„Oskar Schindlers Liste“ (Foto: Dominik Lapp)
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Bedrückend: „Oskar Schindlers Liste“ auf Tour

Der Film von Steven Spielberg hat ihn posthum weltweit berühmt gemacht: Oskar Schindler, der mehr als 1.000 Juden vor der Ermordung in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten bewahrte. Das 2018 uraufgeführte Theaterstück „Oskar Schindlers Liste“ von Florian Battermann nimmt sich ebenfalls dieser kontroversen Persönlichkeit an, orientiert sich aber nicht am Film, sondern noch stärker als dieser an der Historie.

Battermanns Stück beginnt auf einem Dachboden in Hildesheim, wo 1999 ein Koffer mit Original-Listen, Briefen und Fotos Oskar Schindlers gefunden wurde. Und so erlebt das Publikum in Rückblenden, wie es dazu kam, dass ein Unternehmer, der zugleich NSDAP-Mitglied war, zahlreichen Juden das Leben rettete. Während Schindler im Hollywood-Film von Steven Spielberg vor allem als einzelkämpfender Held dargestellt wird, legt Theaterautor Florian Battermann den Fokus viel stärker auf die Menschen, die Schindler halfen. Ein Jude, Abraham Bankier, bleibt im Film so gut wie unerwähnt, war jedoch in der Fabrik Schindlers eine Schlüsselfigur.

Im Theaterstück ist Bankier deshalb die zweite große Rolle neben Schindler, dafür ist die Rolle Itzhak Sterns, den man aus dem Film als Schindlers Buchhalter kennt, auf der Bühne wesentlich kleiner ausgefallen. Florian Battermann scheut es nicht, Schindler als Genussmensch darzustellen, der eine Spielernatur war – und ewig auf der Suche nach dem Abenteuer, was unter anderem durch die andauernde Treulosigkeit zu seiner Frau gezeigt wird. Selbst Menschen, die den Film gut kennen oder Thomas Keneallys Buchvorlage zum Film gelesen haben, werden durch das Theaterstück immer noch neue Details an der Figur Oskar Schindlers entdecken.

Erzählt wird die zweieinhalbstündige Geschichte in zeitgemäßen Kostümen von Daniela Eichstaedt und in einem sehr funktionalen Bühnenbild von Tom Grasshof. Letzterer hat es geschafft, ein Set zu entwickeln, das einerseits tourneetauglich ist und so in die unterschiedlichsten Theater passt. Andererseits hat es eine – für eine Tourneeproduktion eher ungewohnte – Wertigkeit und kann mit einfachsten Mitteln die passende Atmosphäre vermitteln. So sind im Hintergrund die in verschiedenen Farben beleuchteten Listen Schindlers zu sehen, davor verschiebbare, an Baracken erinnernde Bühnenelemente, Kisten und Möbel, die durch die Mitwirkenden in offenen Umbauten neu platziert werden und so immer wieder neue Schauplätze darstellen. Die jeweilige Stimmung wird durch die passende Hintergrundmusik von Dennis Bäsecke-Beltrametti erzeugt.

Ein kleines Manko hat das Buch von Florian Battermann: Es beginnt zunächst sehr detailliert – vielleicht sogar zu sehr – und bringt uns sogar einige der Frauen aus Schindlers Leben näher, verhaftet diese Frauen aber teilweise zu stark in der Klischeekiste. Zudem wird der erste Akt recht lang und ausführlich erzählt, wohingegen sich im zweiten Akt die Geschehnisse plötzlich überschlagen und eine gewisse Hektik im Handlungsverlauf verbreiten – geradezu so, als wäre dem Autor beim Schreiben plötzlich bewusst geworden, dass er sich in den Details verzettelt hat und nun langsam zum Schluss kommen muss.

Regisseur Lajos Wenzel lässt zwölf Schauspielerinnen und Schauspieler insgesamt 27 Rollen spielen. Besonders die Frauen rund um Schindler bekommen hierbei mehr Raum als im Film. So ist Emilie Schindler (herausragend dargestellt durch Astrid Krenz-Straßburger) nicht mehr nur die betrogene Ehefrau. Vielmehr wird deutlich, dass Emilie einen besonders großen Anteil an der Übersiedelung von Schindlers Fabrik nach Brünnlitz hatte und sich dort in den letzten Monaten vor Kriegsende um die Versorgung der so genannten Schindlerjuden gekümmert hat.

Glaubwürdig gibt Claudia van Veen der Schindler-Geliebten Viktoria Klonovska ein Gesicht. Dass diese über beste Verbindungen zur Gestapo in Krakau verfügte und Schindlers Freilassung aus der Untersuchungshaft arrangierte, wird im Stück thematisiert und zeigt einmal mehr, wie wichtig die Frauen rund um den Fabrikanten waren.

Als dritte im Bunde ist Jasmin Reif eine weitere Geliebte Schindlers. In der Rolle von Eva-Martha Kisza bedient Reif das Klischee, das ihr von Autor und Regisseur aufgedrückt wurde, sehr gut. Mit Witz und Esprit zeichnet sie ihre Rolle, die durchaus etwas Geheimnisvolles hat, das sie jedoch leider nicht ausspielen darf – schließlich ist Eva-Martha Kisza eine tschechische Abwehragentin. Wie wandlungsfähig Jasmin Reif ist, zeigt sie im weiteren Verlauf der Handlung, wo sie den Part der Helena Sternlicht übernimmt und überzeugend das treu ergebene, aber von Todesangst gezeichnete Dienstmädchen Amon Göths spielt. Ein authentisches Bild der Frauen Pfefferberg und Horowitz liefert zudem Christiane Hecker.

Durchweg überzeugen können außerdem Andreas Werth unter anderem als Mitek Pemper, Werner H. Schuster unter anderem als Josef Aue, Jens Knospe unter anderem als SS-Gruppenführer Dr. Otto Wächter und Dominik Penschek unter anderem als Poldek Pfefferberg. Sie alle spielen gleich mehrere Rollen, wechseln ständig zwischen Nazis und Juden und sind dabei immerzu glaubwürdig.

Viel kleiner als im Film, ist im Theaterstück die Rolle des Itzhak Stern ausgefallen, dem Hannes Ducke eine würdevolle Kontur verleiht. Wesentlich größer fällt dagegen die Rolle des Abraham Bankier aus, den Dimitri Tellis exzellent spielt. Der polnische Geschäftsmann, der Schindler bei seinen Rettungsaktivitäten unterstützt und als sein Fabrikleiter arbeitet, ist Tellis in Fleisch und Blut übergegangen. Und so schafft er es schnell, beim Publikum Sympathiepunkte zu sammeln. Das krasse Gegenteil gelingt Armin Riahi, der als Amon Göth der Inbegriff eines Antagonisten ist. Riahis Darstellung des SS-Hauptsturmführers und „Schlächters von Plaszow“ ist absolut beängstigend und markerschütternd.

Das größte Päckchen zu tragen hat aber erwartungsgemäß Ingo Brosch als Oskar Schindler. Seine jahrelange Bühnen- und Filmerfahrung kommt ihm dabei sicher zugute, ist er als Schindler doch fast pausenlos auf der Bühne und hat mit Abstand den größten Textanteil. Und so schafft es Brosch, dass man ihm diese gewichtige Rolle vollends abnimmt. Er liefert ein glaubwürdiges Porträt eines Menschen, der Mitglied in der NSDAP war und trotzdem zu einem Retter der Juden wurde.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endet das Theaterstück „Oskar Schindlers Liste“. Auf dem Dachboden in Hildesheim wird der Koffer zugeklappt, in der Fabrik in Brünnlitz packen Oskar und Emilie Schindler ihre Sachen. Bevor sie flüchten, hält Oskar Schindler vor seinen Angestellten noch eine Rede. Die klingt im Theater genauso wie im Film, was kein Wunder ist. Schließlich basiert sie auf Aufzeichnungen, die von einem Schindlerjuden überliefert wurden. Das Licht auf der Bühne erlischt und lautstarker Applaus brandet sogleich auf – für einen genauso bedrückenden wie berührenden und emotionalen Theaterabend.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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