„Aschenputtel“ (Foto: Dominik Lapp)
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Modernes Märchen: „Aschenputtel“ in Osnabrück

Ein altbekanntes Märchen der Brüder Grimm in einem modernen Gewand zu präsentieren, so dass es Kinder wie Erwachsene gleichermaßen anspricht – das ist der Regisseurin Katharina Birch mit ihrer Inszenierung von „Aschenputtel“ am Theater Osnabrück hervorragend gelungen. Allerdings hat sie das Sprechtheaterstück von Susanne Lütje und Corinna Schildt nicht krampfhaft modernisiert, sondern vielmehr einen interessanten neuen Blickwinkel geschaffen. Dabei hielt auch die aktuelle Klimaschutzdiskussion Einzug in den klassischen Märchenstoff.

So ist das Aschenputtel nun Ökoaktivistin, die auf einem Baum lebt, den einst ihre mittlerweile verstorbene Mutter pflanzte. Schilder mit Aufschriften wie „Rettet den Wald“ machen deutlich, worauf es Aschenputtel ankommt. Doch ihre böse Stiefmutter und Stiefschwester Isolde (auf die zweite Stiefschwester wurde verzichtet) machen sich nichts aus Umweltschutz. Sie schlürfen unermüdlich Kaffee aus Pappbechern, die sie anschließend unachtsam wegwerfen, kommen mit zahlreichen Einweg-Einkaufstüten vom Shopping-Ausflug zurück und zwingen Aschenputtel, einen alten Kühlschrank im Wald – in dem sich Rotkäppchen und der böse Wolf herumtreiben – zu entsorgen.

Das mag sich zunächst vielleicht etwas befremdlich lesen – ist es aber nicht. Denn aktuelle Themen im Theater zu verarbeiten, ist doch so alt wie das Theater selbst. Vor allem aber wird die Geschichte in „Aschenputtel“ niemals mit erhobenem Zeigefinger erzählt. Auch hat der Stoff nichts von seiner Zauberhaftigkeit verloren. Schon als sich der rote Samtvorhang zu Beginn öffnet, den Blick auf Aschenputtels großen Baum und dicke herabfallende Schneeflocken freigibt, geht ein erfreutes Raunen durch den Zuschauerraum.

Später dann, als Aschenputtel den königlichen Ball besuchen möchte, kommen Tauben im Goldstaubregen herabgeflogen und bringen ihr ein festliches Outfit – kein Kleid, sondern passend zum emanzipierten Charakter ein Hosenrock. Auch die Kostüme von Prinz Nikodemus, dem königlichen Haushofmeister, von Stiefmutter und Stiefschwester sind herrlich anzusehen. Hier hat das für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich zeichnende Duo Georg&Paul großartige Arbeit geleistet, um „Aschenputtel“ in einem optisch perfekten Gewand zu zeigen.

„Aschenputtel“ (Foto: Dominik Lapp)

Dass während der rund einstündigen Aufführung keine Langeweile aufkommt, ist der witzigen und temporeichen Inszenierung von Katharina Birch zu verdanken. Dabei wird auch das Publikum – wie es sich für richtiges Kindertheater gehört – mit einbezogen und der Zuschauerraum bespielt. Als sich nämlich der Vorhang für einen Umbau schließt, wird kurzerhand inmitten des Publikums weitergespielt, und sowohl Kinder als auch Erwachsene haben sichtlichen Spaß daran, dem Prinzen zu helfen und die böse Stiefmutter und Stiefschwester in die Irre zu führen.

Für Abwechslung sorgt außerdem die Musik von Uwe Frenzel, so dass das Märchen nicht als reines Sprechtheaterstück, sondern mit Elementen eines Musicals erzählt wird. So rappen die Stiefmutter und ihre Tochter darüber, dass Aschenputtel die Drecksarbeit zu erledigen hat, Prinz Nikodemus hingegen träumt in einem Lied davon, aus seinem goldenen Käfig auszubrechen und Aschenputtel selbst besingt ein besseres Morgen.

Die fünf Rollen im Stück wurden exzellent besetzt. Allen voran begeistert Hannah Hupfauer als Aschenputtel mit ihrer frischen, quirligen Art. Sie gibt ihre Figur als emanzipierte, rebellische junge Frau, die ihrer Stiefmutter und der Stiefschwester ordentlich Paroli bietet. Pablo Konrad ist als Prinz Nikodemus ebenfalls ein kleiner Rebell und stellt authentisch dar, dass dem Prinzen das Leben am Königshof missfällt. Als herrlich überforderter Haushofmeister hat Anne Sofie Schitzold deshalb alle Hände voll zu tun.

Ein wahres Traumpaar sind zudem Lutz Faupel als Stiefmutter und Benjamin Martin (begeisterte bereits in „The Producers“) als Isolde. Beide Herren gehen in ihren bitterbösen Damenrollen ganz wunderbar auf, spielen einerseits absolut scheußliche Bestien, ernten andererseits aber auch zahlreiche Lacher („Was hast du so lange im Wald gemacht? Tausendfüßern die Schuhe angezogen?“). Und so überzeugt diese moderne Fassung von „Aschenputtel“ also in jeglicher Hinsicht, denn Inszenierung, Ausstattung, Musik und die Schauspieler präsentieren sich auf sehr hohem Niveau.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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