Jahresrückblick
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Persönliches vom Chefredakteur: Meine Bühnenhöhepunkte 2018

Erinnert sich noch jemand? Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle berichtet, dass ich eigentlich zu viel unterwegs bin. 2017 hatte ich 37 kulturelle Veranstaltungen besucht. Das hielt sich also noch in Grenzen. Nun hat es sich 2018 aber ergeben, dass ich nicht nur für kulturfeder.de im Theater sitzen sollte, sondern auch für verschiedene Tageszeitungen. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass ich es im Jahr 2018 schlussendlich auf 54 Vorstellungen gebracht habe, denen ich beiwohnen durfte. Aber selbstverständlich waren da nicht nur Bühnenhöhepunkte dabei, sondern auch ziemlich viel Mittelmaß und die eine oder andere Katastrophe. Auf meine persönlichen Bühnenhöhepunkte 2018 möchte ich nachfolgend aber gern noch einmal eingehen.

Bevor ich mit den Highlights starte, möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass der Januar für mich mit einem Totalausfall begann: „Der bewegte Mann“ im Altonaer Theater Hamburg. Zwar hat dieses Musical durchaus Unterhaltungsfaktor, seine witzigen Momente und liebenswerte Charaktere. Aber grundsätzlich waren mir das Buch von Craig Simmons und die Musik von Christian Gundlach einfach zu schwach für einen wirklich starken Musicalabend. Obwohl ich den Film mag, hatte ich das Gefühl, dass der Stoff seinen Zenit überschritten hat und das Musical wahrscheinlich 20 Jahre zu spät auf die Bühne gebracht wurde. Tolle Darsteller, aber ein Stück mit zu vielen Kalauern und Klischees. Nein, das war nichts und so begann mein Kulturjahr 2018 erst einmal ernüchternd.

Doch das sollte nicht lange so bleiben, denn Mitte Januar war ich in Frankfurt am Main, um an zwei aufeinanderfolgenden Abenden zwei großartige Bühnenhöhepunkte zu erleben. So sah ich im English Theatre eine exzellente Neuinszenierung von „Jekyll & Hyde“, bei der mich die intelligenten Regieeinfälle von Tom Littler genauso begeisterten wie die starken Darsteller, die schönen Bilder und vor allem die kraftvollen Arrangements. Nie zuvor hatte ich Wildhorns Musik so rockig, so genial gehört. Am folgenden Abend sollte es rockig weitergehen, denn ich besuchte die Deutschlandpremiere von „American Idiot“. In rund anderthalb Stunden wurde in der Batschkapp ein großartiges Feuerwerk des Rocks gezündet.

Im Februar ging es wieder einmal in die Hamburger Elbphilharmonie. Mir ist es tatsächlich als „Normalo“ gelungen (sogar mehrfach), über die offiziellen Vorverkaufsstellen an Tickets für die Elbphilharmonie zu kommen. Im Netz ist ja immer wieder zu lesen, dass man gar keine Chance hätte, Tickets für die Elbphilharmonie zu bekommen und dass diese nicht bezahlbar seien. Das kann ich nicht bestätigen. Gerade einmal 36 Euro habe ich für mein Ticket bezahlt. Auf dem Programm standen Werke von Schubert, interpretiert vom Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Kent Nagano. Ein großartiges Konzert, bei dem ich zum ersten Mal hinter dem Orchester saß und so freien Blick auf den Dirigenten hatte. Ein ungewohntes, aber äußerst beeindruckendes Bild bot sich mir, den Musikern im wahrsten Sinne des Wortes mal über die Schulter zu schauen. Und wieder einmal begeisterte mich die exzellente Akustik im Großen Saal.

Jahresrückblick 2018 (Foto: Dominik Lapp)

Ein Musical, mit dem ich bislang nicht richtig warmgeworden bin, ist Frank Wildhorns „Dracula“. Am Landestheater Detmold hat mir die Inszenierung von Lars Helmer aber wirklich gut gefallen – eine echte Überraschung. Ähnlich erging es mir mit „Mary Poppins“, das mich weder im niederländischen Scheveningen noch in Wien wirklich gepackt hat. Die Premiere in Hamburg hingegen hat mich überraschenderweise erreicht. Im Vergleich mit anderen Disney-Musicals, ist „Mary Poppins“ vielleicht eines der schwächeren Stücke aus der amerikanischen Hitfabrik. Auf der Habenseite waren für mich aber die tollen Szenenbilder, hervorragende Darsteller und die fabelhafte Leistung des Orchesters. Zum wiederholten Mal ging es für mich im Februar außerdem noch einmal zu „Kinky Boots“. Wie schon im letzten Jahresrückblick berichtet, hatte ich von dieser Show ursprünglich gar nicht viel erwartet – und dann sah ich sie und liebte sie.

Im März habe ich es tatsächlich noch zur Derniere von „In the Heights“ nach Hagen geschafft. Lange schon wollte ich das Einwanderer-Drama von Lin Manuel Miranda einmal sehen – und die Vorstellung in Hagen hat mich nicht enttäuscht. Mit einem scharfen Auge fürs Detail hatte es Regisseur Sascha Wienhausen geschafft, allen Charakteren im Latino-Viertel Kontur zu verleihen und sie und ihre jeweiligen Probleme in den Fokus zu stellen. Dabei hatte er fließende Szenenübergänge geschaffen, wodurch die Inszenierung ein flottes Tempo und eine schwungvolle Energie entwickelte, was sich von den Protagonisten auf das Publikum und somit auch auf mich übertrug.

Ein weiterer meiner Bühnenhöhepunkte folgte im April mit dem Konzert „The World of Hans Zimmer“ in Hannover. Die Songauswahl war äußerst gelungen und der Konzertabend absolut rund. Musik und Licht, Musiker und Chor, Filmausschnitte und Effekte, Liedfolge und Inszenierung waren so perfekt aufeinander abgestimmt, dass niemals Langeweile aufkam. In Videoeinspielungen zwischen den einzelnen Filmblöcken kamen außerdem Hans Zimmer selbst und einige seiner Kollegen immer wieder zu Wort, um Anekdoten zu erzählen und durch das Schaffen des Komponisten zu führen. Eines der besten Filmmusik-Konzerte, das ich je besucht habe.

Jahresrückblick 2018 (Foto: Dominik Lapp)

Im Mai folgten etliche Bühnenhöhepunkte. Ich war nie ein Fan der Musik von Wolfgang Petry. Aber das Petry-Musical „Wahnsinn!“ führte mich nach Berlin und hat mich wirklich positiv gestimmt. Jukebox-Musicals gibt es ja wie Sand am Meer. Und doch bot mir das Musical mit den Hits von Wolfgang Petry so viel mehr als nur Jukebox, was vor allem am ausgefeilten Buch von Martin Lingnau und Heiko Wohlgemuth lag. Das eingespielte Autorenduo hat keine mit heißer Nadel gestrickte Nummernrevue abgeliefert, sondern eine Reihe liebenswürdiger Charaktere und eine charmante Geschichte geschaffen.

Es ging für mich weiter nach Krefeld. Dort hatte man am Theater mit „Otello darf nicht platzen“ eine kleine Perle unter den Musicals auf den Spielplan gesetzt – die humorvolle wie intelligente Musical Comedy mit der wunderbaren Musik und der durchweg hervorragenden Besetzung (allen voran Lukas Witzel in der Hauptrolle) hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, und mein erster Ausflug nach Krefeld hatte sich mehr als gelohnt.

Ende Mai stieg ich ins Flugzeug und flog nach etlichen Jahren endlich mal wieder nach London, wo mit „School of Rock“, „Hamilton“ und „42nd Street“ drei starke Shows und somit weitere Bühnenhöhepunkte auf meinem Programm standen. Das Ticket für „Hamilton“ hatte ich bereits 15 Monate im Voraus gebucht – was ich normalerweise nie mache. Aber bei dem Hype um die Show war das dieses Mal nötig. Für umgerechnet nur 42 Euro hatte ich einen Platz in der ersten Reihe des zweiten Rangs bekommen. Das war ziemlich weit oben und es gab quasi null Beinfreiheit – aber jeder Euro des Eintrittspreises hatte sich gelohnt. Es ist schon erstaunlich, wie bei „Hamilton“ Musik, Inszenierung, Choreografie, Bühnenbild und Lichtdesign zahnradähnlich ineinandergreifen und wie Mosaiksteinchen ein Gesamtbild erschaffen. Ein großartiges Erlebnis!

Jahresrückblick 2018 (Foto: Dominik Lapp)

Während ich mein Ticket für „Hamilton“ also lange im Voraus gebucht hatte, entschied ich mich erst ein paar Wochen vor meiner Reise nach London, welche Stücke ich mir außerdem ansehen wollte. Für „School of Rock“ entschied ich mich, weil ich den Film sehr mag und ich denke, dass wir das Stück aufgrund der vielen darin mitspielenden Kinder in Deutschland nicht so schnell zu sehen bekommen. Die weitere Wahl fiel auf „42nd Street“, weil ich die Großproduktion damals in Stuttgart und ebenso die neuerliche Produktion der Stage School Hamburg verpasst hatte – und weil ich glaube, dass auch diese Produktion mit so einer großen Ausstattung und so vielen Tänzern nicht so schnell wieder in Deutschland zu sehen sein wird. Und was soll ich sagen? Beide Stücke haben mich vollkommen überzeugt. Insbesondere von „School of Rock“ war ich schwer angetan, weil ich gar nicht so viel erwartet hatte, wie ich letztendlich geboten bekam.

Im Juni stand neben Ulrich Wiggers‘ gelungener Inszenierung von „Les Misérables“ in Tecklenburg auch ein Klassiker auf dem Programm: „Jesus Christ Superstar“ sah ich sowohl unter freiem Himmel auf dem Magdeburger Domplatz als auch in einem Zelt im Hafen von Oldenburg. Beide Produktionen erreichten mich durch ihre starken Darsteller und die grundverschiedenen Inszenierungen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie es Regisseure schaffen, solche oft gespielten Klassiker neu zu erfinden. „Les Misérables“ hingegen war ein weiterer Höhepunkt für mich, weil es viele Jahre nicht mehr auf einer deutschen Bühne zu sehen war. Für mich nach wie vor unerreicht ist aber die Freilichtinszenierung in Magdeburg, die dort 2013 zu sehen war.

Jahresrückblick 2018 (Foto: Dominik Lapp)

Das für mich stärkste Musical des Jahres 2018 (was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste) sah ich im Juli im Werk 7 Theater in München: „Fack ju Göhte“ empfand ich als unglaublich witzig, mitreißend, frisch und heutig. Dadurch hob sich das handwerklich gut gemachte und von den Darstellern leidenschaftlich gespielte Musical von anderen Produktionen ab. Und nebenbei war es absolut genial, wie die Darsteller vor und während der Show mit dem Publikum agierten. Ein Stück, das ich gern ein zweites Mal gesehen hätte.

Nicht weit entfernt von München ist Augsburg, und so besuchte ich in der Mozart- und Fuggerstadt, in der ich als Kind ein paar Jahr lebte, das Musical „Herz aus Gold“. Das von Holger Hauer wunderbar inszenierte Stück über Jakob Fugger mit einem großartigen Chris Murray in der Hauptrolle war für mich eine weitere Show auf der Liste meiner Bühnenhöhepunkte. Sehr positiv überrascht wurde ich dann im August von „Himmlisch gerockt!“ in Kassel. Ehrlicherweise bin ich ohne große Erwartungen in die Show gegangen, wollte nur einen netten Abend mit Rockmusik verbringen. Was ich dort aber erlebte, waren zwei Stunden feinster Rock, verpackt in eine irrwitzige Story, umgesetzt von der Kasseler Rockband Mates in Rock um Frontsänger Harald Tauber.

Jahresrückblick 2018 (Foto: Dominik Lapp)

Im September standen für mich – große Überraschung – keinerlei Events im Kalender. Im Oktober rockte ich mit den Bollock Brothers im Osnabrücker Rosenhof, sah die großartige Komödie „Das Geheimnis der Irma Vep“ im Osnabrücker emma-theater und ließ mich in Hamburg vom Musical „Ghost“ mitreißen, das mir in der Hansestadt viel besser gefallen hatte als im Jahr zuvor in Berlin.

Im November ging es für mich nach Oberhausen zu „Bat out of Hell“. Was für eine Show! Zwar mit einem ziemlich dürftigen Buch und flachen Dialogen, aber dennoch sehenswert – und ganz besonders hörenswert. Denn die Vorstellung lebte nicht nur von der grandiosen Ausstattung, sondern auch von der starken Rockmusik aus der Feder Jim Steinmans und den ebenso starken Darstellern (für mich am stärksten: Alex Melcher). Ein weiterer Höhepunkt folgte nur eine Woche später in Stuttgart, wo ich mit „Anastasia“ ein Musical sah, das perfekt umgesetzt wurde und sich mit der spannenden Handlung, fantastischen Bildern und gefälliger Musik als exzellentes Bühnenmärchen erwies.

Jahresrückblick 2018 (Foto: Dominik Lapp)

Weitere Bühnenhöhepunkte folgten. Das Jahr ausklingen ließ ich im Dezember mit einem Konzert der Musical Tenors in Hamburg, der neuen Show von „Holiday on Ice“ in Hannover und dem Abschiedskonzert von Falk+Sons in Düsseldorf. Gerade die Rückkehr der Musical Tenors hätte wohl nicht eindrucksvoller gelingen können. Older but not wiser? Vielleicht. Auf jeden Fall aber so stimmstark und mitreißend wie nie zuvor präsentierten sie sich in ihrem Konzert.

Bei „Holiday on Ice – Showtime“ zeigte sich, dass man sich nicht mal für Eiskunstlauf interessieren muss, um von der Show mitgerissen zu werden. Das lag vor allem wieder an der ausgeklügelten Dramaturgie und der perfekten Umsetzung der Eisshow. Denn hier griffen Musik, Licht, Projektionen, Effekte, Kostüme und Bühnenbild perfekt ineinander. Immer wieder wurde die riesige Eisfläche in neue schillernde Farben getaucht, erschienen andere Muster auf dem Eis, hoben bunte Lichtkegel die detailreichen Kostüme der Läufer in den Fokus. Diese optische Opulenz, kombiniert mit der emotionsgeladenen und spektakulären Choreografie, zeichnet ohnehin jede Show von „Holiday on Ice“ aus, weshalb ich mich jedes Jahr im Winter auf die neue Show freue.

Was waren eure Bühnenhöhepunkte 2018? Schreibt es mir auf Facebook oder Instagram. Ich bin schon jetzt gespannt, welche Bühnenhöhepunkte mich im kommenden Jahr erwarten.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".