Streaming (Foto: Dominik Lapp)
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Nach der Pandemie: Warum Streaming ein fester Bestandteil in der Kultur bleibt

Streaming. Dieses böse Wort. Könnte man zumindest meinen. Denn während es für uns schon lange normal ist, Filme und Serien bei Netflix, Amazon Prime Video, Disney+ oder über einen anderen Anbieter zu streamen, wird das Streaming teilweise immer noch verteufelt, sobald es sich um gestreamte kulturelle Veranstaltungen handelt. Warum eigentlich? Denn im Kulturbereich ist das Streaming gewiss keine pandemiebedingte Erfindung. Es ist lediglich stärker ins Bewusstsein der Menschen gerückt – und es gibt jetzt mehr Anbieter.

Aber Häuser wie die Wiener Staatsoper oder die Komische Oper Berlin haben schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie ihre Produktionen als Stream angeboten – nicht als Ersatz, sondern als Zusatzangebot zu den Live-Aufführungen. Auf Kultur-Streamings spezialisierte Plattformen wie OperaVision oder fidelio, die Streaming-Kinoreihen „Met Opera live im Kino“ oder „Royal Opera House im Kino“ gab es schon lange vor der Pandemie und erfreuten sich großer Beliebtheit.

Selbst Musicals wie „Billy Elliot“ wurden schon vor Jahren gestreamt. Oder erinnern wir uns doch einmal daran, dass bereits vor zehn Jahren, im Jahr 2011, das Jubiläumskonzert zum 25. Geburtstag von „The Phantom of the Opera“ aus der Londoner Royal Albert Hall weltweit live in Kinos gestreamt wurde – weil eben nicht jeder interessierte Mensch live in London dabei sein konnte. Die Fangemeinde, die damals ins Kino strömte, um diesem besonderen Streaming-Event beizuwohnen, war dankbar für diese Möglichkeit.

Warum also sollte man gestreamte Bühnenvorstellungen jetzt verteufeln? Und warum sollten sie nicht mehr funktionieren, wenn diese Pandemie irgendwann überstanden ist? Fakt ist, dass Streaming aktuell die einzige Möglichkeit ist, um überhaupt eine Theatervorstellung oder ein Konzert sehen zu können. Ich gebe zu: Nach mehr als einem Jahr der Pandemie werde auch ich langsam müde, Theater und Konzerte nur noch als Stream zu erleben (und darüber zu schreiben). Ich kann es nachvollziehen, wenn Menschen sagen, dass ihnen bei Streams das Live-Erlebnis fehlt. Deshalb habe ich im vergangenen Jahr auch die Chance genutzt und zwischen Ende Mai und Ende Oktober, als einige Bühnen wieder spielen durften, rund 30 kulturelle Veranstaltungen besucht – bis dann im November die Theater erneut schließen mussten.

Allerdings argumentieren die Streaming-Gegner immer damit, dass eben dieses Live-Erlebnis durch einen Stream nie ersetzt werden kann. Das stimmt. Aber ich möchte diesen Gegnern sagen: Streamings versuchen doch gar nicht, Live-Aufführungen zu ersetzen, sondern ergänzen sie. Vielmehr ist es doch so, dass es in Zeiten von geschlossenen Theatern und Konzertsälen nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder man sieht sich einen Stream an oder man verzichtet gänzlich auf Kultur. Irgendwann werden wir wieder Live-Kultur genießen können. Und ich bin mir sicher: Streaming-Angebote, vielleicht mehr als noch vor der Pandemie, wird es weiterhin geben.

Streaming (Foto: Dominik Lapp)

Streaming ersetzt Live-Kultur nicht. Das will es auch nicht. Nach der Pandemie wird Streaming aber eine willkommene Ergänzung sein. Deshalb bin ich mir sicher, dass es vermehrt Hybridveranstaltungen geben wird, also Live-Veranstaltungen mit Publikum, die zusätzlich gestreamt werden – entweder live oder als Video-on-Demand im Nachgang. Warum? Ganz einfach: Wie oft waren wir in der Vergangenheit schon auf einem Konzert und haben uns danach ein Video davon gewünscht? Es gab in der Vergangenheit sogar Petitionen, um Musicalaufführungen wie „Rebecca“ von Michael Kunze und Sylvester Levay auf DVD zu festzuhalten. Wie oft haben wir nach einem Konzert- oder Musicalbesuch schon vor dem Laptop gesessen und uns auf Youtube (illegale) Mitschnitte von fragwürdiger Qualität angesehen? Wäre es nicht viel schöner, wenn man künftig ein tolles Konzerterlebnis künftig noch einmal Revue passieren lassen könnte, indem man sich einen professionellen Mitschnitt mit perfekter Bild- und Tonqualität als Video-on-Demand ansieht?

Manchmal hat man auch keine Zeit, nicht die nötigen finanziellen Mittel oder kann keinen Urlaub für eine besondere Veranstaltung nehmen, muss dank Streaming-Alternative aber nicht komplett verzichten. Vielleicht ist man auch nicht mobil oder hat keine Lust, von Hamburg 800 Kilometer nach Füssen zu fahren, um sich dort im Festspielhaus ein Musical oder Konzert anzusehen. Es gibt Menschen, die aufgrund von Krankheit oder körperlicher Beeinträchtigung solche Touren nicht auf sich nehmen können oder – gerade nach den Erfahrungen mit der Corona-Pandemie – keine Lust mehr haben, mit fremden Leuten in einem Saal zu sitzen. Diesen Menschen bliebe der Besuch kultureller Veranstaltungen verwehrt. Mit Streaming gäbe es aber eine Möglichkeit für sie – und Veranstalter könnten eine ganze neue Zielgruppe zusätzlich erreichen.

Manchmal gibt es auch einen ganz banalen Grund, warum wir eine Veranstaltung nicht besuchen können: Es gibt nur einen einzigen Termin, der schon lange ausverkauft ist. Wer schon mal versucht hat, noch ein Ticket für schnell ausverkaufte Events wie die Tecklenburger Pfingstgala, die Sommernacht des Musicals in Dinslaken oder ein Konzert von Musicalstar Jan Ammann zu bekommen, weiß wohl zu gut, was gemeint ist. Auch in diesen Fällen wäre ein Streaming der jeweiligen Veranstaltung zwar kein Ersatz, aber ein willkommenes Zusatzangebot. Und den Veranstaltern würde es neben Zusatzeinnahmen – die sie nach dieser Pandemie dringend benötigen – die Möglichkeit geben, eine echte Alternative zu den vielen verwackelten Handyaufnahmen zu schaffen, die man so auf Youtube findet.

Aus diesen Gründen bin ich mir sicher, dass Streaming nach der Pandemie eine reale Chance haben kann. Außerdem kann man diesen Bereich noch weiterentwickeln, so wie es zum Beispiel das Staatstheater Augsburg – das erste Theater Deutschlands mit einer Digitalisierungsbeauftragten – bereits getan hat: Man kann reine Streaming-Events als Virtual-Reality-Erlebnis anbieten und sich weg von statisch abgefilmten Bühnenvorstellungen hin zu eigenständigen kleinen Filmen bewegen und dem Publikum völlig neue Blickwinkel eröffnen.

Warum ein Musical von der Bühne abfilmen, wenn man doch genauso gut ein echtes Filmerlebnis schaffen kann? Auch Kulturschaffende sollten sich mit Digitalisierung auseinandersetzen und erkennen, welche Chancen sie bietet. Das Publikum wiederum darf dann selbst entscheiden, was es kauft und was nicht. Streaming sollte aber nicht pauschal verteufelt, sondern als Ergänzung angesehen werden, die sowohl Kulturschaffende als auch Kulturkonsumierende nutzen können – aber nicht müssen. Das Publikum für gestreamtes Theater ist auf jeden Fall da, wie zum Beispiel Disney+ mit Musicals wie „Newsies“ oder „Hamilton“ im Angebot beweist. Im Herbst 2021 zieht Netflix mit dem Musical „Diana“ nach, das sogar zuerst bei dem Streamingdienst zu sehen ist, bevor es am Broadway auf die Bühne kommt. Und auch DVDs oder Blu-rays von Konzerten, Opern und Musicals haben sich schon lange vor der Pandemie verkaufen lassen – warum also kein Stream?

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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