Jasmin Reif (Foto: Dominik Lapp)
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Jasmin Reif im Porträt: „Beim Singen bin ich mit der Seele dabei“

Ihre Leidenschaft fürs Musical entdeckte die Sängerin und Schauspielerin erst relativ spät. Mittlerweile ist Jasmin Reif aber sehr erfolgreich zweigleisig unterwegs, spielt genauso in Musicals wie in Sprechtheaterstücken. Das Jahr 2019 war dabei ihr persönliches Jahr der Uraufführungen. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

„Ich habe erst Pädagogik, Theater- und Musikwissenschaft an der Uni in Erlangen studiert“, erzählt Jasmin Reif, als sie in einem Café in Hannover sitzt. Blickt man an ihrem Gesicht vorbei über ihre Schulter, sind durch ein Fenster die Umrisse des Opernhauses zu sehen. Dort hat die darstellende Künstlerin zwar noch nicht gespielt, aber gegenüber, am Neuen Theater war sie gerade erst in der Schauspiel-Uraufführung „SMS für dich“ zu sehen.

Vorbereitung ist alles

Ihr Abitur hat Jasmin Reif am Musischen Gymnasium gemacht, wo sie auch in der Theater-AG spielte und Unterricht in Gruppengesang bekam. „Aber ich komme nicht gerade aus einer Familie, in der wir früher häufig ins Theater gegangen sind“, sagt sie. „Ich war schon im Studium in Erlangen, als ich auf das Musicalgenre erst so richtig aufmerksam wurde.“ Ihr damaliger Freund spielte in einer semiprofessionellen Musicalgruppe. „Von der Gruppe habe ich mir eine Aufführung angesehen.“ Später folgte ein Besuch beim Musical „Tanz der Vampire“ in Stuttgart. „Da war ich hin und weg“, erinnert sie sich. „Allerdings hatte ich da noch gar nicht gecheckt, dass man Musical überhaupt studieren kann.“

Erst gegen Ende ihres Erststudiums hatte die junge Frau das realisiert und fuhr direkt zur Aufnahmeprüfung fürs Musicalstudium nach Wien und München. „Allerdings war ich viel zu schlecht vorbereitet“, erinnert sie sich. „Ich habe Klischeesongs gesungen, eine Musicalszene statt eines Monologs vorbereitet.“ Das wurde nichts. „Ein Jahr später habe ich mich richtig vorbereitet, vorher Unterricht genommen und mich an allen Schulen vorgestellt.“ In Wien und Essen kam sie bis zum Halbfinale, in Osnabrück hingegen hat man ihr direkt einen Platz fürs Vorbereitungsstudium angeboten.

„Ich hatte gar nicht damit gerechnet, weil ich fürs Musical schon relativ alt war.“ Jasmin Reif hält eine große Tasse Milchkaffee in ihren Händen, nimmt einen Schluck, schaut über den Rand der Tasse hinweg und schmunzelt. „Als ich anfing, war ich ja schon 25.“ In der Regel sind die Studierenden an Musicalschulen zwischen 18 und 25 Jahre alt.

Jasmin Reif (Foto: Dominik Lapp)

Absolventenpräsentation brachte erstes Engagement

Einen Kulturschock bekam die gebürtige Bayerin nicht, als sie für ihr Musicalstudium von Nürnberg nach Osnabrück umziehen musste. „In Osnabrück ist alles so beschaulich, dadurch war ich auch sehr aufs Studium fixiert und nicht abgelenkt.“ Am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück ließ sich Jasmin Reif zur Musicaldarstellerin und Vokalpädagogin ausbilden. Zum Ende des Studiums stand die Absolventenpräsentation der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) an. Als besondere Dienststelle der Bundesagentur für Arbeit ist die ZAV für darstellende Künstler zuständig. Ein Arbeitsamt für Schauspieler sozusagen. Einmal im Jahr organisiert die ZAV eine Präsentation, bei der sich die Absolventen der Musicalschulen vor Intendanten, Regisseuren und anderen Entscheidern deutscher Theater präsentieren dürfen.

Für Reif lief die Präsentation hervorragend. „Noch am Tag der Präsentation hat man mir eine Rolle im Ensemble und ein Cover für die Rolle der Columbia in der ‚Rocky Horror Show‘ angeboten“, erinnert sie sich. Das war im Frühjahr 2017. Im darauffolgenden Sommer sollte sie also bei den Schlossfestspielen in Ettlingen auf der Bühne stehen. „Ich hatte aber auch das Glück, dass ich schon während des Studiums auf der Bühne stehen konnte.“ So war Jasmin Reif am Theater Osnabrück in den Musicals „Jekyll & Hyde“, „My Fair Lady“ und „The Addams Family“ sowie in der Operette „Die lustige Witwe“ im Ensemble zu sehen und spielte außerdem am Theater Hagen die Frau Semmelmöse im frechen Musical „Avenue Q“.

Jasmin Reif (Foto: Dominik Lapp)

Große Herausforderung in Wien

Nach ihrem Engagement in Ettlingen ging es erfolgreich weiter für die Musicalabsolventin. „Zum ersten Mal durfte ich in Wien arbeiten.“ Am Theater der Jugend war sie als Swing im Musical „Cinderella passt was nicht“ engagiert worden. In dieser Position musste Jasmin Reif jederzeit für ihre Kolleginnen in sämtlichen Rollen einspringen können. „Das war eine unglaubliche Herausforderung“, weiß Reif. „Man lernt alles, man wartet, man hat aber keine Ahnung, was auf einen zukommt.“ Fast acht Monate war sie in Wien, verliebte sich in die Stadt. „Als ich dann nach Osnabrück zurückkam, hatte ich zum ersten Mal so etwas wie einen Kulturschock.“ Trotzdem ist sie Osnabrück treu geblieben, wohnt dort noch immer. „Die Stadt ist gut, um zu sich zu kommen. Sie erdet mich.“ Langfristig könne sie sich aber vorstellen, in eine andere Stadt zu ziehen. „Das kommt natürlich darauf an, wohin mich künftige Engagements führen.“

Als sie in Hannover am Neuen Theater gespielt hat, ist sie rund drei Monate zwischen dem Theater in der niedersächsischen Landeshauptstadt und ihrer Wohnung in Osnabrück gependelt. „Das war machbar, aber anstrengend.“ Klar, das Leben auf der Bühne bedeute nicht nur Glitzer und Glamour. Sie sei aber vor allem dankbar, sagt sie, dass sie so vielseitig arbeiten dürfe. Denn nach ihrem Musical-Engagement in Wien kam sie durch eine Empfehlung direkt zum nächsten Engagement. Am Stadttheater im österreichischen Mödling spielte sie die Jessie Taite in der Schauspielproduktion „Der Preispokal“. „Das war ein sehr ernstes Stück, in dem ich ganz neue Seiten von mir zeigen durfte.“ Besonders genossen habe sie dabei aber, dass sie in der Rolle etwas zu singen hatte. „Denn so gern ich Schauspiel mache, so gern singe ich nun mal auch.“

Jasmin Reif (Foto: Dominik Lapp)

Drei Uraufführungen in einem Jahr

Das Jahr 2019 sollte schließlich zu Jasmin Reifs persönlichem Jahr der Uraufführungen werden. Im Frühjahr wirkte sie im Mainzer Unterhaus in der Uraufführung des Musicals „Gutenberg“ mit. Alle Vorstellungen waren ausverkauft, Reif spielte darin unter anderem die Geliebte des Buchdruckers Gutenberg, der von dem bekannten Sänger Gunther Emmerlich verkörpert wurde.

Nach der Uraufführungsserie von „Gutenberg“ ging es für Jasmin Reif erstmals in die Schweiz, wo sie als Gianna in der Uraufführung des Musicals „Orient Express“ auf der Bühne stand. „Auch da habe ich wieder unglaublich viel gelernt“, sagt die Künstlerin, die sich jetzt ein Stück Schokoladenkuchen zu ihrem Milchkaffee bestellt hat. „Ich liebe Schokolade“, kommentiert sie mit einem bezaubernden Lächeln, bevor sie zum eigentlichen Thema zurückkehrt. „Für meine Rolle im ‚Orient Express‘ habe ich mir einen italienischen Akzent angeeignet.“ Dazu habe sie vor allem viel gehört und nachgesprochen.

Im Herbst stand dann letztendlich Hannover auf dem Plan, wo sie die Rolle der Katja Albers im Theaterstück „SMS für dich“ am Neuen Theater gespielt hat. „Da habe ich wieder mal gemerkt, wie vielseitig mein Job ist.“ Nachdem sie im „Orient Express“ noch die Komplizin des Bösewichts war, war sie in „SMS für dich“ die beste Freundin der Hauptprotagonistin. „Das war eine unglaublich witzige Rolle, wo das Timing und jede Pointe sitzen mussten.“

Jasmin Reif (Foto: Dominik Lapp)

„Ich liebe das Singen, weil ich mich gern über meine Stimme und meinen Gesang ausdrücke.“

Jasmin Reif ist sich im Klaren darüber, dass es nicht selbstverständlich ist, in zwei Genres gleichermaßen zu Hause zu sein. „Wenn man Musical gemacht hat, ist die Gefahr groß, dass man diesen Stempel auf Dauer hat“, sagt sie. Manche Regisseure wollen ausschließlich mit Schauspielern arbeiten, anderen ausschließlich mit Musicaldarstellern. „Dass ich sowohl für Musicals als auch für Schauspielstücke engagiert werde, ist wirklich toll.“ Aber so sehr sie auch das Schauspiel liebe, so sehr fehle ihr dabei das Singen, sagt Reif. „Ich liebe das Singen, weil ich mich gern über meine Stimme und meinen Gesang ausdrücke. Das ist mir eine Herzensangelegenheit, denn beim Singen bin ich mit der Seele dabei.“ Als sie das sagt, strahlt sie, und man meint, ein Funkeln in ihren großen Augen erkennen zu können.

„Aber insbesondere, wenn man nicht jeden Abend auf der Bühne singt, muss man die Disziplin haben, weiter an seiner Stimme zu arbeiten und sie fit zu halten,“ weiß Jasmin Reif, die nicht nur Musicaldarstellerin, sondern auch Vokalpädagogin ist. Allerdings sieht sie sich in naher Zukunft nicht als Gesangslehrerin. „Später kann ich mir das durchaus vorstellen“, sagt sie. „Aber im Moment bin ich immer noch dabei, mich selbst zu finden und ausprobieren zu wollen.“ Sie sei deshalb noch nicht bereit, etwas weiterzugeben.

Jasmin Reif (Foto: Dominik Lapp)

An der Entstehung neuer Stücke maßgeblich beteiligt

Dass sie in den letzten zwölf Monaten drei Uraufführungen gespielt hat, war nicht geplant. Das hat sich so ergeben. In ihrem Job muss Jasmin Reif die Augen aufhalten nach neuen Angeboten und Rollenausschreibungen. „Manchmal passt es dann einfach.“ Fast wäre sogar noch eine vierte Uraufführung dazugekommen. „Das hat aber zeitlich nicht gepasst.“ An Uraufführungen gefalle ihr besonders, sagt Reif, dass sie an der Entstehung neuer Stücke und der Erarbeitung neuer Rollen maßgeblich beteiligt sei. „Da fällt es schwer, sein Baby später abzugeben und die Rolle von anderen spielen zu lassen.“

„Ich versuche, eine Rolle in meinem eigenen Charakter wiederzufinden“, antwortet sie auf die Frage, was für sie die größte Herausforderung bei der Erarbeitung einer Rolle ist. „Eine Rolle ist nicht nur eine Figur, sondern ein großer Teil von mir, eine Facette.“ Und spannend sei es, wie unterschiedlich und auch gegensätzlich Rollen seien. „Rollen unterscheiden sich ja nicht nur optisch, sondern auch charakterlich.“

Wiederaufnahmen und Neues

Im Jahr 2020 gibt es für Jasmin Reif ein Wiedersehen mit gleich zwei altbekannten Rollen, die sie kreiert hat. So wird sie zunächst bei der Wiederaufnahme des Musicals „Gutenberg“ erneut in Mainz zu sehen sein und später dann zum zweiten Mal in „SMS für dich“ auf der Bühne stehen, wenn die Produktion von Hannover nach Braunschweig übersiedelt. Aber auch auf eine neue Produktion freut sich die vielseitige Künstlerin: Bei der Tournee des Schauspiels „Oskar Schindlers Liste“ wird sie dabei sein. „Darauf freue ich mich sehr, denn in jeder Produktion lerne ich sowohl etwas Künstlerisches als auch von meinen Kollegen etwas fürs Leben.“

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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