„Rusalka“ (Foto: Dominik Lapp)
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Aufgewühlte Psyche einer Nixe: „Rusalka“ in Bielefeld

Sommernacht der Musicalstars

Menschengestalt anzunehmen, ist Rusalkas sehnlichster Wunsch, denn die Nixe hat sich in einen Prinzen verliebt, der in der Nähe ihres Sees jagte. Antonin Dvoráks bekannteste Oper, das lyrische Märchen „Rusalka“, ist am Theater Bielefeld in einer Inszenierung zu sehen, die wenig Märchenstimmung aufkommen lässt, aber trotzdem sehenswert und ganz besonders hörenswert ist.

Die Inszenierung von Nick Westbrock nach einem Konzept von Jörg Weinöhl beginnt mit einem wunderbaren Einfall: Zwei Kinder malen mit weißer Kreide Bilder auf den Bühnenboden, lassen so das Märchen „Rusalka“ beginnen. Die Kreidezeichnungen werden überdimensional auf die Vorhänge aus schwarzem Stoff und Gaze übertragen (Video: Sascha Vredenburg). So entsteht die Unterwasserwelt, in der Rusalka, der Wassermann und andere Nixen wohnen.

Was als kluges und interessantes Konzept beginnt, wird allerdings nicht ausführlich fortgeführt. Denn die Kreidezeichnungen tauchen zwar immer mal wieder auf, ziehen sich aber nicht stringent genug durch die gesamte Inszenierung, obwohl sie auch mit den Kindern (Marieke Zimmermann, Knud Strehlke) endet, die erneut zur Kreide greifen. Zwischen dem Anfangs- und Schlussbild dominiert die eher trostlose Ausstattung von Marie-Luise Otto und Irina Spreckelmeyer die Handlung. Eine schwarze Bühne, deren hintere Podien in einer Szene immerhin mal nach oben fahren, eine fahrbare Treppe, eine paar Kartons – mehr Bühnenbild gibt es nicht.

Die Kostüme, für die ebenfalls Otto und Spreckelmeyer verantwortlich zeichnen, sind ebenfalls wenig märchenhaft, können die jeweiligen Figuren aber gut stilisieren. Besonders sehenswert sind dabei Rusalkas Volantkleid oder das Kostüm des Wassermanns und generell das Erscheinungsbild der Hexe.

Weil die an den Undine-Mythos angelehnte Geschichte nicht im Ausstattungsbombast ertrinkt, bleibt Regisseur Nick Westbrock mehr Platz für Charakterzeichnung. Diesen Platz nutzt er hervorragend und zeichnet starke Bilder, zum Beispiel, wenn Rusalka am Ende die letzte Gaze herunterreißt und damit nicht nur die völlig leere Bühne zeigt, sondern auch visualisiert, dass Rusalka als menschgewordene Nixe vor dem bloßen Nichts steht.

Die Solistinnen und Solisten haben in dieser Inszenierung viel Platz, ihren namenlosen Rollen ein Profil zu verleihen. Denn Komponist Antonin Dvorák und sein Librettist Jaroslav Kvapil benennen alle Rollen lediglich als das, was sie sind, ohne ihnen Namen zu geben. Selbst die Titelheldin ist namenlos, denn Rusalka ist das tschechische Wort für Nixe. Auch Jezibaba ist nichts anderes als die tschechische Bezeichnung für Hexe.

Joanna Motulewicz macht nicht nur optisch einen glänzenden Eindruck als ebendiese Hexe, sondern versteht es in erster Linie mit reifem Mezzosopran, ihre Rolle hervorragend zu charakterisieren. Dusica Bijelic steht ihr als Rusalka in nichts nach, fesselt sie doch stimmlich mit ihrem klaren Sopran, während sie schauspielerisch die Zerrissenheit Rusalkas glaubwürdig visualisiert.

Dem Prinzen verleiht Michael Siemon das authentische Profil eines zunächst verliebten, dann enttäuschten und zum Schluss für den Tod bestimmten Edelmannes, den er mit wunderschön strömendem Tenor singt. Moon Soo Park singt mit prächtig-volltönendem Bass den Wassermann und Katja Starke gibt eine stimmstarke Fürstin. Ein starkes Gespann geben außerdem Cornelie Isenbürger und Frank Dolphin Wong als Küchenmädchen und Förster ab.

Gesungen wird in Bielefeld nicht auf Tschechisch, sondern die singbare deutsche Übersetzung von Eberhard Schmidt, die sehr gut gefällt. Einen fantastischen Job machen außerdem der Opernchor (Einstudierung: Hagen Enke) und die Bielefelder Philharmoniker unter der Leitung von Anne Hinrichsen. Die Musikerinnern und Musiker spielen mit Präzision und Leidenschaft Dvoráks Musik, die sich durch große Romantik auszeichnet und ein lebendiges Abbild der aufgewühlten Psyche der Nixe bietet.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".