Deutscher Musical Theater Preis (Foto: Dominik Lapp)
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Deutscher Musical Theater Preis 2021: Liebe Musicalbranche, wir müssen reden!

Am 4. Oktober 2021 wurde zum sechsten Mal der Deutsche Musical Theater Preis von der Deutschen Musical Akademie verliehen. Unter der so genannten 2G-Regel war ein vollbesetzter Saal im Schmidts Tivoli in Hamburg möglich, Masken- und Abstandspflicht waren aufgehoben. Hey, was war das für ein Gefühl! Nachdem die Musicalbranche coronabedingt anderthalb Jahre brachlag, konnten wir uns wieder in die Arme fallen, endlich wieder miteinander lachen, feiern und das Genre, das wir alle so sehr lieben, aufleben lassen.

Aber, liebe Musicalbranche, wir müssen reden! Ich verstehe ja, dass wir uns viel zu erzählen hatten. Doch ist uns in den vergangenen anderthalb Jahren etwa unser gutes Benehmen verloren gegangen? Denn mal ehrlich: Auch wenn man sich über das Wiedersehen freut und viel zu erzählen hat, sollte man doch einfach mal die Klappe halten, wenn vier fantastische Künstlerinnen und Künstler – eure Kolleginnen und Kollegen – auf der Bühne stehen. Alex Avenell, Katrin Taylor, Anthony Kirby und Tobias Weis haben die Preisverleihung mit einem Medley der deutschen Musicalgeschichte eröffnet. Aber im Auditorium wurde trotzdem pausenlos geschnattert, geplappert, geplaudert (wer die Verleihung nur im Stream gesehen hat, hatte Glück, denn dort hat man das nicht gehört – live vor Ort aber schon).

Liebe Musicalbranche, das kann doch nicht sein! Vielleicht kennt ihr den Spruch: „Solange die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende.“ Und das gilt auch fürs Musical. Wenn sich zwei Damen und zwei Herren auf der Bühne präsentieren, sollten wir uns respektvoll verhalten und ihnen unsere Aufmerksamkeit schenken. Der Abend hatte also noch gar nicht richtig begonnen und ich musste mich schon das erste Mal ärgern.

Liebe Musicalbranche, leider wurde es nach der Pause nicht besser. Der zweite Teil des Abends wurde mit einem weiteren Show-Act eingeleitet. Michaela Bär und Benedikt Peters konnten mit ihrem Song aus „Wenn Rosenblätter fallen“ kaum gegen das Geplapper und Gelächter im Auditorium ansingen, auch Livio Cecini bekam für seinen Song aus „Der Name der Rose“ nicht die nötige Aufmerksamkeit, obwohl er fantastisch gesungen hat. Erst als Theresa und Nico Christahl ihren Song aus „Babytalk“ performten, war endlich Ruhe im Saal eingekehrt. Liebe Musicalbranche, sollte man Kolleginnen und Kollegen so behandeln?

Liebe Deutsche Musical Akademie, ihr seid der Interessenverband der deutschsprachigen Musicalbranche. Doch ich ärgere mich über euch. Denn das Musical ist ein ernst zu nehmendes Genre und – wie ich finde – das vitalste Genre des Theaters. Auch deshalb hat es dieses Genre verdient, mit Professionalität präsentiert zu werden. Wie am Abend der Preisverleihung die nominierten Produktionen und Personen in Bild und Ton auf eurer Leinwand teilweise präsentiert wurden, war aber leider nicht professionell, sondern dilettantisch. Die gezeigten Szenen nicht immer wirklich aussagekräftig, der Ton abgehackt. Was war da los? Geht das nicht professioneller? Wie Thomas Hermanns in seiner Moderation treffend anmerkte: Für die Bild- und Tonregie gibt es definitiv keinen Preis. Das war nichts.

Liebe Deutsche Musical Akademie, Musical ist Musiktheater. Mit Musiktheater verbinde ich was? Musik. Es ärgert mich, dass bei der sechsten Verleihung des Deutschen Musical Theater Preises immer noch zwei wichtige Kategorien fehlen: Beste Musikalische Leitung und Bestes Orchester. Gerade weil Musikalische Leitung und Orchester in der Öffentlichkeit und sogar in Rezensionen meist stiefmütterlich behandelt werden und Live-Musik in Musicals immer weniger wird. Ich habe mal vernommen, einen Preis für die Beste Musikalische Leitung würde es nicht geben, weil man diese Leistung so schwer beurteilen kann. Sollte das stimmen, frage ich euch: Wer sonst sollte die Arbeit einer Musikalischen Leiterin oder eines Musikalischen Leiters beurteilen können, wenn nicht ihr? Die Deutsche Musical Akademie besteht doch aus Fachleuten.

Liebe Deutsche Musical Akademie, dass es für die Beste Ensemble-Leistung einen Sonderpreis gab, hat mich gefreut. Aber auch geärgert. Warum? Wenn es in der Oper standardmäßig einen Preis für den Besten Opernchor gibt, muss es im Musical einen Preis für die Beste Ensemble-Leistung geben. Immer. Standardmäßig, nicht nur als Sonderpreis. Dass es darüber hinaus nur drei Nominierte je Kategorie gab, halte ich angesichts des Umstands, dass in diesem Jahr coronabedingt nicht die Produktionen des letzten Jahres, sondern der letzten zwei (!) Jahre ausgezeichnet wurden, für nicht ausreichend. Wenn dann für Beste Komposition zwei österreichische und eine schweizerische Produktion nominiert sind, wird das dem kompositorischen Schaffen der letzten zwei Jahre in Deutschland einfach nicht gerecht. Insbesondere nicht, wenn es nicht einmal eine Nominierung für Martin Lingnaus fantastische Komposition für „Goethe!“ gab.

Liebe Musicalbranche, just my two Cents. Nächstes Jahr ohne mich.

Text: Dominik Lapp

TIPP | Rezensionen zu „The Wave“ (5 Auszeichnungen), „Goethe!“ (3 Auszeichnungen), „Babytalk“ (1 Auszeichnung) und „Wenn Rosenblätter fallen“ (Nominierung) findet ihr bei uns im Magazin.

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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