Foto: Johan Persson, Disney
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Ein Meisterwerk ist zurück: Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“ in Berlin

Er ist zurück! Quasimodo, der bucklige Glöckner läutet wieder die Glocken Notre Dames in Berlin. Dort, wo im Juni 1999 alles angefangen hat. In der überarbeiteten Fassung überzeugt das Disney-Musical jetzt im Theater des Westens noch viel mehr als es damals die Uraufführungsproduktion im mittlerweile geschlossenen Theater am Potsdamer Platz konnte. Neue Cast, neues Theater, neue Ausstattung, neues Buch von Peter Parnell und die nach wie vor großartige Musik von Alan Menken – alles passt perfekt bei Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“.

Die Urfassung von 1999 krankte vor allem an dem recht kahlen Bühnenbild, das aus schwarzen Quadern bestand, die hydraulisch gehoben und gesenkt werden konnten und auf die die jeweiligen Szenenbilder lediglich projiziert wurden. In der Neufassung zeigt das Bühnenbild von Alexander Dodge jetzt das imposante Innere eines Glockenturms, das sich auf insgesamt vier Bühnentürme mit jeweils zwei bespielbaren Ebenen verteilt. Während die hinteren Türme vor allem dem 24-köpfigen Chor als Bühne dienen, werden die vorderen Türme stärker von Ensemble und Solisten bespielt. Ein optischer Höhepunkt sind zudem die sieben Glocken in drei Größen und die sehenswerten, sich ebenfalls von der 1999er Inszenierung unterscheidenden Kostüme von Alejo Vietti.

Mit verschiebbaren kleineren Bühnenelementen, Requisiten, Bühnennebel und einem sehr ausgeklügelten Lichtdesign von Howell Binkley werden zwischen den Türmen alle weiteren Szenen dargestellt – oftmals mit einfachsten Mitteln. Denn hier liegt eine weitere Änderung: In der neuen Version unter der Regie von Scott Schwartz wird die Handlung von einer Wandertheatertruppe erzählt, so dass zum Beispiel mithilfe von Kirchenbänken und Balustraden ein Verlies, Pariser Straßenzüge, der Hof der Wunder oder der Außenbereich Notre Dames stilisiert dargestellt wird. Der Zigeunerkönig Clopin, der in der Urfassung als Erzähler fungierte, hat diesen Erzählpart jetzt an das Ensemble abgegeben.

Insgesamt orientiert sich das Stück näher am Roman von Victor Hugo und wurde von Disneys Filmvorlage losgelöst. Deshalb sind auch die drei aus dem Film bekannten lustigen Wasserspeier gestrichen worden, was dem Stück mehr Ernsthaftigkeit verleiht. Ihre Texte werden in der neuen Version vom Ensemble gesungen – mit Ausnahme des Songs „Ein Mann wie du“, der ersatzlos gestrichen wurde. Die Handlung wird jetzt stringenter erzählt und ist durch die Änderungen wesentlich düsterer, was dem Stück sehr zugute kommt.

Was ebenfalls nicht unangetastet blieb, ist die fantastische Musik von Oscar-Preisträger Alan Menken. Einige Songs wurden verändert, andere gestrichen oder durch neue ersetzt. Das für eine Stage-Entertainment-Produktion mal überraschend große Orchester mit 15 Musikern unter der Leitung von Shay Cohen wird Menkens Partitur mehr als gerecht und trägt die Bühnendarsteller exzellent durch die Handlung.

Insgesamt überwiegen in der Musik sehr schwermütige Klänge, zum Beispiel direkt zu Beginn in den Nummern „Olim“ und „Der Klang von Notre Dame“, aber auch in Frollos Solo „Das Feuer der Hölle“, im „Entr’acte“ oder dem „Finale Ultimo“. Doch gibt es auch wunderbare Balladen wie Quasimodos „Draußen“ und „Das Licht des Himmels“, Esmeraldas „Hilf den Verstoß’nen“ oder das emotionale, zuversichtlich stimmende Duett „Einmal“, bei dem die früheren Ensembleparts gestrichen wurden. Die symphonischen Klänge mit prägnantem Leitmotiv, die stimmstarken Ensemblenummern und lateinischen Choräle entwickeln eine unglaubliche Kraft und Intensität und zählen zu dem Besten, was Alan Menken je komponiert hat.

Regisseur Scott Schwartz versteht es, die Story sehr bündig und einleuchtend zu erzählen – losgelöst von jeglichem Disney-Kitsch und dennoch mit einigen witzigen Momenten gespickt. Ihm zur Seite steht dabei mit Chase Brock ein fähiger Choreograf, der für Szenen wie „Drunter drüber“ herrlich anzuschauende Schrittfolgen kreiert hat.

Während dem Glöckner Quasimodo in der Urfassung Verwachsungen ins Gesicht geklebt wurden, hat man darauf inzwischen gänzlich verzichtet. Vielmehr steht Jonas Hein in der Rolle des Titelhelden jetzt vor der großen Herausforderung, durch entsprechendes Mienenspiel, Gestikulation und Körperhaltung den körperlich beeinträchtigten Quasimodo darzustellen, was ihm absolut perfekt gelingt. Er ist zu jeder Zeit eins mit seiner Rolle und hat im wahrsten Sinne des Wortes – und damit ist nicht nur der aufgeschnürte Buckel gemeint – das schwerste Päckchen zu tragen. Sein Schauspiel ist authentisch, berührend, emotional und fesselnd und seine Entwicklung vom unterdrückten Ziehsohn zum aufopfernden Helden, der sich gegen seinen Ziehvater stellt, geradezu sensationell. Auch gesanglich überzeugt er mit jedem gesungenen Ton. Während er in die glockenklar interpretierten Balladen „Draußen“ und „Das Licht des Himmels“ besonders viel Gefühl legt, läuft er bei dem Song „Aus Stein“ zu stimmlichen wie darstellerischen Hochtouren auf, wofür ihn das Publikum verdientermaßen feiert.

Ebenfalls eine Glanzleistung vollbringt Felix Martin in der Rolle von Quasimodos Ziehvater Frollo. Er ist durch und durch ein herrschsüchtiger Bösewicht mit kohlrabenschwarzer Seele, dem die Zerrissenheit zwischen seinem Hass auf Zigeuner und der Faszination für die Zigeunerin Esmeralda geradezu ins Gesicht geschrieben ist. Sein mit dunkel legierter Stimme gesungenes und Mark und Bein erschütterndes Solo „Das Feuer der Hölle“ erweist sich als ein musikalischer Höhepunkt des Abends.

Eine wunderbare Bühnenpräsenz hat ebenso Sarah Bowden als Esmeralda, die nicht nur tänzerisch auftrumpfen kann, sondern auch mit ihrem klaren Sopran aufhorchen lässt. Ihr Zigeunermädchen ist rassig, schlagfertig sowie kess und das Zusammenspiel mit Maximilian Mann als Hauptmann Phoebus gelingt Bowden perfekt. Auch stimmlich harmonieren beide sehr gut, insbesondere in dem wunderschönen Duett „Einmal“, in dem Esmeralda und Phoebus von einer Welt ohne Krieg und Hass träumen.

Jens Janke gibt wie schon 1999 perfekt den Zigeunerkönig Clopin. Weil der Song „Tanz auf dem Seil“ gestrichen wurde und Clopin nicht mehr als alleiniger Erzähler fungiert, sondern diesen Part größtenteils ans Ensemble abgegeben hat, fällt die Rolle nach der Überarbeitung zwar etwas kleiner aus, doch wurde der Charakter tiefgründiger herausgearbeitet. Janke gelingt es, Clopin nicht mehr nur als quirligen Harlekin darzustellen, sondern als ernst zu nehmenden, fast schon gefährlichen König der Zigeuner. In dieser Rolle ist er schauspielerisch top und kann mit seinem sicheren Tenor gesanglich vollends überzeugen.

Neben den fünf Solisten müssen außerdem das Ensemble und der Chor positiv erwähnt werden. Selbst kleinere Rollen wurden mit starken Darstellern wie Tim Reichwein als Frollos Bruder Jehan, Kristina Love als dessen Frau Florika oder Romeo Salazar als St. Aphrodisius besetzt. Alle Künstler verschmelzen zu einer homogenen Einheit und garantieren einen Musicalbesuch auf höchstem Niveau.

Die Überarbeitungen haben dem Musical letztendlich sehr gutgetan und lassen den „Glöckner von Notre Dame“ düsterer und ernster erscheinen als die Urfassung von 1999 oder den Disney-Film. Angesichts des pompösen Bühnenbilds, der überwältigenden Musik, der traumhaften Cast und der dramatischen Geschichte darf das Stück ohne Frage als Meisterwerk bezeichnet werden, das viel zu lange von der Bühne verschwunden war und dem nun hoffentlich der Weg für viele weitere Inszenierungen geebnet wurde. Ein Besuch lohnt sich in jedem Fall.

Text: Dominik Lapp

Tipp | Lesen Sie hier ein Interview mit Clopin-Darsteller Jens Janke

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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