Futuristisch, sperrig, anders: „Die große Stille“ in Hamburg
An der Staatsoper Hamburg hebt sich der Vorhang nicht – weil es keinen gibt. Stattdessen öffnet sich der Blick unmittelbar auf ein Raumschiff-Interieur, entworfen von Jonathan Mertz, das einerseits futuristische Vision und andererseits melancholisches Archiv ist: Pflanzen, Gemälde, Fragmente einer Statue, dazu die vorbeiziehenden Sterne und die Sonne. Die Erde existiert nicht mehr, und was bleibt, ist Musik, ist Mozart – und die eigenwillige Idee eines Abends, der sich zwischen Musiktheater, Performance und Versuchsanordnung bewegt.
„Die große Stille“, ein Musiktheaterprojekt von Christopher Rüping, Omer Meir Wellber und Malte Ubenauf, greift tief in das Werk von Wolfgang Amadeus Mozart, allerdings nicht in die vertrauten Pfade. Der erste Teil speist sich aus selten gespielten Stücken wie „Das Veilchen“, die hier in einer Art postapokalyptischer Karaoke-Situation dargeboten werden. Mit Handmikrofonen treten die Figuren vor, begleitet von einem auf der Bühne positionierten Ensemble aus E-Piano, Klarinette, Fagott und Posaune. Was zunächst wie ein ironischer Kommentar auf die Traditionspflege wirkt, gerät jedoch über weite Strecken unerquicklich zäh. Die Szenen verlieren sich, die Dramaturgie zerfasert, und der erwartete Schönklang bleibt demonstrativ ausgestellt – als Verweigerung, die Geduld verlangt.
Doch diese Geduld wird eingefordert, um im zweiten Teil eingelöst zu werden. Wenn Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber den Fokus auf „Apollo et Hyacinthus“ richtet, jenes erstaunliche Opernfrühwerk des elfjährigen Mozart, verschiebt sich die gesamte Anlage des Abends. Der Orchestergraben, zu Beginn noch abgedeckt und in das Bühnengeschehen integriert, öffnet sich, und mit ihm auch der Klangraum. Blumen wachsen aus dem Graben – ein fast naiv anmutendes Bild, das jedoch in seiner Einfachheit überzeugt: Musik als letzter organischer Rest in einer entleerten Welt.
Meir Wellber erweist sich hier als kluger Architekt eines Spannungsbogens, der sich erst spät erschließt. Seine Lesart verzichtet auf historisierende Glätte, setzt stattdessen auf Durchlässigkeit und eine gewisse Rauheit im Klang, die dem Setting entspricht. Zugleich gelingt es ihm, die Qualitäten dieses frühen Mozart freizulegen.
Die Inszenierung von Christopher Rüping, die von der Idee her teilweise an Filme wie „Passengers“ oder „Der Astronaut“ erinnert, bleibt dabei bewusst sperrig. Das Konzept, Menschen auf einem verlorenen Raumschiff über Karaoke-Abende mit Mozart miteinander zu verbinden, ist ebenso gewagt wie uneindeutig. Gerade im ersten Teil wirkt vieles überdehnt. Doch in der zweiten Hälfte gewinnt das Spiel an Ernsthaftigkeit. Der Übergang ist abrupt, aber wirkungsvoll.
Die Kostüme von Lene Schwind unterstreichen diese Zweiteilung: vorwiegend futuristisches Grau, funktional und entindividualisiert, mit einer auffälligen Ausnahme – die Figur der Aliena, eine Variation der Apollo-Gestalt, trägt ein Gewand aus bunten Fäden, das wie ein Fremdkörper im monochromen Kosmos wirkt.
Das Sounddesign von Jonas Holle legt eine konstante akustische Folie aus Raumschiffgeräuschen unter das Geschehen, während das Licht von Benedikt Zehm mit den aus dem Schnürboden herabfahrenden Scheinwerfern selbst zum sichtbaren Akteur wird.
Vokal ist der Abend luxuriös besetzt. Marie Maidowski als bemerkenswerter Nachwuchs aus dem Opernstudio, Kayleigh Decker, Ana Durlovski, Hubert Kowalczyk und Gregory Kunde verfügen durchweg über Stimmen von beeindruckender Qualität. Die Stärke von Performance-Künstler Damian Rebgetz hingegen ist das Schauspiel, während sich der Chor unter der Leitung von Alice Meregaglia homogen in das Klangbild einfügt.
Das Publikum im nicht voll besetzten Saal reagiert zunächst verhalten. Doch am Ende gibt es kräftigen Applaus, vereinzelt sogar Jubel. „Die große Stille“ ist kein Abend für Operntradition im gewohnten Sinn. Er sucht ein anderes Publikum, eines, das bereit ist, sich auf Brüche einzulassen und Durststrecken auszuhalten. Nicht alles trägt, manches wirkt gewollt. Aber dort, wo sich Konzept und Musik begegnen, entsteht ein außergewöhnlicher Opernabend, der erfreulicherweise auch jüngere Menschen in die Staatsoper lockt. Spannend!
Text: Dominik Lapp


