Wietske van Tongeren und Femke Soetenga (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Wietske van Tongeren und Femke Soetenga: „Wir Holländer sind gut ausgebildet“

Die Niederländerinnen Wietske van Tongeren und Femke Soetenga stehen zurzeit im Musical „3 Musketiere“ in Tecklenburg auf der Bühne. Während Van Tongeren vor allem durch die Rolle der Ich in „Rebecca“ und als Kronprinzessin Stephanie in „Rudolf“ bekannt wurde, spielte Soetenga unter anderem Magda in „Tanz der Vampire“ und Lucy in „Jekyll & Hyde“. Die zwei jungen Frauen spielen zum ersten Mal in Tecklenburg und sprechen im Interview über die Fußballweltmeisterschaft, die schwierigen Wetterverhältnisse auf einer Freilichtbühne und darüber, warum niederländische Musicaldarsteller auch im Ausland so erfolgreich sind.

Haben Sie während der Proben- und Aufführungsphase in Tecklenburg eigentlich die Fußballweltmeisterschaft verfolgen können?
Wietske: Oh ja! Wir sind super fußballbegeistert. Am Tag des Endspiels (Niederlande – Spanien 0:1, Anm. d. Redaktion) habe ich zum Schlussapplaus orange Holzschuhe getragen…

Femke: …und ich hatte eine riesige orange Sonnenbrille auf.

Wietske: Auch wenn wir in Deutschland arbeiten, sind wir bei der WM natürlich für Holland. Und ich muss sagen, dass ich wirklich fast alle Spiele gesehen habe. Nicht nur in Tecklenburg, sondern auch zu Hause. Ich bin ein kleiner Fußball-Freak.

Femke: In Tecklenburg waren wir oft im Hotel Drei Kronen, wo wir viele Spiele gesehen haben – nicht nur Holland, auch Deutschland. Es ist schade, dass Holland nicht Weltmeister geworden ist…

Wietske: …aber das ging auch nicht, weil Femke und ich an dem Abend auf der Bühne standen und die Oranjes nicht anfeuern konnten. (lacht)

Femke: Interessant wurde es ja auch erst in der Verlängerung. Die haben wir dann sehen können.

Wie empfinden Sie die Atmosphäre in Tecklenburg?
Wietske: Es gefällt mir hier sehr gut. Es ist ein wirklich wunderschöner Ort. Zwar finde ich es auch schön, wenn ich mal rausfahren kann, weil Tecklenburg eben recht klein ist. Aber die Natur, die Luft, die Leute hier mag ich einfach sehr. Hier wird auf der Freilichtbühne eine ganz besondere Atmosphäre kreiert. Es ist so toll, dass so viele Ehrenamtliche hier mitmachen, die ihren Job mit Liebe und Herzblut machen. Das spüren wir als Darsteller, und das ist einfach unbeschreiblich. Wir sind hier alle recht schnell ein echtes Team geworden – und das ist so toll.

Femke: Tecklenburg hat einen sehr guten Ruf, was Musicals angeht. Und für uns ist es wirklich super, dass wir hier mal arbeiten dürfen. Es gab hier von Anfang an ein sehr starkes Wir-Gefühl. Nicht nur unter den Hauptdarstellern, sondern bei allen – Ensemble, Chor, Orchester, die Leute hinter und vor der Bühne. Man merkt einfach, dass wir alle zusammen etwas Gutes kreieren wollen. Wir sind alle vor der Vorstellung aufgeregt und nach der Vorstellung begeistert, weil wir zusammenhalten und gemeinsam diese Show machen wollen. Das ist etwas ganz Besonders.

Wietske: Ja, das finde ich auch. Und auch das Wetter macht die Arbeit in Tecklenburg so interessant. Heute habe ich zum Beispiel wieder meine warmen Stiefel an, da es doch etwas kälter ist. Wir haben im Regen und bei Sonne geprobt und gespielt, von sechs Grad minus bis 35 Grad plus…

Femke: …sechs Grad minus?! Jetzt übertreibst du aber. (lacht)

Wietske: Ja, aber es fühlte sich so an. (lacht) Es war zum Teil wirklich schweinekalt. Ich finde allerdings, dass es auch mal eine schöne Erfahrung ist, die man nur open air machen kann.

Femke: „3 Musketiere“ eignet sich natürlich auch sehr gut für die Tecklenburger Bühne. Dieses Stück schafft einfach eine unbeschreibliche Atmosphäre, die uns sehr gut gefällt.

(Foto: Dominik Lapp)

Das Wetter ist ein gutes Stichwort: Es ist sicher schwer, bei solch starken Temperaturschwankungen zu spielen. Wie schonen Sie sich, um nicht krank zu werden?
Wietske: Die Kälte finde ich gar nicht so schlimm. Die Hitze ist viel schlimmer.

Femke: Das finde ich auch.

Wietske: Man muss einfach dafür sorgen, dass man sich nicht zu lange in der Sonne aufhält, damit der Mund nicht austrocknet. Und man muss viel trinken. Wobei Femke da noch besser ist als ich. Femke sagt immer: Trinken, trinken, trinken!

Femke: Bei mir kommt natürlich noch hinzu, dass ich auch Fechtszenen habe, die sehr anstrengend sind. Da muss ich viel trinken. Bei meinem ersten Song „Milady ist zurück“ habe ich auch gar keine Zeit, um mal durchatmen zu können. Das ist eine Powernummer, bei der ich aufpassen muss, dass der Mund nicht so schnell austrocknet. (lacht) Wir müssen einfach viel trinken und zwischendurch mal ein Bonbon lutschen.

Was ist für Sie der größte Unterschied zwischen einer Freilichtbühne und einem Theatergebäude?
Wietske: Jede Produktion hat ihren eigenen Charme. Ein Unterschied ist natürlich die Probenzeit. Bei Long-Run-Produktionen gibt es eigentlich immer lange Probenzeiten, während es hier sehr kurz war. Und sonst spielen wir meistens sechs Shows pro Woche, hier in Tecklenburg aber nur am Wochenende, also drei Shows. Das ist natürlich auch nicht einfach. Wir sind von Montag bis Donnerstag raus aus unseren Rollen und müssen am Wochenende wieder voll auf sie fokussiert sein.

Femke: Ein großer Unterschied ist natürlich auch die Natur. Wir beginnen mit der Show bei Sonnenschein und im Laufe des Abends wird es immer dunkler. Wir haben einen Sonnenuntergang, Wind raschelt durch die Blätter, Vögel fliegen ab und zu vorbei – das sind alles Dinge, die man in einem normalen Theater als Darsteller und auch als Zuschauer so nicht erleben kann. In Tecklenburg haben wir außerdem keine Einzelgarderoben. Aber das ist echt nicht so wichtig.

Wietske: Das finde ich auch. Ich wollte nie eine Einzelgarderobe haben.

Femke: Eine gemeinschaftliche Garderobe stärkt auch das Wir-Gefühl, von dem wir vorhin schon gesprochen haben.

Wietske: Ein weiterer Unterschied zum normalen Theater ist auch das Publikum. Hier kommen die Leute mit ihren Kühlboxen an und machen Picknick. Und es ist auch so schön, wenn man die Leute zwei Stunden vor der Show im Ort sieht mit ihren Decken und Sitzkissen…

Femke: …da weiß man dann sofort, dass die heute alle in die Show gehen.

Wietske: Ja, da geht man gleich mit guter Laune zur Arbeit, wenn man die ganzen Leute sieht.

(Foto: Dominik Lapp)

Es gibt einige niederländische Musicaldarsteller, die im deutschsprachigen Raum sehr erfolgreich sind. Woran kann das liegen? Sind Niederländer vielleicht besser ausgebildet im Musicalbereich?
Femke: Ich denke, wir Holländer sind gut ausgebildet. Es liegt vielleicht auch daran, dass die im Musicalbereich sehr verbreitete Belting-Technik in Holland früher bekannt war und somit auch früher gelehrt wurde. Es gibt ein paar sehr gute Gesangslehrer, die wir in Holland haben, bei denen eigentlich alle holländischen Musicaldarsteller Unterricht hatten. Vielleicht hat es aber auch etwas mit der Sprache zu tun. Wir Holländer tun uns oftmals nicht schwer mit der deutschen Sprache, so dass es Sinn macht, auch in Deutschland zu arbeiten.

Wietske: Ich habe mich schon oft gefragt, warum einige Holländer gerade auch in Deutschland so erfolgreich sind. Ich habe ja auch die Titelrolle in “Elisabeth“ gespielt, und wenn man mal zurückschaut, spielten viele Holländer diese Rolle (z.B. auch Pia Douwes, Maya Hakvoort, Annemieke van Dam, Anm. d. Redaktion). Wir sind auf jeden Fall sehr fleißige Frauen in Holland. Aber ob es das ausmacht? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es auch nur Zufall.

Könnte es denn auch damit zu tun haben, dass mit Stage Entertainment ein Unternehmen mit niederländischen Wurzeln Musical-Marktführer in Deutschland ist und deshalb gern Leute aus dem Land des Mutterkonzerns verpflichtet werden?
Wietske: Das denke ich nicht.

Femke: Ich auch nicht. Ich war sowieso lange nicht mehr in einer Produktion von Stage Entertainment.

Wietske: Und ich bin eher ein Wien-Kind. (lacht) Ich habe lange in Wien gearbeitet. Wir sind auch so viele gute Leute in Holland. Wir müssen raus – nach Deutschland oder Österreich. Wir sind wie Ameisen und breiten uns aus. (lacht)

Femke, als Milady de Winter in „3 Musketiere“ treten Sie in die Fußstapfen von Pia Douwes, die diese Rolle einst in Rotterdam kreiert hat und auch in Deutschland spielte. War das für Sie ein schweres Erbe?
Femke: Natürlich war es ein schweres Erbe, da Pia diese Rolle damals kreiert hat und viele Menschen sie in dieser Rolle kennen. Aber ich bin ja eine ganz andere Person als Pia. Also habe ich meine Milady auch anders angelegt. Zusammen mit unserem Regisseur Marc Clear habe ich versucht, die Rolle bestmöglich darzustellen. Selbstverständlich habe ich versucht, meine Rolle für mich zu kreieren, neu zu interpretieren und keinesfalls zu kopieren. Von daher wäre es schade, wenn Leute es so betrachten würden, als hätte ich die Rolle kopiert. Denn ich bin stolz auf das, was ich hier abliefere. Und ich bin der Meinung, meine Interpretation der Milady ist anders, aber nicht besser oder schlechter.

Wietske van Tongeren und Femke Soetenga (Foto: Dominik Lapp)

Wietske, nach der Titelrolle in „Elisabeth“ und der Kronprinzessin Stephanie im Musical „Rudolf“ spielen Sie nun als Königin Anna in „3 Musketiere“ erneut eine Adlige. Suchen Sie sich bewusst solche historischen Rollen aus, für die Sie sich bewerben?
Wietske: Ich habe neulich mal gelesen, dass jemand fragte, ob ich meine Rollen aussuche oder meine Rollen mich aussuchen. (lacht) Ich weiß es nicht. Irgendwie habe ich es mit den Habsburgern – ich  war die Kaiserin Elisabeth und die Kronprinzessin Stephanie. Ich sage immer, ich habe die Nase für solche Rollen. Aber das kam einfach auf mich zu, wie jetzt auch die Rolle der Königin Anna. Ich wurde gefragt, ob ich die Königin Anna spielen möchte. Also denke ich, dass mir adlige Rollen wohl ganz gut stehen. Aber ich bin natürlich auch offen für andere Rollen. Ich würde sehr gern auch mal etwas Witziges spielen.

Femke: Angebote bitte per E-Mail an Wietske. (lacht)

Wie war für Sie in Tecklenburg die Zusammenarbeit mit Marc Clear, einem Regisseur, der gleichzeitig auch Darsteller ist?
Wietske: Es ist schon anders als mit einem Regisseur, der sich nur auf die Regie konzentriert. Aber es hat natürlich den Vorteil, dass Marc das Stück in- und auswendig kennt, da er es schon etliche Male gespielt hat. Er wusste genau, was er wollte. Gerade für Femke und mich war es sehr wichtig, dass er uns führen konnte, da wir das Stück noch nie zuvor gespielt haben. Und ich finde, er hat es sehr gut gemacht. Für die Freilichtbühne hat er aus diesem Stück seine eigene Fassung gemacht, in der wir uns alle sehr wohl fühlen.

Femke: Ich habe mit Marc auch eine gemeinsam Szene, und wenn ich mit ihm gearbeitet habe, habe ich immer versucht, ihn als Regisseur zu sehen – außer in unserer einen gemeinsamen Szene. Da habe ich ihn nicht mehr als Regisseur, sondern in seiner Rolle als Athos gesehen. Das war natürlich – sicher auch für Marc – immer ein Balanceakt. Aber er hat es gut hinbekommen.

Warum muss man „3 Musketiere“ in Tecklenburg unbedingt gesehen haben?
Wietske: Weil man sonst ein supertolles Musical verpasst! Die Rückmeldungen, die wir von den Zuschauern bisher erhielten, waren alle sehr positiv. Die waren alle begeistert. Ich habe das Gefühl, dass es wirklich ein Stück ist, das die Leute berührt. Es ist witzig, spannend, traurig, und es gibt tolle Musik. Die ganze Atmosphäre der Freilichtbühne passt einfach hervorragend zu den “3 Musketieren“, und deswegen sollte niemand diese Show verpassen.

Femke: Na toll, was kann ich denn jetzt noch dazu sagen? (lacht) Ich denke einfach, dass wir Darsteller uns so sehr in das Stück reinhängen, dass es auch beim Publikum ankommt. Das Publikum merkt, mit welchem Spaß wir das Stück spielen – und das überträgt sich auf die Leute. Das muss man einfach live erlebt haben.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und das Streaming-Konzert "In Love with Musical".

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