„Drei Männer im Schnee“ (Foto: Sascha Kreklau)
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Fulminante Inszenierung: „Drei Männer im Schnee“ in Gelsenkirchen

Eine erst 2019 uraufgeführte Operette trifft perfekt den Stil der 1930er Jahre: „Drei Männer im Schnee“, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner, ist jetzt am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen in einer fulminanten Inszenierung von Sandra Wissmann zu sehen. Nach der Uraufführung am Münchner Gärtnerplatztheater ist es erst die zweite Produktion dieses kurzweiligen Werks – und hoffentlich nicht die letzte.

Einordnen kann man „Drei Männer im Schnee“ irgendwo zwischen Operette, Musical, Kabarett und Revue. Hier trifft Nostalgie auf den Zeitgeist von heute. Der Stoff von Kästner wurde fünfmal verfilmt und mehrmals übersetzt, die Bühnenfassung in Wissmanns Inszenierung kommt im Stil eines UFA-Films daher und ist durchweg kurzweilig. Die Regisseurin schafft es, Erich Kästners Sozialkritik auf die Bühne zu bringen. Sie zeichnet außerdem Figuren mit einem hohen Identifikationsfaktor und überzeugt durch eine flotte Erzählweise der Verwechslungskomödie, in der es um Berge, Millionäre, Skifahrer und Liebespaare in einem Grandhotel geht. Die schwungvolle Choreografie von Sean Stephens bringt weitere Dynamik in die Story – vor allem eine Steppnummer auf Ski begeistert dabei das Publikum.

Für Tempo sorgt auch die Drehbühne, die schnelle Szenenwechsel in dem von Britta Tönne hübsch und detailliert gestalteten Bühnenbild ermöglicht. Zu sehen sind so etwa die Fabrik des Millionärs Eduard Tobler, dessen weihnachtlich dekoriertes Wohnzimmer, eine extravagante Hotelhalle, eine Skipiste samt Bergpanorama und als Highlight eine Skigondel. Mit viele Liebe zum Detail wurden außerdem die Kostüme von Beata Kornatowska geschaffen.

Weiter begeistern kann das spielfreudige Ensemble, das von dem großartigen Joachim G. Maaß als Eduard Tobler angeführt wird, der stimmlich wie schauspielerisch authentisch den millionenschweren Fabrikanten spielt, der sich wiederum als armer Schlucker ausgibt und ein herrliches Verwechslungsspiel im Hotel spielt. Als Running Gag auf zwei Beinen erweist sich der immer wieder seine Mutti anrufende Fritz Hagedorn, den Sebastian Schiller äußerst witzig und charmant gibt. Als Johann Kesselhuth komplettiert Mark Weigel die drei titelgebenden Männer im Schnee und harmoniert klasse mit Schiller und Maaß.

„Drei Männer im Schnee“ (Foto: Dominik Lapp)

Toblers Tochter Hilde wird durch Bele Kumberger das starke Profil einer emanzipierten Frau verliehen, die ihrem Vater beweist, dass sie in der Lage ist, seine Firma zu führen. Christa Platzer ist als Toblers Hausdame schlichtweg eine Wucht, wenn sie mit ihrem trockenen Humor für zahlreiche Lacher sorgt – insbesondere in der Szene, in der sie am Neujahrsmorgen völlig betrunken und fast Blumenwasser saufend auf den Hotelflur sinkt, während sich eine ganze Horde Männer aus ihrem Hotelzimmer stiehlt.

Anke Sieloff mimt als Frau Calabré eine wunderbar nervige Millionärsjägerin, Michael Schulz formt den Hoteldirektor Kühne als genauso stattlichen wie komödiantischen Charakter, doch die stärkste Leistung bringt Philipp Kranjc als Portier Polter. Gesanglich stattet Kranjc seine Rolle mit einem volltönenden, sonoren Bass aus, schauspielerisch glänzt er mit Arroganz und Wiener Schmäh, was das Publikum geradezu toben lässt.

In kleineren Rollen gefallen außerdem Tina Podstawa als Mrs. Sullivan, Tobias Glagau als Toni Graswander und Frank Wöhrmann als Sepp Graswander. Eine Bereicherung für das Stück ist außerdem das achtköpfige Musicalensemble, das schöne Momente liefert und aus dem vor allem Marleen Jakob, Svitlana Peter und Gianina Risse schauspielerisch, tänzerisch, gesanglich und durch große Wandlungsfähigkeit hervorstechen – besonders als Zimmermädchen im Grandhotel.

Die Musik für „Drei Männer im Schnee“ schrieb Thomas Pigor, der auch das Libretto schuf, zusammen mit Konrad Koselleck, Christoph Israel und Benedikt Eichhorn. Dabei herausgekommen ist eine nostalgisch klingende Partitur, die sich zwischen Filmschlager, Tango, Swing, Wienerlied und alpenländischer Folklore bewegt. Durch dieses Kaleidoskop der Musikstile führt Peter Kattermann die Neue Philharmonie Westfalen mit Verve. Und zum Schluss? Da gibt es selbstverständlich Standing Ovations, die sich alle Mitwirkenden nach diesem dreistündigen beschwingten Abend verdient haben.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".