„Cosi fan tutte“ (Foto: Sandra Then)
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Spannende Neuinterpretation: „Cosi fan tutte“ in Hannover

Neuinterpretationen können ziemlich in die Hose gehen. Nicht so jedoch Mozarts „Cosi fan tutte“ in der Fassung von Martin G. Berger, Martin Mutschler und Michele Spotti, die an der Staatsoper Hannover zu sehen ist. Regisseur Martin G. Berger nimmt die Mozart-Oper ernst, zeigt das Werk als Paartherapie und nicht als alberne Verwechslungsklamotte, was ganz hervorragend funktioniert.

In Bergers Inszenierung – das machen schon die zur Ouvertüre auf den Vorhang projizierten Kinderbilder deutlich – kennen sich die handelnden Paare bereits seit Kindertagen. Don Alfonso und Despina haben Guglielmo und Fiordiligi sowie Ferrando und Dorabella auf ein Wochenende ins Retreat ihres paartherapeutischen Zentrums eingeladen. Im Fokus dabei steht die Polyamorie, jeder darf mehrere Personen lieben.

Damit das, was sich Martin G. Berger szenisch überlegt hat, auch entsprechend zur Musik passt, wurde kurzerhand die Reihenfolge der musikalischen Nummern von Michele Spotti (Musikalische Leitung) geändert und die Übertexte von Martin Mutschler (Dramaturgie) dem heutigen Sprachgebrauch angepasst. Dadurch gewinnt das Werk Mozarts an Aktualität, Authentizität und Drive.

In seiner Inszenierung lässt Berger die handelnden Paare ihre Treue austesten. Es geht darum, sich im Dunkeln nackt zu erkennen – doch mit verbundenen Augen finden die falschen Paare zueinander. Anders als bei Mozart und Da Ponte, geschieht der darauffolgende Partnertausch aber ganz bewusst und nicht als Folge einer Intrige. Hier muss niemand in den Krieg ziehen, hier wird sich dem Gruppensex ganz hingegeben. Dabei gelingt es dem Regisseur hervorragend mit Projektionen von Kinderfotos, die Gefühle des Sextetts zu begründen. Schließlich kennen sich alle schon aus Kindertagen und scheinen alte Gefühle und Schwärmereien wiederzuentdecken.

Optisch unterstützt wird die Handlung durch ein sparsames und dennoch wirkungsvolles Bühnenbild von Sarah-Katharina Karl, das von zahlreichen LED-Stangen dominiert wird, die immer wieder ein verwirrendes Geflecht darstellen und dadurch das Gefühls-Labyrinth der sechs Charaktere und deren in der Kindheit verankerten Verflechtungen visualisieren. Die Kostüme von Esther Bialas sind größtenteils zeitlos dezent, die Brautkleider und ein Elvis-Kostüm hingegen etwas aufwändiger.

Das Herz der Aufführung ist das Niedersächsische Staatsorchester, das von Michele Spotti genauso souverän wie umsichtig dirigiert wird. Die Musikerinnen und Musiker lassen sich von Spottis Energie mitreißen, spielen mit Brillanz – mal feurig, mal empfindsam – durch den musikalischen Kosmos von Mozart und tragen die Sängerinnen und Sänger geradezu auf Händen.

Kiandra Howarth singt die Fiordiligi mit außergewöhnlich schönem Sopran, Nina van Essen gibt eine hinreißende Dorabella mit ihrem vollmundigen, kraftvoll leuchtenden Mezzosopran und Nikki Treurniet gefällt als Despina mit ihrer explosiven Sopranstimme. Die Herren im Bunde stehen ihren Kolleginnen in nichts nach. So gibt Hubert Zapiór einen markanten Guglielmo, Marco Lee einen geschmeidigen Ferrando und Richard Walshe einen strahlenden Don Alfonso. Interessant ist zudem, dass Ferrando und Dorabella in dieser Inszenierung ein Kind haben, das die Eltern beim Partnertausch erwischt und schön gesungen wird von Maki Dominguez Muniz.

Der in „Cosi fan tutte“ ohnehin nur spärlich vorkommende Chor ist zu keiner Zeit auf der Bühne zu sehen, singt aber aus dem Off von der Seitenbühne – und das sehr schön (Chorleitung: Lorenzo Da Rio). So darf diese sehens- und hörenswerte sowie höchst spannende Neuinterpretation der Mozart-Oper als durchweg gelungen bezeichnet werden. Hier passt einfach alles.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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