Die leisen Anfänge der Weißen Rose: Probenbesuch beim Musical „Scholl“ in Magdeburg
Es ist ein sonniger, kalter Morgen im März. In den Gängen des Magdeburger Opernhauses herrscht bereits vor zehn Uhr geschäftiges Treiben. Um drei Ecken versteckt, findet sich eine der beiden Probebühnen des Theaters, auf deren Tür ein kleiner Zettel klebt: „Scholl – Die Knospe der Weißen Rose“. Man bittet darum, nicht zu stören. Die Probebühne selbst liegt noch im Schlaf, doch alles ist vorbereitet für die Ankunft von Cast und Kreativteam. Auf dem Regietisch stapeln sich das Skript, Notizen und Bücher zur Thematik der Weißen Rose, dazwischen ordentlich Nervennahrung – die Tage sind lang. Im Hintergrund: Stellwände mit Fotos der Hauptcharaktere und ihrer Interpreten: Alexander Auler, Celena Pieper und Bianca Basler als Hans, Sophie und Inge Scholl, daneben Fin Holzwart als Shurik (Alexander Schmorell), Judith Caspari als Traute Lafrenz sowie Lara Kareen und Raphael Binde als Ulla und Freddy.
Das Musical „Scholl – Die Knospe der Weißen Rose“ basiert auf einer wahren Begebenheit. Erzählt wird hierbei aber nicht, wie man zunächst denken könnte, die Geschichte der berühmten Widerstandsgruppe um die Geschwister Hans und Sophie Scholl, die nach der Flugblattaktion mit der tragischen Verhaftung und Hinrichtung endete. Vielmehr widmet sich „Scholl“ den Menschen hinter der Gruppierung – zu einem Zeitpunkt, den diese als wichtigen Meilenstein in ihrem noch so jungen Leben erfahren. Es ist der Wechsel von der anfänglichen, ja noch kindlichen Begeisterung für die nationalsozialistische Bewegung hin zur kritischen Hinterfragung und letztendlichen Abwehr sowie radikalen Gegenantwort. Ort des Geschehens ist die Coburger Hütte, eine Skihütte in den Tiroler Alpen, wo die Geschwister mit Freunden den Jahreswechsel 1941/42 verbringen und fernab des Kriegs und des verhassten Reichsarbeitsdienstes ein paar unbeschwerte Tage genießen möchten. Vor allem für Hans Scholl markiert der Jahreswechsel einen entscheidenden Wendepunkt: Er entschließt sich in dieser Zeit, aktiv in den Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime einzutreten und dafür zu kämpfen, wofür es sich lohnt, im Äußersten auch zu sterben: die Freiheit.

Auf der Probebühne selbst erwecken provisorische Kulissenteile erste Eindrücke der Inszenierung. Schräg angelegt und spitz zusammenlaufend, deuten rechts und links Holzbänke die abfallende Bühne inklusive der mächtigen Balken an. An der Spitze: ein Holzgerüst mit Treppe, das vielseitig genutzt wird. Accessoires wie Holzkisten und Holzstämme mit dazugehöriger Axt, Tassen, die Heilige Schrift oder auch LED-Kerzen liegen für den heutigen Probentag bereit. Aufgeklebte Linien auf dem Boden deuten den Eisernen Vorhang an und im Hintergrund, außerhalb des Bühnenbereichs, warten zudem historische Holzskier sowie mehrere große Requisitenkisten mit allerlei Inhalt auf ihren Einsatz.
Ein Blick hinter die Kulissen
Doch die Ruhe vor dem Sturm währt nicht lange – bereits nach ein paar Minuten betreten Titus Hoffmann und Thomas Borchert mit Kaffee in der Hand die Probebühne. Borchert hat heute bereits seinen letzten Tag in Magdeburg. Als Musikalischer Supervisor steht er in enger Zusammenarbeit mit Robert Paul, der das Probengeschehen am Klavier begleiten wird, und ist daher in diesem Prozess nur an wenigen Tagen physisch anwesend. „Ich bin jetzt schon traurig“, lacht Borchert. „Es war eigentlich viel zu kurz, und doch bin ich sehr dankbar, hier gewesen zu sein!“ Auf die Frage, worauf sein Hauptfokus bei dem punktuellen Probenbesuch liegt, antwortet er: „Zunächst einmal ist es mir sehr wichtig, die neuen Kollegen im Ensemble und ihre Interpretation der Songs kennen zu lernen, um dann auch, gemeinsam mit Robert Paul, das eine oder andere musikalisch noch besser auf sie persönlich zuschneiden zu können. Außerdem haben sich in den ersten beiden Probenwochen ein paar neue Ideen entwickelt, aber auch Fragen ergeben, die wir jetzt gemeinsam ausprobieren und finalisieren können. Ich liebe diesen kreativen Prozess und bin sehr glücklich und dankbar, noch einmal in das ‚Scholl-Universum‘ eintauchen zu können.“ Er berichtet lächelnd, wie er bereits mit einzelnen Darstellenden intensiver die Möglichkeit hatte, musikalisch zu feilen. Vor allem bei den Neuen sei es spannend zu sehen, was sie im Gegensatz zu ihren Vorgängern anbieten und ihre Parts zum Teil ganz anders auslegen würden.

Nachdem „Scholl – Die Knospe der Weißen Rose“ 2023 im Stadttheater Fürth zur Uraufführung kam, sind drei Jahre vergangen. Drei Jahre, in denen hinter den Kulissen erstaunlich viel passiert ist. „Die Zeit in Fürth war für uns ebenso spannend wie bewegend“, erinnert sich Autor und Regisseur Titus Hoffmann. „Niemand wusste im Vorfeld, ob ein Musical zu diesem Thema beim Publikum überhaupt Anklang finden würde. Der Stoff war zwar bereits vielfach in Filmen, Schauspielstücken oder Opern verarbeitet worden, jedoch noch nie in Form eines Musicals. Das allein war schon ein Wagnis – umso mehr, weil wir eine neue, moderne Perspektive erzählen wollten, die die historische Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur auch kritisch hinterfragt. Umso überwältigender waren für uns die euphorischen Reaktionen von Publikum und Presse, die wir keineswegs als selbstverständlich empfunden haben. Wir sind sehr dankbar, dass das Stück so positiv aufgenommen wurde und so viel Aufmerksamkeit erfahren hat. Besonders bemerkenswert war für uns auch, dass uns Reaktionen aus dem Ausland erreichten. Die Geschichte der Scholls ist weltweit bekannt. Interessant ist dabei, dass etwa in den USA mitunter ein stärkeres Bewusstsein dafür zu bestehen scheint, dass in der Nachkriegszeit in Deutschland bestimmte Aspekte der Widerstandsgeschichte ausgeblendet wurden, um ein angepasstes Narrativ zu prägen. Dieses große Interesse hat uns darin bestärkt, das Projekt weiterzuverfolgen.“
Doch wie fand das Stück nach Magdeburg? „In Magdeburg war gerade sehr erfolgreich ‚Next to Normal‘ zu sehen – in Titus’ deutscher Fassung. Spontan schrieben wir das Theater an und fragten, ob sie sich vorstellen könnten, eine Neuproduktion der Originalinszenierung von ‚Scholl‘ in ihren Spielplan aufzunehmen. Wir erhielten umgehend eine Antwort: Man finde das Projekt äußerst spannend, müsse jedoch zunächst prüfen, ob die technischen Voraussetzungen eine Umsetzung erlauben würden. Nur wenige Tage später kam dann bereits die Zusage. Die Planungen an einem so großen Haus reichen natürlich weit in die Zukunft, und umso glücklicher sind wir, dass ‚Scholl‘ nun endlich wieder live zu erleben ist“, berichtet das Autorenduo.
Auf der Probebühne zeigt die Uhr mittlerweile kurz vor zehn, und sowohl der Rest des Kreativteams als auch die Cast trudeln nach und nach ein. Sie grüßen fröhlich und wirken doch sehr konzentriert – die Zeit ist begrenzt, die letzten Tage im Probenstudio sind angebrochen, schon bald wird man auf die große Bühne wechseln. „Das Tolle – und Ungewöhnliche – allerdings ist, dass wir trotzdem noch mal hierher zurückkehren werden“, plaudert Titus Hoffmann aus dem Nähkästchen. „So haben wir die Möglichkeit, erneut an Details zu feilen, tiefer zu gehen und genauer hinzusehen – wirklich etwas Besonderes!“ Generell bietet das Theater Cast und Kreativteam viele Möglichkeiten in der Erarbeitung des Stoffes. „Das Haus ermöglicht es uns, unsere Originalinszenierung mit dem raffinierten Bühnenbild von Stephan Prattes und den wunderbaren Kostümen von Conny Lüders erneut auf die Bühne zu bringen – allein das ist alles andere als selbstverständlich. Zudem erhalten wir eine vollständige Probenzeit, um das Stück noch einmal von Grund auf zu erarbeiten.“

Zwischen Aufbruch und Feinarbeit
Dieser Aspekt dürfte nicht unwichtig sein, denn mit Celena Pieper, Bianca Basler, Lara Kareen und Raphael Binde wurden vier der sieben Rollen komplett neu besetzt. „Die Inszenierung ist sehr detailliert ausgearbeitet, die Figuren im Stück haben klare Profile – sowohl was Stimmfach und Alter als auch den Typ betrifft“, fährt der Regisseur fort. „Vier Leute sind frisch im Team – und auch die Darstellerinnen und Darsteller der Uraufführung sollen die Möglichkeit erhalten, noch einmal tiefer in ihre Rollen einzutauchen und neue Facetten zu entdecken.“
Die Partitur, die gemeinsam mit Robert Paul facettenreich arrangiert wurde, beschreibt sich insgesamt als hoch anspruchsvoll. Hoffmann erzählt: „Die Songs sind zwar eingängig und tragen deutlich Thomas’ unverwechselbare Handschrift, stellen die Sängerinnen und Sänger jedoch vor große Herausforderungen. Auch die Ensemble- und Chorpassagen sind äußerst komplex und verlangen ein hohes Maß an Präzision und musikalischer Sicherheit.“
Während beide erzählen, spürt man die große Leidenschaft, die hinter der gemeinsamen Arbeit steckt. Doch der Probentag ist eng getaktet, so dass weitere Gespräche auf die Pause verschoben werden. Man wiederholt als Erstes die zweite Szene des zweiten Aktes: „Ein Flugblatt“ – Celena Pieper, Lara Kareen und Bianca Basler finden sich hierfür auf der Bühne ein, Judith Caspari und Alexander Auler bleiben zunächst im Hintergrund. Fin Holzwart wird erst später zu den Proben dazustoßen, sein Part lässt sich dadurch ausklammern. Vor allem Pieper und Kareen stehen zunächst im Zentrum, als sich ihre Protagonistinnen gegenseitig kommentieren. Schon hier wird deutlich, in welchem Zwiespalt sich die Charaktere angesichts der drohenden, immer dunkler werdenden Weltlage befinden. Wie geht man damit um? Annehmen? Ausblenden? Ablenken? Fragen, die sicherlich auch in der heutigen Zeit mehr denn je ihre Berechtigung haben. Die Szene wird wiederholt, auf wichtige Kleinigkeiten wird das Augenmerk gelegt. Auf welcher Ebene kommunizieren die beiden miteinander, wie werden die Stimmen musikalisch angelegt? Wie nähern sich beide physisch an, wer rückt wann in den Mittelpunkt? Und was passiert mit so kleinen Accessoires wie einer weggeworfenen Zigarette?

Für mehrere Lacher sorgt später ein Flugblatt als Papierflieger, das Sophie Scholl mehrmals von der Brüstung in Richtung ihres Bruders schnipst und das nicht so recht sein Ziel erreichen will. Es wird ausprobiert, verworfen, verfeinert, gefestigt. Alle sind hochkonzentriert und wechseln von null auf hundert in ihre jeweiligen Charaktere.
Konzentration, Kreativität und kleine Tricks
Im Laufe des Vormittags stehen unter anderem die Szenen „Gott ist fern“ und „Silvester“ auf dem Plan. Letztere wird zum ersten Mal mit allen Darstellenden angelegt, und das reicht von szenischen und musikalischen Ansätzen bis hin zur Choreografie und ihrem dazugehörigen Rahmen. Andrea Danae Kingston zeigt sich hierfür verantwortlich und lässt es sich nicht nehmen, mit allen Beteiligten bis ins kleinste Detail jede Bewegung durchzugehen. Die angedeutete Uhr schlägt zum Jahreswechsel, und während die einen diesen gebührend feiern, sind die anderen in ihre eigenen Gedanken und Wortwechsel versunken. Automatisch ergeben sich hierbei Fragen: Was macht choreografisch am meisten Sinn und was verdeutlicht den Inhalt der Handlung am besten? Was kann größer, was kleiner gestaltet werden? Welche Drehung ist vielleicht zu viel und was passiert mit der abgelegten Requisite und einem zerknüllten Foto? Titus Hoffmann erzählt dazu: „Alle Figuren erfordern eine differenzierte darstellerische Interpretation. Das verlangt große Virtuosität im Spiel. Hinzu kommt, dass die Mitwirkenden sich auch körperlich gut bewegen können müssen. ‚Scholl‘ ist zwar kein klassisches Tanzmusical, doch die Choreografie von Andrea Danae Kingston fordert den Mitwirkenden dennoch einiges ab.“
Während der Probenpause gewährt der Regisseur einen Blick in die vollen Requisitenkisten mit allerlei wichtigem Interieur und zeigt unter anderem Hans’ Wehrmachtsausweis, der originalgetreu nachgebildet wurde. Auf dem Boden davor liegen nebeneinander mehrere Paar Holzskier mit dazugehörigen Stöcken. „Einige von ihnen sind Originale, die mehrere Jahrzehnte alt sind. Sie stammen alle von einem historischen Bauernhof in Bayern. Die anderen hier sind nachgebildet – so etwas wird tatsächlich in Japan hergestellt, um sie in Europa auf Berghütten als Zierde zu verwenden.“ Er lacht. In einem Holzkorb daneben stapeln sich Holzscheite, die Celena Pieper in ihrer Rolle als Sophie Scholl mit der Axt zerschlagen wird. Natürlich nicht wirklich – in der Mitte findet sich ein Magnet, der das leichte Zerspringen des Holzes zulässt. Ähnlich trickreich verhält es sich mit dem Koffer, Zentrum der späteren Flugblattaktion. „Diese erscheint bei uns in Form einer Albtraum-Sequenz“, verrät Titus Hoffmann. „Um das visuell zu verdeutlichen und zugleich zu abstrahieren, lässt Sophie die Flugblätter nicht von einer Balustrade fallen. Stattdessen stellt sie den Koffer zentral auf der Bühne ab, dieser springt auf, und die Flugblätter werden durch einen kräftigen Windstoß in die Luft gewirbelt. Und dafür ist ein kleiner Trick nötig – der berühmte Koffer hat eine offene Rückseite, sodass er über einer Bühnenöffnung platziert werden kann – und auch stets nur mit einer Seite zum Publikum getragen werden darf.“ Mehr wird nicht verraten.

Ob es parallel zu den vier neuen Castmitgliedern wohl Anpassungen und Veränderungen an Buch und Musik gibt? Und hat sich im Vergleich zur Fürther Inszenierung etwas verändert? „Im Großen und Ganzen bleibt das Stück in seiner ursprünglichen Form erhalten“, sagt Hoffmann. „Der Rahmen der Tage auf der Skihütte, die die Geschwister Scholl tatsächlich gemeinsam mit Traute Lafrenz und weiteren Freunden verbrachten, besteht weiterhin. Innerhalb dieses Settings zeichnen sich durch Rückblenden und albtraumhafte Vorausdeutungen die charakterlichen Entwicklungen der Protagonisten ab.“ An einigen Stellen habe man jedoch bestimmte Aspekte noch geschärft und deutlicher herausgearbeitet. „So gibt es beispielsweise eine neue Szene für Hans. Unser beratender Historiker Dr. Robert M. Zoske stellte uns einen bislang unveröffentlichten Tagebucheintrag von Hans Scholl zur Verfügung, der seine innere Zerrissenheit und seinen Kampf mit sich selbst eindrucksvoll beschreibt. Daraus entstand der neue Song ‚Die finsteren Stunden‘.“
Es sind nicht immer alle Mitwirkenden in jede Szene involviert. So bleibt neben der szenischen Probe die Möglichkeit für musikalische Einzelproben in einem der vielen Korrepetitionszimmer des Opernhauses, um an Feinheiten zu arbeiten. Am Ende zeigt die Uhr kurz vor zwei – und die Szene „Flamme sein“ schließt den ersten Teil des intensiven Probentages. Der Boden ist zu diesem Zeitpunkt über und über mit Flugblättern bedeckt.
Text: Katharina Karsunke


