Musikalisch ein Genuss: „Falco meets Amadeus“ auf Tour
Die Halle bei der besuchten Vorstellung in Braunschweig ist etwa zur Hälfte besetzt, als sich der Vorhang für „Falco meets Amadeus“ öffnet und den Blick auf einen überdimensionalen Fernseher freigibt. Dort wird ein Zusammenschnitt diverser TV-Interviews des Musikers Johann „Hans“ Hölzel alias Falco gezeigt. Bereits diese Ausschnitte geben einen Einblick in die vielschichtige Persönlichkeit des Künstlers; erscheint er mitunter angriffslustig, arrogant, nachdenklich und durchaus auch niedergeschlagen. Im Anschluss daran beginnt das Musical direkt mit dem Ende: Die Nachricht von Falcos Tod verbreitet sich, während die große Leinwand im Hintergrund der Bühne den völlig zerstörten Unfallwagen des Sängers zeigt. Falcos Manager, verkörpert von Sebastian Achilles, tritt als Erzähler in Erscheinung und nimmt das Publikum in einer Rückschau mit auf die Reise des österreichischen Sängers vom Clubmusiker zum weltweit erfolgreichen Star.
Das Bühnenbild ist schlicht gehalten. Die Leinwand im Hintergrund lässt sich öffnen, so dass die auf einem Podest stehende Band dahinter manchmal zu sehen ist. Rechts und links stehen zwei Treppenelemente, die ebenfalls zusammengeschoben werden können. Requisiten werden sparsam eingesetzt: ein Stuhl mit Schminktisch, ein Telefon, ein kleiner Gitterkäfig. Die Inszenierung lebt von den furiosen Tanzeinlagen (Choreografie: Amy Share-Kissiov), die jedoch nie dem eigentlichen Star die Bühne nehmen, sondern das Geschehen geschickt untermalen.
Durch die Originalbilder und -tonaufnahmen Falcos gelingt dem Autorenteam Stefanie Kock und Alexander Kerbst ein fesselnder Einstieg in die Geschichte. Mit Jeanny (Anna Weidinger) und Ana Conda (Ramona Helder) schaffen sie zwei Verführerinnen Falcos, die für seine helle und seine dunkle Seite stehen. Dabei verweist die böse Ana Conda auf das uralte biblische Motiv der Schlange als Verführung ins Verderben. Während Jeanny immer wieder versucht, Falco aus seinen depressiven Phasen auf den richtigen Weg zu bringen, zieht ihn Ana Conda zunehmend auf die zerstörerische Seite von zügellosem Sex, Alkohol und Drogen. Leider bleiben die Figuren der beiden Frauen nur funktional, sie selbst erhalten keine Charaktereigenschaften, das Publikum lernt sie nicht kennen. Was motiviert sie? Wo kommen sie her? Warum wollen sie Falco auf ihre Seite ziehen?
Der Manager Falcos bleibt ebenso blass und fungiert mehr oder weniger als Erzählfigur. Dadurch, dass die anderen Figuren keine Entwicklung haben dürfen, wirkt die Inszenierung wie ein Falco-Konzert mit kurzen Anekdoten des Musikers zwischendrin. Ein wirklicher Spielfluss, eine Progression der Geschichte kommt nicht zustande. Das ist insbesondere in Bezug auf die zweite titelgebende Figur äußerst bedauerlich, da Mozart (Michael Konicek) nur sehr kurze und wenige Sprechauftritte hat. Dabei ist sein erster Auftritt brillant geschrieben: Mozart tritt als exzentrischer Aufschneider auf, der vollständig gereimt Falco seine kompletten Werke aufzählt und mit musikalischen Bonmots versieht. Dabei pfeffert er Falco seine Erfolge rasend schnell um die Ohren, um sich mit ihm zu vergleichen, so dass der nur baff erwidern kann: „I bin a Revoluzzer im Tarnanzug.“
Amadeus, der im Musical konsequent Mozart genannt wird, tritt fortan als eine Erscheinung Falcos auf. Er kann nur mit Falco sprechen und wird auch nur von ihm gesehen. Folglich hat er viele Auftritte, in denen er bedauerlicherweise nicht spricht, sondern dem Sänger wie ein Schatten folgt. Und dies zeigt ein wenig den Haken am Buch auf: Außer Falco sind die anderen Figuren nur schmückendes Beiwerk, sie selbst bekommen keinen Raum zur Entwicklung. Dies zeigt sich dann insbesondere im zweiten Akt, in dem der Eindruck entsteht, man müsse noch möglichst viele Falco-Songs unterbringen. Die Zusammenhänge zur Geschichte werden hier immer weniger deutlich.
Alexander Kerbst zeichnet mit Stefanie Kock nicht nur für das Buch verantwortlich, sondern hat auch die Hauptrolle inne, die er äußerst souverän und überzeugend ausfüllt. Er spielt Falco sehr zerrissen, und man nimmt ihm alle Facetten vom erfolgsverwöhnten Superstar zum immer zweifelnden, einsamen Depressiven ab. Gesanglich kommt er verblüffend nah ans Original heran und lässt jeden Song zum Ohrenschmaus werden. Doch nicht nur stimmlich, auch im körperlichen Ausdruck erweckt Kerbst durch die leicht abgehackten Bewegungen den Eindruck, Falco stehe persönlich auf der Bühne.
Sebastian Achilles hat kaum bemerkenswerte Gesangsparts, führt aber mit einem – soweit das Buch ihn hergibt – klaren roten Faden durch den Abend. Vermutlich profitiert er dabei von Horst Bork, dem ehemaligen Manager des echten Falco, welcher erneut als Berater gewonnen werden konnte, denn er war schon bei „Falco – Das Musical“ für das Kreativteam beratend tätig.
Ramona Helder hat, im Gegensatz zu Achilles, kaum bemerkenswerte Sprechparts, singt ihre Songparts aber mit kräftigem Belt, ohne zu schreien. Das Lied „Push“ darf sie sogar fast vollständig allein singen. Anna Weidinger braucht anfangs ein wenig, um in ihre Gesangsnummern hineinzukommen. Im ersten Akt wirkt sie stimmlich noch nicht ganz auf der Höhe, steigert sich aber im Lauf des Abends und zeigt in einem klassischen Stück von Mozart im zweiten Akt vor allem in den höheren Registern ihre Klarheit.
Michael Konicek bekommt zwar keine eigenen Gesangsnummern, lockert aber schauspielerisch das ganze Geschehen derart auf, dass es schade ist, dass seine Figur so wenige Auftritte hat. Aber wenn Konicek an der Reihe ist, dann richtig. Er genießt die Exzentrik Mozarts sichtlich und stellt ihn herrlich überheblich dar. Die spritzigen Monologe des Autorenteams weiß der Schauspieler gekonnt und immer mit der gewissen Portion Wiener Schmäh zu artikulieren: Nachdem er Falco im Bordell vorgefunden hat, legt er süffisant nach: „Die wahre Muse trägt Strapse und fragt nach Vorkasse.“ Seine immense Spielfreude überträgt sich bis in die letzten Reihen.
Die Falco-Songs tragen das Musical. Sie werden groß inszeniert und überzeugend dargeboten. Die Band, bestehend aus Tobias Faulhammer (E-Gitarre), Florian Fuss (Saxophon), Marc Heinzer (Bass), Steve Matyus (Schlagzeug) und Maximilian Tschida (Keyboard) verleiht insbesondere den rockigen Songs eine etwas schärfere Note. Der Sound ist noch etwas verzerrter, noch etwas metallischer als im Original, was aber sehr gut passt.
In Falcos Auftritt auf der Donaubühne, den er trotz Unwetters durchzog, zeigt sich die wahre Stärke dieser Musicalinszenierung: Die Kombination aus echten Publikumsbildern auf der Leinwand, harten Sounds, einem hervorragenden Alexander Kerbst und einer sehr guten Tonabmischung, die teilweise Gewitter- und Regengeräusche untermischt, bekommt man den Eindruck, man sei live vor Ort und müsse gleich den Regenschirm herausholen.
Am Ende braucht es gar kein Musical, um dem österreichischen Ausnahmekünstler Falco 40 Jahre nach „Rock me Amadeus“ Tribut zu zollen. Eine Tribute-Show mit seinen Songs, die durch fesselnde Tanzszenen untermalt sind, hätte völlig ausgereicht. Um ehrlich zu sein, wirkt das Musical auch eher so. Die Geschichte hätte es so nicht gebraucht, zumal „Falco meets Amadeus“ buchbedingt ohnehin wenig mit einem klassischen Musical zu tun hat. Dafür fehlt den Nebenfiguren der Tiefgang. Musikalisch ist die Inszenierung allerdings ein wahrer Genuss.
Text: Anna-Lena Ziebarth
