„Les Boréades“ (Foto: Stephan Walzl)
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Meisterhaftes Glanzstück: „Les Boréades“ in Oldenburg

Rund 260 Jahre alt, allerdings nahezu unbekannt und fast vergessen, jetzt aber – man möchte sagen: endlich! – erstmals in Deutschland auf einer Bühne: das ist die Oper „Les Boréades“ von Jean-Philippe Rameau. Am Oldenburgischen Staatstheater erlebte das Werk jetzt seine deutsche Erstaufführung in einer unfassbar gelungenen Inszenierung, in der Christoph von Bernuth (Regie) und Antoine Jully (Choreografie) eine Symbiose aus Oper und Tanz zeigen.

Die Werksgeschichte ist äußerst mysteriös: Entstanden im Jahr 1763, fanden im selben Jahr bereits Proben für die Uraufführung von „Les Boréades“ in Paris und Versailles statt, die jedoch nach nur einem Monat abgebrochen wurden. Die Gründe dafür könnten einerseits die ideellen Gehalte des Librettos gewesen sein, andererseits auch schlicht Geldmangel, Intrigen oder die hohen technischen Anforderungen an die Sängerinnen und Sänger sowie das Orchester. Das Werk verschwand daraufhin in der Versenkung und wurde erst 1975 in konzertanter Fassung in London und 1982 in szenischer Fassung in Aix-en-Provence uraufgeführt.

Tyrannei und staatliche Willkür, Verfolgung, Folter und Mord von Regimekritikern – die Oldenburger Inszenierung von „Les Boréades“ spürt einer ungebrochenen Aktualität nach und erweist sich musikalisch wie inhaltlich als großartig. Weil im französischen Barock Oper und Tanz eng miteinander verwoben sind, haben Regisseur Christoph von Bernuth und Choreograf Antoine Jully eine Inszenierung kreiert, in welcher der Tanz ein fester Bestandteil ist. Der Tiefenzeichnung der Charaktere kommt dies unheimlich zugute, weil durch den Tanz Emotionen und Gefühle unterstrichen werden, die eine Triebfeder für Handlungen und Entscheidungen sind.

Ebenso wie Regie und Choreografie, greifen das Bühnenbild von Oliver Helf, die Kostüme von Karine van Hercke, die Videoeinspielungen von Sven Stratmann und das Lichtdesign von Regina Kirsch wie Zahnräder ineinander. So entstehen fantastische neue Bilder, die den Sängerinnen und Sängern, den Tänzerinnen und Tänzern sowie der Musik den nötigen Platz zur Entfaltung lassen.

„Les Boréades“ (Foto: Dominik Lapp)

Von überwältigender Schönheit und eine kompositorische Meisterleistung ist Jean-Philippe Rameaus Musik, die in der Interpretation des Oldenburgischen Staatsorchesters unter der Leitung von Felix Pätzold eine gewisse Modernität zu vermitteln vermag. Das Orchester funkelt in immer neuen Facetten und hat keinerlei Probleme mit den durch intervallische und motivische Verbindungen geschaffenen, szenenübergreifenden Zusammenhängen. Eine Besonderheit ist dabei der eigens engagierte Barockpercussionist Michael Metzler, der als Experte für Feinheiten bei Klang und Rhythmen europaweit gefragt ist. Wenn im Stück peitschende Winde und zerstörerische Blitze hörbar sind, nutzt Metzler dafür Donnerbleche, eine große Trommel oder eine per Hand angetriebene Windmaschine.

Nachdem Chöre coronabedingt die längste Zeit nicht auftreten durften, ist es geradezu wohltuend, dass der stimmstarke Opernchor des Oldenburgischen Staatstheaters (Einstudierung: Thomas Bönisch) in „Les Boréades“ nicht einfach nur zu Gehör kommen darf, sondern darüber hinaus auch noch handlungstragend eingesetzt wird.

Nicht weniger eindrucksvoll sind die solistischen Leistungen an diesem dreistündigen Opernabend. So verleiht Elena Harsányi ihrer Alphise einen strahlenden Sopran, während ihr Martha Eason als Sémire – leider mit nur einem kurzen Auftritt im ersten Akt – gesanglich in nichts nachsteht. Eine schöne Gesangsstimme verleiht Mathias Vidal seinem Abaris, Kihun Yoon überzeugt als Borilée, Sébastian Monti singt tadellos den Calisis und Joao Fernandes liefert als Borée eine Glanzleistung nach der anderen. Ebenfalls überzeugend sind Philipp Alexander Mehr als Adamas, Leonardo Lee als Apollo, Julia Wagner als Polymnie und Bogna Bernagiewicz als L’Amour.

Zum Schluss gibt es dann verdientermaßen lang anhaltenden Applaus für eine durchweg gelungene Deutschlandpremiere von „Les Boréades“, die optisch, inhaltlich, künstlerisch und musikalisch vollends überzeugt. Bleibt zu hoffen, dass sich künftig noch mehr Häuser der wohl komplexesten – wenn nicht sogar schönsten – Oper Rameaus annehmen.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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