ auf der Bühne. Im Gespräch erzählt die Musicaldarstellerin, warum ihre Adrian mehr ist als die stille Frau an Rockys Seite, wie Regisseurin Janina Niehus die Figur neu gedacht hat und weshalb gerade die leisen Momente die größte Herausforderung waren.

Du spielst in „Rocky“ die Adrian – eine Figur, die viele Menschen vor allem aus dem Film kennen. Wie schafft man es, sich von dieser bekannten Vorlage zu lösen und eine eigene Version zu entwickeln?
Das war tatsächlich relativ einfach – vor allem dank unserer wunderbaren Regisseurin Janina Niehus. Sie hat aus dem Stück noch mal eine neue Version gemacht und sich bewusst von bestimmten Bildern aus dem Original gelöst. Natürlich spielt unsere Inszenierung weiterhin in den Siebzigern, aber wir haben einige Nuancen verändert und die Figuren ein Stück weit in die heutige Zeit geholt. Ein kleines Beispiel: Adrian muss bei uns nicht erst die Brille abnehmen, damit Rocky „Du siehst wunderschön aus“ sagt. Sie darf auch mit Brille schön sein. Solche Details verändern viel. Außerdem haben wir am Anfang der Proben sehr intensiv über die Figuren gesprochen. Jede wichtige Rolle wurde befragt, und wir mussten in der Ich-Perspektive als Figur antworten. Ich als Adrian musste Fragen zu ihrem Leben, ihren Gedanken und ihrer Geschichte beantworten. Weil Adrian eine fiktive Figur ist und es keine historische Vorlage gibt, konnte ich ganz viel selbst entwickeln. Das war total schön, weil ich dadurch meine eigene Adrian erschaffen konnte.

Natürlich Blond Hamburg

Was hat dich besonders an „Rocky“ und an Adrian gereizt?
Das Verrückte ist: Ich habe „Rocky“ damals in Hamburg mit meiner Mama gesehen, noch bevor ich Musical studiert habe. Ich erinnere mich noch genau an die Besetzung damals. Und jetzt, viele Jahre später, selbst diese Rolle zu spielen, bedeutet mir unglaublich viel. Ich habe das Album früher rauf und runter gehört. Deshalb fühlt sich das heute wirklich besonders an. Gleichzeitig war die Rolle selbst eine Herausforderung: Adrian sagt am Anfang gar nicht viel. Das kann sogar schwieriger sein, als viel Text zu haben. Wie füllt man Stille? Warum sagt sie nur „Ja“? Was denkt sie in diesen Momenten? So eine Rolle hatte ich vorher noch nie. Genau das hat mir am Ende unglaublich Spaß gemacht.

„Rocky“ in Tecklenburg (Foto: Dominik Lapp)
Celena Pieper schätzt es sehr, dass sie dank Regisseurin Janina Niehus an der Rolle der Adrian viel selbst entwickeln konnte.

Was siehst du in Adrian, das auf den ersten Blick leicht übersehen wird?
Gerade in der ersten Szene wirkt sie sehr kurz angebunden. Sie antwortet oft nur mit einem Wort und wirkt eher verschlossen. Aber ich glaube, da steckt viel mehr in ihr. Sie hat einfach lange keinen Raum gehabt, ihre Gedanken und Gefühle wirklich zu zeigen. Ich glaube, dass Adrian selbstbewusst ist und genau weiß, was sie denkt. Das wird besonders im zweiten Akt sichtbar. Da merkt man: Diese Frau hat eine Stimme – sie hat sie nur lange zurückgehalten.

Welche Szene oder welcher Song war es, wo du in den Proben eine neue Seite an Adrian entdeckt hast?
Definitiv ihr Song im zweiten Akt. Dort sagt Adrian ihrem Bruder Paulie endlich ehrlich, was sie all die Jahre mit sich herumgetragen hat. Sie hat sich lange angepasst, viel mit sich machen lassen und immer für ihn funktioniert. Und dann kommt dieser Moment, in dem sie sagt: Jetzt bin ich mal für mich da. Jetzt lebe ich mein eigenes Leben. Das ist für Adrian ein unglaublich befreiender Moment – und ehrlich gesagt, auch für mich beim Spielen.

„Rocky“ erzählt von Chancen, Selbstwert und dem Mut, aus der eigenen Rolle auszubrechen. Was bedeutet dieses Thema für dich persönlich?
Ich finde die Geschichte wahnsinnig stark. Da ist jemand von der Straße, der plötzlich die Chance bekommt, in den Boxring zu steigen und gesehen zu werden. Aber es geht nicht nur um Erfolg, sondern um Selbstwert und darum, herauszufinden, wer man eigentlich sein möchte. Das sieht man bei ganz vielen Figuren. Adrian beginnt, ihre Meinung zu sagen. Paulie merkt irgendwann, dass er seine Schwester eigentlich braucht und dass er sich fragen muss, was er selbst vom Leben möchte. Rocky wiederum will gar nicht unbedingt gewinnen, sondern will beweisen, dass er durchhalten kann. Auch andere Figuren treffen Entscheidungen und ziehen Grenzen. Für mich zieht sich ein Gedanke durch das ganze Stück: ehrlich zu sagen, was man denkt, und sich selbst zu erlauben, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen.

Celena Pieper (Foto: Dominik Lapp)

Du hast schon viele unterschiedliche Rollen gespielt, unter anderem in „Tanz der Vampire“, „Die Eiskönigin“ und zuletzt in „Scholl“. Nimmst du aus jeder Rolle etwas mit?
Ja, eigentlich immer. Jede Rolle zeigt mir eine neue Perspektive auf das Leben. Ich finde es unglaublich spannend, Figuren kennen zu lernen und sie gemeinsam mit Regie und Musikalischer Leitung zu entwickeln. Dadurch wachse ich selbst – nicht nur künstlerisch, sondern auch als Mensch. Und natürlich lernt man mit jeder Produktion neue Menschen kennen. Auch das verändert einen.

Wie unterscheidet sich die Arbeit an einer großen Disney-Produktion wie „Die Eiskönigin“ von einer Freilichtproduktion in Tecklenburg?
Ich glaube, das hängt immer auch davon ab, mit welchen Menschen man arbeitet, ganz unabhängig vom Haus. Aber ich würde schon sagen, dass Produktionen bei Stage Entertainment oft stärker getaktet sind. In Tecklenburg hatte ich bei dieser Produktion das Gefühl, sehr frei arbeiten zu können und vieles selbst entwickeln zu dürfen. Das habe ich unglaublich geschätzt. Ich bin Janina dafür wirklich dankbar. Die Zusammenarbeit mit ihr war richtig toll.

Janina Niehus hat wie du in Osnabrück Musical studiert. Welche Erinnerungen verbindest du mit deiner Ausbildungszeit dort?
Sehr viele. Was mir als Erstes einfällt: Es war unglaublich anstrengend. Vier Jahre, in denen ich oft an meine Grenzen gekommen bin. Am Ende jedes Studienjahres saß ich bei meinen Eltern und habe gesagt: „Ich schaffe das nicht.“ Und jedes Mal haben sie mir gesagt: „Doch. Du wolltest das immer, du ziehst das jetzt durch.“ Ohne diesen Rückhalt hätte ich das wahrscheinlich nicht geschafft.

„3 Musketiere“ in Tecklenburg (Foto: Dominik Lapp)
In Tecklenburg war Celena Pieper schon mehrfach engagiert – zum Beispiel als Constance in „3 Musketiere“.

Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde: Ich möchte Musicaldarstellerin werden?
Eigentlich wollte ich schon als Kind Sängerin werden. Ich war im Kinderchor, habe in der Schule gesungen, im Jugendchor der Kirche mitgemacht – und dort haben wir auch Musicals aufgeführt. Da habe ich gemerkt, wie sehr ich Bühne, Musik und Schauspiel liebe. Dann kamen Projekte wie das Musical-Amateurprojekt oder die Inklusionsmusicals der Tanzschule Hull. Und irgendwie ging mein Weg immer weiter in diese Richtung. Ich erinnere mich auch daran, dass ich als Kind hier in Tecklenburg Musicals gesehen habe – ich glaube sogar „Pippi Langstrumpf“. Heute selbst hier auf der Bühne zu stehen, ist schon verrückt. Ein besonderes Erlebnis war später „Bodyguard“. Da habe ich gemerkt: Ich möchte irgendwann selbst einmal so eine große Rolle spielen.

Du bist in der Region Osnabrück aufgewachsen, nicht weit von Tecklenburg. Fühlt sich Tecklenburg inzwischen ein bisschen wie Nachhausekommen an?
Ja, total. Als ich dieses Jahr zum dritten Mal hierhergefahren bin, hatte ich sofort Vorfreude. Allein durch die Fahrt durch die Natur kommt direkt dieses Gefühl auf: Hier möchte ich jetzt sein. Und hier arbeiten zu dürfen, fühlt sich manchmal wie Arbeit und Urlaub gleichzeitig an. Ich bin dieses Jahr besonders dankbar, weil ich nur in einer Produktion spiele und dadurch auch Zeit habe, meine Familie zu sehen.

Celena Pieper (Foto: Dominik Lapp)

Du lebst inzwischen in Hamburg, trotzdem scheint dir die Heimat noch sehr wichtig zu sein.
Ja. Egal, wo ich in Osnabrück entlangfahre – überall hängen Erinnerungen dran. Ich denke dann oft: Hier bin ich als Jugendliche langgelaufen, hier war das, hier war jenes. Und wenn ich bei meinen Eltern bin, merke ich: Das bleibt einfach meine Heimat.

Wie sieht eigentlich ein Probentag in Tecklenburg aus?
Schon ziemlich intensiv. Wir proben meistens in drei Blöcken: von 10 bis 13 Uhr, von 15 bis 18 Uhr und dann nochmal von 19.30 bis 22 Uhr. In den Pausen versuche ich meistens schnell zu essen und mich kurz hinzulegen. Nach einer Woche merkt man das körperlich schon sehr. Zum Glück gibt es freie Tage, sonst wäre das auf Dauer kaum machbar. Aber grundsätzlich sind Probenzeiten immer intensiv, egal wo.

Eine letzte Frage: Der Film „Rocky“ erschien lange vor deiner Zeit. Kanntest du ihn vorher überhaupt?
Ich habe ihn tatsächlich erst kurz vor Probenbeginn mit meinem Freund geschaut. Und ich mochte ihn sehr. Ich fand spannend, wie anders Filme damals erzählt wurden: viel ruhiger, mit längeren Einstellungen und weniger schnellen Szenenwechseln. Heute geht alles oft sehr schnell. Deshalb fand ich es schön, diese Ruhe noch mal zu erleben. Ich mag den Film.

Interview: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".