„Hamilton“ (Foto: Dominik Lapp)
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Fantastisch im Stream: „Hamilton“ bei Disney+

Es darf sicher als kleine Sensation bezeichnet werden, dass eine Aufzeichnung des weltweit gefeierten Musicals „Hamilton“ beim Streamingdienst Disney+ veröffentlicht wurde. Für die Rekordsumme von 75 Millionen Dollar hat sich Entertainmentriese Disney die Ausstrahlungsrechte gesichert und wollte „Hamilton“ ursprünglich im Oktober 2021 ins Kino bringen. Aufgrund des Corona-Shutdowns entschieden sich Disney und Komponist Lin-Manuel Miranda letztendlich dafür, die Veröffentlichung vorzuziehen. Seit Juli 2020 ist „Hamilton“ nun bei Disney+ zu sehen und hat auch auf dem Bildschirm nichts von seiner Faszination verloren.

Am Broadway und im Londoner West End spielt dieses Phänomen von einem Musical – abgesehen vom derzeitigen Corona-Shutdown – vor ausverkauften Reihen. Durch das Streamingangebot haben nun alle die Chance, das Stück zu sehen, die es bislang nicht nach New York oder London geschafft oder kein Ticket bekommen haben. Aber auch für Wiederholungstäter und alle, die einmal die Originalbesetzung erleben wollen, eignet sich die Aufzeichnung. Denn aufgezeichnet im Juni 2016 im Richard Rodgers Theatre, bedeutet selbstverständlich auch, dass kein Geringerer als Komponist und Autor Lin-Manuel Miranda höchstpersönlich in der Titelrolle zu sehen ist.

Inspiriert durch Ron Chernows Biografie über Alexander Hamilton, erzählt Lin-Manuel Miranda in seinem Musical die Lebensgeschichte von Alexander Hamilton (1755-1804), der als außereheliches Kind auf einer karibischen Insel geboren wurde, nach Amerika auswanderte und dort eine wichtige Figur der amerikanischen Revolution wurde. Während des Unabhängigkeitskrieges stieg er zu George Washingtons oberstem Berater auf, wurde später Finanzminister in der ersten amerikanischen Regierung, gründete die Nationalbank und ebnete den Weg zur Geburt der Vereinigten Staaten von Amerika, bis er in einem Duell den Tod fand.

Das ist gewiss keine leichte Kost und ziemlich viel Geschichtsunterricht, der in dem durchkomponierten Werk in rund zweieinhalb Stunden durchgepeitscht wird. Was das Stück von anderen Historien-Musicals unterscheidet, ist die Tatsache, dass die Story im Straßenjargon erzählt wird und musikalisch von Hip-Hop, Rap und R’n’B geprägt ist, wobei auch Anleihen aus Jazz und Pop enthalten sind. Zu einer Geschichte, die von rebellierenden jungen Männern handelt, die sich von der britischen Unterdrückung befreien wollen, passt diese besondere Erzählform geradezu perfekt.

Als besonders interessant erweist sich bei der Musik, dass den einzelnen Charakteren verschiedene Musikstile zugeordnet sind. So liefern sich Alexander Hamilton, Aaron Burr und Thomas Jefferson starke Rap-Duelle, während den Schuyler-Schwestern Popsongs zugedacht sind, die von King George gesungenen Stücke an Popmusik im Stil der Beatles angelehnt wurden und der Song „What’d I miss“ von Jazz beeinflusst ist.

Genauso treffend wie die Musik sind die Texte von Lin-Manuel Miranda, die den Darstellern mit starker Durchschlagskraft im Schnellfeuerstil über die Lippen gehen – teilweise jedoch so schnell, dass selbst englische Muttersprachler Schwierigkeiten haben dürften, dem genauen Wortlaut zu folgen. Darunter leidet dann letztlich auch ein wenig die Handlung, weil diese aufgrund des durchkomponierten Erzählstils ausschließlich über die Songtexte erzählt wird und es keine unterstützenden Dialoge im klassischen Sinn gibt.

„Hamilton“ (Foto: Dominik Lapp)

Ein straffes Tempo geben zudem Regisseur Thomas Kail und Choreograf Andy Blankenbuehler vor. Vor allem die berauschende Choreografie mit ihren Hip-Hop-Moves erweist sich als herausragend, denn der von Blankenbuehler gewählte kraftvoll-energiegeladene Bewegungsstil visualisiert jede gespielte Note und jedes gesungene Wort ganz vortrefflich. Dabei nutzt er auch die Möglichkeiten der Drehbühne hervorragend.

Genial inszeniert sind die Nummern „Cabinet Battle #1“ und „Cabinet Battle #2“: Während der Kabinettssitzungen kommt es zu Wortgefechten zwischen Thomas Jefferson und Alexander Hamilton, die erst über die Vor- und Nachteile von Hamiltons Finanzplan und später darüber streiten, ob die Vereinigten Staaten Frankreich in seiner Revolution unterstützen sollten. Dabei treten sich die Kontrahenten mit Handmikrofonen gegenüber und liefern sich ein Rap-Battle, wie man es zum Beispiel von Rapper Eminem aus dem Film „8 Mile“ kennt.

Die männliche Darstellerriege wird von Lin-Manuel Miranda als Alexander Hamilton angeführt, der vollends zu überzeugen weiß. Mit leidenschaftlichem Spiel zeichnet er ein gelungenes Porträt von einem Politiker mit Stärken und Schwächen. In seiner Darstellung zeigt er Hamilton einerseits als Hitzkopf, der viel zu viel redet, weshalb ihm Aaron Burr wohl zu Recht „talk less, smile more“ rät. Andererseits gibt Miranda seinen Hamilton als einen scharfsinnigen und zielstrebigen Politiker, als einen intellektuellen und weitsichtigen Menschen. Vor allem aber auch gesanglich trifft Lin-Manuel Miranda voll ins Schwarze.

Doch Leslie Odom steht ihm als Gegenspieler in nichts nach. In der Rolle des Aaron Burr ist er nicht der klassische Bösewicht, sondern eine Art kommentierender Erzähler und fast durchgängig auf der Bühne, wo er wirklich jede Szene für sich nutzt. Odom gibt Burr schauspielerisch überzeugend heuchlerisch und hinterhältig und macht seine Songs mit markanter Stimme zu Höhepunkten zahlreicher Szenen. Noch dazu hat er mit „Wait for it“ und „The Room where it happens“ zwei der stärksten Nummern zu singen, die er exzellent interpretiert.

Jonathan Groff gibt King George III. als ulkigen Scherzkeks, der sich in England überhaupt nicht für die Belange in Amerika interessiert. Seine witzige Mimik und Gestik sowie sein Song „You’ll be back“ sind kleine Höhepunkte der Show. Als Marquis de Lafayette im ersten und als Thomas Jefferson im zweiten Akt gewinnt Daveed Diggs die Zuschauer mit starker Stimme und glühendem Schauspiel für sich. Eine solide Gesamtleistung bringt zudem Anthony Ramos als Soldat und Politiker John Laurens und später als Hamiltons Sohn Philip. Aus der weiblichen Darstellerriege stechen Phillipa Soo als Hamiltons emanzipiert-besonnene Ehefrau Eliza und Renée Elise Goldsberry als ihre Schwester Angelica Schuyler positiv hervor, die mit ihrem eindringlich dargebotenen Song „Helpless“ einen weiteren Höhepunkt setzen.

Es ist schon erstaunlich, und das wird auch bei der Aufzeichnung klar, wie bei „Hamilton“ Inszenierung, Choreografie, Bühnenbild und Lichtdesign zahnradähnlich ineinandergreifen und wie Mosaiksteinchen ein Gesamtbild erschaffen. Das Einheitsbühnenbild von David Korins ist zwar äußerst einfach gehalten, aber unglaublich funktionell. Es zeigt lediglich Klinkerwände sowie hölzerne Stege und Treppen. Doch durch Möbel und Requisiten, die von den Darstellern bewegt werden, entstehen immer wieder neue Handlungsorte, die nie überladen sind und so immer der Fokus auf den Charakteren bleibt. Hinzu kommen die zeitgemäßen Kostüme von Paul Tazewell, die das Publikum exzellent ins 18. Jahrhundert entführen, sowie das ausgeklügelte Lichtdesign von Howell Binkley, das durch unterschiedlichen Kolorit und immer neue Fokussierungen zahlreiche neue Räume schafft.

Eingefangen mit insgesamt sechs Kameras, lässt die Aufzeichnung von „Hamilton“ viele neue Perspektiven zu. Neben drei fest installierten Kameras sind auch Steadicam, ein Kran und ein Dolly genutzt worden, so dass die Szenen – die teilweise mit und teilweise ohne Publikum aufgezeichnet wurden – ganz hervorragend eingefangen werden konnten. Schnell wird klar: „Hamilton“ ist nicht ohne Grund eine heiß gehandelte Show in New York und London. Bleibt zu hoffen, dass die Theater die Corona-Krise überstehen, damit bald wieder Publikum live in den Genuss dieses einzigartigen Musicals kommen kann.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".