„La Cenerentola“ (Foto: Dominik Lapp)
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Knallbonbon: „La Cenerentola“ in Osnabrück

Obwohl Gioachino Rossinis Oper „La Cenerentola“ in vielen Punkten von der Märchenvorlage „Aschenputtel“ abweicht, erzählt auch sie die Geschichte von einem armen unterdrückten Mädchen, das sich in eine strahlende Schönheit verwandelt. Nachdem das Theater Osnabrück in dieser Spielzeit bereits in seiner Schauspielsparte „Aschenputtel“ gezeigt hat, zieht jetzt die Musiktheatersparte mit „La Cenerentola“ nach.

Aus dem Inhalt der Oper wurden von Rossini und seinem Librettisten Jacopo Ferretti alle magischen oder zum Zeitpunkt der Uraufführung als anstößig geltenden Elemente wie die Schuhszene entfernt. So sucht der Prinz nicht nach der Trägerin eines Schuhs, sondern eines Armreifs. Die Rolle der Fee wurde durch Alidoro, den Hauslehrer des Prinzen, ersetzt. Und die böse Stiefmutter ist bei Rossini ein Stiefvater in Gestalt eines verarmten Adligen.

Regisseurin Béatrice Lachaussée erzählt diese Geschichte in einem großen roten Salon, der von Bühnenbildnerin Nele Ellegiers mit einem Kamin, einem überdimensionalen roten Schrank und zahlreichen übereinandergestapelten Matratzen ausstaffiert wurde. Durch den Einsatz der Drehbühne gelingt eine blitzschnelle Verwandlung in die königlichen Räumlichkeiten.

Ellegiers zeichnet darüber hinaus für die sehenswerten Kostüme verantwortlich, lässt die Bediensteten mit kurzen rosa Hosen, roten Westen, weißen Hemden und schwarzen Fliegen auftreten. Alidoro hingegen wirkt mit Mantel und Zylinder immerhin wie ein Zauberer, wenn durch seine Figur schon die Fee ersetzt wurde, und Angelina, das Aschenputtel, darf zunächst einen grauen Fummel mit Chucks und später ein hübsches weiß-goldenes Kleid tragen.

Dass die Regisseurin Béatrice Lachaussée und ihre Bühnen- und Kostümbildnerin Nele Ellegiers bereits mehrfach zusammengearbeitet haben, merkt man der Inszenierung von „La Cenerentola“ in Osnabrück an – zum Positiven. Denn Regie und Ausstattung bauen nicht nur aufeinander auf, sondern wirken geradezu wie aus einem Guss. Obwohl ursprünglich die magischen Elemente aus der Handlung gestrichen wurden, hat Lachaussée die märchenhafte Fantasiewelt erhalten.

„La Cenerentola“ (Foto: Dominik Lapp)

Den königlichen Hauslehrer Alidoro lässt sie einerseits als Bettler und andererseits wie Angelinas Ersatzvater erscheinen. Vor allem aber darf dieser Magie anwenden, wenn zum Beispiel wie von Geisterhand ein Wagen hereinfährt, der Angelina zum Prinzen bringt, Goldflitter vom Himmel regnet oder er etwas aus seinem Zylinder zaubert.

Auch ein wenig Osnabrücker Lokalkolorit findet sich in der Inszenierung, nämlich dann, wenn elf Sänger des Herrenchors (exzellente Choreinstudierung: Sierd Quarré) auf einem überdimensionalen Steckenpferd über die Bühne reiten. Mit dem jährlichen Steckenpferdreiten wird in der Friedensstadt schließlich an den Westfälischen Frieden erinnert.

Neben all diesen wunderbaren Regieeinfällen ist Lachaussée überdies eine starke Rollenzeichnung gelungen. Mit wunderbar frischen, unverbraucht wirkenden Solisten wurden die Rollen alters- und typgerecht ideal besetzt. So wirken die Figuren in „La Cenerentola“ keineswegs wie eindimensionale Abziehbildchen, sondern vielmehr wie die von ihren jeweiligen Träumen getriebenen Charaktere, die allesamt eine glaubwürdige Entwicklung durchmachen.

Olga Privalova, die als Angelina (so heißt das Aschenputtel bei Rossini) ihr Rollendebüt gibt, ist nicht nur optisch sehr gut besetzt, sondern zeigt eine warmherzige, lebendige und stimmlich überzeugende Gestaltung der Titelrolle. Sie bezaubert durch ihre dunkel timbrierte, warme, koloraturensichere Stimme. Ihre Soli durchleuchtet Privalova von allen Seiten, variiert sie farbenreich und scheut auch die Höhenlagen nicht.

„La Cenerentola“ (Foto: Dominik Lapp)

In Milos Bulajic, der als Gast engagiert wurde, steht der jungen Mezzosopranistin ein technisch wie stilistisch erstklassiger Rossini-Tenor in der Rolle des Prinzen Don Ramiro gegenüber. Für seine bravouröse Interpretation der schweren Arie „Si, ritrovarla io giuro“, bei der er mit fulminanten Spitzentönen glänzt, feiert ihn das Premierenpublikum völlig zu Recht.

Ihm in nichts nach steht Jan Friedrich Eggers, der dem Diener Dandini seinen unverkennbaren Stempel aufdrückt und mit klangschönem Bariton begeistert. Mit seiner starken Bühnenpräsenz und dem dunkel legierten Bass erweist sich zudem José Gallisa in der Rolle des Alidoro als ein Sympathieträger.

Aschenputtels Stiefschwestern sind dagegen richtige Knallchargen in schrillen Aufmachungen. Erika Simons als Clorinda und Gabriella Guilfoil als Tisbe sind in ihrer Darstellung großartig, wenn sie die verzogenen Zicken spielen, die in ihrer Unausstehlichkeit unübertreffbar sind. Im Zusammenspiel mit Genadijus Bergorulko, der ihren Vater Don Magnifico darstellt und sich als begnadeter Komödiant erweist, geraten die Auftritte dieses Trios infernale – auch gesanglich – zu wahren Höhepunkten.

Doch nicht nur inszenatorisch und gesanglich bewegt sich „La Cenerentola“ in Osnabrück auf höchstem Niveau. Musikalisch wird hier ebenfalls aus dem Vollen geschöpft. Daniel Inbal, der bei den Rezitativen höchstselbst das Hammerklavier spielt, erweist sich am Pult als ein äußerst leidenschaftlicher und funkensprühender Dirigent, der das Osnabrücker Symphonieorchester durch sein flottes, elastisches Dirigat ganz herausragend zu Spielfreude und Esprit motiviert. Schon nach der Ouvertüre gibt es dafür verdient lautstarken Applaus.

Nahezu frenetischen Applaus und erste Bravo-Rufe gibt es außerdem nach dem ersten Akt und schließlich auch, als nach drei Stunden der Schlussvorhang gefallen ist. Der stimmigen Inszenierung sowie der erstklassigen gesanglichen und musikalischen Leistung ist es zu verdanken, dass die vom Publikum einhellig bejubelte Premiere von „La Cenerentola“ am Theater Osnabrück ein Erfolg ist. Kurzum: ein optisches wie musikalisches Knallbonbon!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und das Streaming-Konzert "In Love with Musical".

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