„La Traviata“ (Foto: Jochen Quast)
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Musik aus der Konserve: „La Traviata“ in Hildesheim

Was sich im Musicalbereich seit Jahren immer mehr verbreitet, dass Musik nicht mehr live gespielt wird, sondern aus der Konserve kommt, ist im Opernbereich noch weitgehend undenkbar. Auf ein neues Terrain wagt sich jetzt das Theater für Niedersachsen (TfN) in Hildesheim mit Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“. Hierfür wurden Chor und Orchester nämlich vorher im Studio aufgenommen und kommen bei der Vorstellung lediglich aus der Konserve – das wird der sonst so stimmigen Inszenierung von Beka Savic und den starken gesanglichen Leistungen nicht gerecht.

„Wir wollten das Medium der Tonaufnahme nicht verstecken, sondern im Gegenteil aktiv und bewusst erfahrbar und so auch zum Gegenstand der Wahrnehmung für unser Publikum machen. Statt nur Ersatz soll diese Produktion auch eine ganz offensive Auseinandersetzung mit aufgenommener Musik sein – schließlich umgibt sie uns heute auf Schritt und Tritt.“ So wird Hildesheims Generalmusikdirektor Florian Ziemen im Programmheft zitiert. Es sollte ein Experiment aus Live und Konserve sein, das mit den Corona-Umständen gerechtfertigt wird.

Allerdings klingt das alles nur wenig überzeugend. Die Tonaufnahmen sind zwar solide, doch das viel zu experimentelle Tonkonzept erweist sich als katastrophal. Mal kommt die Musik aus den Frontlautsprechern im Auditorium, dann wieder aus den Bühnenlautsprechern von weiter hinten, mal von links, dann wieder von rechts. Es wirkt wie der Versuch, einen Surround-Effekt zu schaffen, der jedoch nach hinten losgeht – das hat man in jedem Kinosaal besser gehört. Auch die Erklärung, man wolle sich offensiv mit aufgenommener Musik auseinandersetzen, weil sie uns heute auf Schritt und Tritt begleitet, ist wenig überzeugend. Gehen wir nicht gerade deshalb in die Oper, um Musik live zu hören? Weil wir etwas Besonderes erleben möchten, nachdem unsere Ohren tagsüber nur mit Musik aus Lautsprechern und Kopfhörern beschallt wurden?

Unter den Corona-Umständen und mit den geltenden Regeln, so heißt es im Programmheft, standen die Verantwortlichen vor der Entscheidung, „La Traviata“ entweder gar nicht oder eben nur mit zuvor aufgenommener Musik zu spielen. Das mutet merkwürdig an, weil Opernhäuser landauf und landab beweisen, dass man große Opern auch in Corona-Zeiten mit Orchester spielen kann. Die Musikverlage bieten dafür sogar Partituren für kleinere Orchesterbesetzungen an. Und im Fall der Hildesheimer „La Traviata“ wäre ein ausgedünntes, dafür aber live spielendes Orchester definitiv die bessere Wahl gewesen, als Musikaufnahmen durch blechern scheppernde Lautsprecher zu jagen.

Immerhin: Ein wenig Livemusik gibt es dann doch. Einige Arien werden nämlich von einem Pianisten begleitet, und teilweise begleitet Robyn Allegra Parton in der Rolle der Violetta ihren Gesang sogar selbst am Klavier. Das ist zwar ein schöner Einfall, doch wird man das Gefühl einfach nicht los, sich irgendwo zwischen Konserve und Klavierhauptprobe zu befinden, aus der man am liebsten flüchten möchte – und dann wird in dieser großen italienischen Oper auch noch auf Deutsch gesungen (Übersetzung: Natalie von Grünhof).

All diese Umstände ersticken nach siebenmonatigem Corona-Lockdown jegliche Freude an Livemusik und Oper im Keim. Nachdem die Laune ziemlich tief im Keller ist, erweist es sich als nicht einfach, wenigstens der Inszenierung und Gesangsriege noch etwas Positives abgewinnen zu können. Doch das, was auf der Bühne optisch und gesanglich geboten wird, stellt sich als wirklich gut heraus. Da ist zum einen die starke Personenregie von Beka Savic und zum anderen das sehenswerte Bühnen- und Kostümbild von Telse Hand, sehr schön ergänzt durch die Videoprojektionen von Elisabeth Köstner.

Überzeugen können außerdem die Solistinnen und Solisten, allen voran die bereits erwähnte Robyn Allegra Parton als Violetta. Mit großer Hingabe spielt und singt sie die Todkranke und unglücklich Liebende, brilliert bei den Koloraturen, spürt den musikalischen Linien konzentriert nach und erreicht im letzten Akt eine unglaublich mitreißende Intensität. Ihre Violetta hat alles, was diese Rolle benötigt – von dramatischen Ausbrüchen bis zu höchsten Tönen.

Mit Durchschlagskraft in den Spitzentönen, aber auch mit lyrischem Schmelz vermag Yohan Kim als Alfredo zu begeistern und exzellent mit Robyn Allegra Parton zu harmonieren. Ein gelungenes Porträt der Vaterfigur zeichnet Zachary Wilson als Giorgio mit vokaler Kraft. Neele Kramer lässt ihren geschmeidigen Mezzosopran in ihrer Doppelrolle als Flora und Annina strahlen, während Julian Rohde (Gastone), Eddie Mofokeng (Douphol), Jesper Mikkelsen (d‘Obigny) und Uwe Tobias Hironimi (Grenvil) ebenfalls gesanglich gefallen. So bleibt bei dieser „La Traviata“ am Ende erstklassiger Gesang neben schönen Bildern. Immerhin.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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