Interview mit Janina Maria Wilhalm: „Jede Erfahrung hat ihren Wert“
Die Musicaldarstellerin Janina Maria Wilhalm kennt man unter anderem aus Shows wie „Sister Act“, „Evita“ und „1648“. Im Interview erzählt sie von ihrer musikalischen Prägung in Südtirol, dem Weg auf die Bühne, der Arbeit an starken Frauenfiguren und davon, warum künstlerische Entwicklung für sie niemals abgeschlossen ist.
Du bist in einem kleinen Dorf in Südtirol aufgewachsen. Welchen Einfluss hatte diese Umgebung auf deine musikalische Entwicklung?
Einen sehr großen. Ich komme väterlicherseits aus einer Musikerfamilie. Meine Großeltern haben sich im Kirchenchor kennen gelernt, meine Oma war viele Jahre Chorleiterin in unserem Dorf, mein Opa war ebenfalls im Chor und in der Musikkapelle aktiv. Auch viele andere Verwandte sind musikalisch. Dadurch war ich von klein auf von Musik umgeben und wurde sehr gefördert. Ich hatte Klavierunterricht, war im Kirchenchor und später in einer Bigband – bei uns passiert musikalisch einfach sehr viel.
Wann hast du gemerkt, dass Musik für dich mehr ist als ein Hobby?
Ich habe schon als Kind immer gesagt, dass ich Sängerin und Tänzerin werden möchte. Dann kam eine Phase, in der ich dachte, ich müsse etwas Handfestes machen. Mit etwa 14 oder 15 Jahren habe ich an einem Songwriting-Workshop teilgenommen und da zwei Mädchen kennen gelernt, die in der Musical School Bozen waren. Das war eine Art vorbereitende Musicalschule, zu der ich dann zweimal pro Woche gefahren bin. Dort habe ich gemerkt, wie sehr mich das begeistert. Erst da habe ich überhaupt verstanden, wie viele Möglichkeiten es in diesem Beruf gibt. Als ich später nach Hamburg kam und zum Beispiel erfahren habe, dass es sogar Musicalzeitschriften gibt, war ich völlig überrascht. Mich fasziniert bis heute, dass man Singen, Tanzen und Schauspiel verbinden kann.

Bist du in Südtirol mehrsprachig aufgewachsen?
Hauptsächlich deutschsprachig, allerdings mit starkem Dialekt. In Südtirol gibt es drei Sprachgruppen: Deutsch, Italienisch und Ladinisch, eine rätoromanische Sprache. Meine gesamte Schulbildung war auf Deutsch, auch die Musicalschule. Im Nachhinein ärgere ich mich manchmal, dass ich nicht ein italienischsprachiges Gymnasium gewählt habe, dann wäre mein Italienisch heute wahrscheinlich besser.
Du hattest früh Klavierunterricht. Wie hilfreich war das später für deine Ausbildung?
Sehr hilfreich. Ich hatte insgesamt zehn Jahre Klavierunterricht. Rückblickend hätte ich vielleicht fleißiger sein können, aber ich kann mich selbst begleiten, mir Stücke eigenständig erarbeiten und vom Blatt lesen. Gerade während der Ausbildung war das ein großer Vorteil, weil ich nicht immer auf einen Korrepetitor angewiesen war.
Kommen wir zum Musical „1648“. Du hast darin gerade erst Marie von Sternberg gespielt. Was hat dich an der Rolle gereizt?
Die Figur ist fiktiv, aber unglaublich spannend. Sie ist eine Frau, die in einer von Männern dominierten Zeit ihre Stimme erhebt, sehr mutig und direkt ist und oft einfach ausspricht, was sie denkt. Dadurch wirkt sie stark und schüchtert ihr Umfeld ein. Besonders interessant ist ihre Entwicklung: Am Anfang leidet sie unter einer Art Amnesie, was ihr gleichzeitig eine gewisse Freiheit gibt. Sie beschließt, das Beste aus ihrer Situation zu machen, und daraus entsteht ihre Stärke. Im Laufe des Stücks wächst sie an Intrigen, politischen Konflikten und auch an einer komplizierten Liebesgeschichte.

Wie näherst du dich so einer fiktiven Figur an?
Da es eine Wiederaufnahme war, gab es zunächst einen bestehenden Rahmen. Ich habe mir zuerst angeschaut, was bereits vorhanden war, um die Wege und Intentionen zu verstehen. Gleichzeitig konnten wir mit den Autoren arbeiten, was sehr hilfreich ist, weil man direkt nach Hintergründen fragen kann. Ansonsten arbeite ich viel intuitiv. Ich reagiere stark auf meine Spielpartner und entwickle die Figur durch Ausprobieren. Irgendwann fühlen sich bestimmte Dinge richtig an, und daraus setzt sich die Rolle Stück für Stück zusammen.
Gab es eine Facette der Figur, die dich überrascht hat?
Ihr Mut. Wenn mir jemand so entschlossen entgegentreten würde wie sie, wäre ich wahrscheinlich eingeschüchtert. Marie hingegen lässt sich nicht unterkriegen und glaubt fest daran, Lösungen zu finden. Davon kann ich mir selbst eine Scheibe abschneiden.
Du hast sehr unterschiedliche Produktionen erlebt – Tourneen, große Shows und Freilichtbühnen. Wie unterscheidet sich die Arbeit?
Die Probenzeit ist ein großer Unterschied. Bei einer Wiederaufnahme geht vieles schneller, weil das Grundgerüst bereits existiert. Bei neu inszenierten Produktionen muss man viel mehr ausprobieren. Eine Show wie „Sister Act“ ist beispielsweise eine Produktion mit sehr festen Vorgaben, fast jeder Blick ist festgelegt. Da bewegt man sich in einem klaren Korsett. Bei kleineren Produktionen hat man mehr künstlerische Freiheit und kann eigene Farben einbringen. Durch Tourproduktionen bin ich außerdem daran gewöhnt, an wechselnden Spielorten zu arbeiten, das nimmt viel Druck.

Bei den Schlossfestspielen Ettlingen hast du die Titelrolle in „Evita“ gespielt. Was hast du aus dieser ikonischen Rolle mitgenommen?
Vor allem, wie man seine Kräfte einteilt. Die Rolle verlangt einen riesigen emotionalen und stimmlichen Bogen. Die Inszenierung war körperlich und emotional sehr intensiv, und ich musste lernen, meine Energie über den Abend hinweg einzuteilen. Spannend war auch, die Figur später bei der Wiederaufnahme mit neuen Kollegen neu zu entdecken. Evita ist außerdem eine Figur, die viele Interpretationen zulässt: War sie intrigant oder wollte sie wirklich dem Volk helfen? Das hängt stark von der Inszenierung ab.
Hat man bei dieser Rolle einen Lieblingssong?
Eigentlich ist es ein Marathon. Ich war fast permanent auf der Bühne oder beim Umziehen. „Don’t cry for me Argentina“ ist zwar der bekannteste Song, aber technisch sogar einer der einfacheren. Die zweite Hälfte des Stücks ist viel anspruchsvoller, mit zahlreichen großen Nummern und emotional extremen Momenten. Man arbeitet sich also eher durch einen gesamten Spannungsbogen als auf einen einzelnen Song hin.
Hättest du während deiner Ausbildung gedacht, dass du einmal Evita spielen würdest?
Nein. Ich hatte damals eher Rollen wie Elisabeth im Kopf. Erst später wurde mir bewusst, wie anspruchsvoll Evita wirklich ist. Der Gedanke hat mich gereizt, aber dass ich sie tatsächlich einmal spielen würde, hätte ich nicht erwartet. Man kann nur an sich arbeiten und hoffen, dass solche Chancen irgendwann kommen.

Gibt es bei dir einen Moment, in dem sich eine Figur endgültig setzt?
Für mich ist das ein fortlaufender Prozess. Ich versuche auch im Spielbetrieb weiterzuentwickeln, neue Gedanken zuzulassen und auf meine Kollegen zu reagieren. Nichts finde ich langweiliger, als zu sagen: Das ist jetzt meine Rolle und fertig. Wir entwickeln uns als Menschen weiter, also darf sich auch eine Figur weiter verändern.
Wenn du auf deine bisherigen Stationen zurückblickst, erkennst du dann einen roten Faden?
Vieles ist tatsächlich auf mich zugekommen. Direkt nach der Ausbildung wurde ich Solistin bei Aida Cruises, was damals eher ungewöhnlich war. Dort habe ich enorm viel gelernt: jeden Tag eine andere Show, oft ohne Pause. Das hat meine Ausdauer und Bühnenroutine unglaublich geschult. Danach kamen Boulevardtheater, Sommerfestspiele, Tourproduktionen und Shows. In unserem Beruf wird oft in Schubladen gedacht, aber ich finde, jede Erfahrung hat ihren Wert. Alles, was ich gemacht habe, hat mich auf spätere Rollen vorbereitet. Ohne diese Jahre hätte ich eine Rolle wie Evita wahrscheinlich nicht so bewältigen können.
Gibt es heute neue Ziele?
Nach etwa 15 Jahren, in denen ich fast nonstop unterwegs war, wünsche ich mir irgendwann ein Engagement in Hamburg, wo ich lebe. Aber grundsätzlich versuche ich darauf zu vertrauen, dass die richtigen Projekte zur richtigen Zeit kommen.
Interview: Dominik Lapp
