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Interview mit Jens Janke: „Der Glöckner liegt mir sehr am Herzen“

Er ist einer der profiliertesten Musicaldarsteller Deutschlands: Jens Janke hat in unzähligen Musicals und Operetten mitgewirkt, etliche Rollen kreiert und spielt aktuell den Clopin in Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“. Schon bei der Uraufführung vor 18 Jahren stand er in ebendieser Rolle auf der Bühne. Im Interview spricht er über seine Rückkehr zum „Glöckner“, Parallelen zwischen Stück und Realität, die Erarbeitung seiner Rolle und darüber, was sich in den letzten 18 Jahren verändert hat.

Sie haben schon 1999 zur Uraufführungscast von Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“ gehört. Was ist in den letzten 18 Jahren, die seitdem vergangen sind, passiert? Welche Ereignisse oder Rollen sind bei Ihnen noch besonders präsent?
18 Jahre sind ein langer Zeitraum, in dem sich mein Leben natürlich sehr geändert hat. In dieser Zeit habe ich geheiratet, meine Frau und ich haben eine Tochter bekommen, wir sind mehrfach umgezogen, haben eine Wohnung in Prenzlauer Berg gekauft. Das ist ein ganz grober Abriss von dem, was privat in dieser Zeit passiert ist. Aber auch beruflich gab es viele Highlights. Weitere deutsche Erstaufführungen wie „42nd Street“, „Titanic“ oder das berührende Weltkriegsdrama „Gefährten“. Natürlich immer mal wieder den guten alten Professor Abronsius in „Tanz der Vampire“, Klassiker wie „Cats“ oder „Chicago“. Mit dem Heranwachsen meiner Tochter habe ich mich aber irgendwann mehr in Richtung Stadttheater orientiert, weil die Rahmenbedingungen dort besser mit meinem Privatleben zu vereinbaren sind.

Verständlich. Wobei Stadttheater-Engagements natürlich auch viel Reiserei bedeuten.
Das stimmt. Und während der Probenzeit von sechs oder sieben Wochen bin ich in der Regel auch komplett von zu Hause weg und kann zwischendurch nicht zur Familie. Aber nach der Premiere sind es am Stadttheater oftmals nur vier oder fünf Vorstellungen im Monat, die ich spielen muss – und ich bin die übrige Zeit in Berlin. Außerdem konnte ich am Stadttheater wunderbare Stücke spielen, die leider keinen Platz in der En-suite-Landschaft Deutschlands gefunden haben, wie zum Beispiel „Me and my Girl“, „Crazy for You“, „Anything Goes“ oder auch die wunderbaren Paul-Abraham-Operetten, die ich an der Oper Dortmund gespielt habe.

Jetzt wird derGlöckner“ in einer neuen Bearbeitung gezeigt. Was sind die größten Änderungen am Stück?
Das Buch selbst wurde sehr stark verändert. Es hat eine ganz neue Dramaturgie, eine ganz neue Herangehensweise an das Thema. Es gibt neue Szenen und Umstellungen in der Reihenfolge der Musiknummern – einige wurden ganz herausgenommen, dafür kamen andere hinzu. Sogar neue Charaktere wie Frollos Bruder Jehan kamen dazu. Andere, die drei Wasserspieler, fielen dem Strich zum Opfer. Das Regiekonzept ist ein neues und spannendes. Passionsspiele ist ein Stichwort, das unser Regisseur Scott Schwartz mal fallen gelassen hat, und ich finde, das trifft es sehr gut. Leute kommen zusammen, um eine bedeutende Geschichte zu erzählen und aufzuführen. Das Bühnenbild ist natürlich auch völlig anders als vor 18 Jahren, viel greifbarer, viel realer. In der Uraufführungsversion war das Bühnenbild eher abstrakt mit bewegenden Hubpodien und Projektionen. Neu ist auch die Choreografie. Aber was zum Glück geblieben ist, ist die fantastische und einzigartige Musik von Alan Menken.

Wo ist für Sie als Darsteller der Unterschied, ob man in einem eher greif- und erlebbaren Bühnenbild oder auf sich bewegenden Würfeln spielt?
In dem neuen Bühnenbild klettern wir zwar auch herum, aber es ist nicht so gefährlich wie damals mit den Würfeln. Vom Spiel her macht es für mich aber keinen Unterschied.

Aber hilft das neue Bühnenbild einem Darsteller, besser in die Story abzutauchen? Bei den schwarzen Würfeln brauchte man sicher viel Fantasie.
In die Geschichte einfühlen konnte ich mich sowohl im alten Set als auch jetzt im neuen. Auch im neuen Bühnenbild wird viel nur angedeutet und wir behelfen uns mit Bänken und Geländern, um neue Räume zu bauen. Hier ist also nach wie vor ein bisschen Fantasie gefragt – aber das macht ja sowohl für den Schauspieler als auch für den Zuschauer den Reiz des Theaters aus. Außerdem helfen Text und Musik sehr, um in die jeweilige Situation einzutauchen. Die sind sehr konkret und geben eine Menge vor, sowohl inhaltlich als auch emotional. Und wir tragen quasi zeitgenössische Kostüme, was das Spiel stark unterstützt.

Über die neue Version ist immer wieder zu lesen, dass der „Glöckner“ erwachsen geworden ist. Was ist dran an dieser Aussage?
Ja, das haben einige Kritiker geschrieben. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich erwachsener geworden ist. Sicherlich ist das Stück aber gewachsen und orientiert sich jetzt stärker am Roman als an dem Disneyfilm. Es ist düsterer geworden, die Wasserspeier als komisches Element wurden herausgenommen. Ich glaube, auch inhaltlich ist es heute relevanter als vor 18 Jahren.

Die Wasserspeier sind raus. Aber Clopin gibt es noch. Das ist Ihre Rolle, die Sie schon vor 18 Jahren gespielt haben. Wer ist Clopin?
Clopin ist der König der Zigeuner. Früher war er der König der Zigeuner und der Erzähler, aber der Erzählerpart ist auf das Ensemble übergegangen. Als Zigeunerkönig ist er eine Art Gegenspieler des Domdekans Frollo, der alles Fremde hasst und verfolgen lässt. Clopin ist der Beschützer von Esmeralda und allen Ausgestoßenen und Flüchtlingen, die im Wunderhof Zuflucht suchen.

Ist Clopin ein Freund von anderen Charakteren oder Einzelgänger?
Er ist tatsächlich eher Einzelgänger. Unser Regisseur Scott Schwartz wollte Clopin deutlich dunkler haben als er es in der Urversion war, in der er mehr der Unterhalter und Spaßmacher war. In Nummern wie „Drunter drüber“ ist er das zwar jetzt auch noch, aber ein bisschen gezwungenermaßen. Um zu überleben, bleiben den Zigeunern – die ich übrigens nur so nenne, weil wir sie im Stück so nennen – wenige Möglichkeiten: Sie können stehlen, sie können tanzen, sie können sich prostituieren, aber einem regulären Beruf dürfen sie nicht nachgehen. Clopins Alleinstellungsmerkmal und Talent ist, dass er eine Art Showmaster ist und die Massen begeistern kann. Aber er macht er das nicht mit Freude. Es macht ihn auch nicht glücklich. Er tut es lediglich, um zu überleben. In anderen Nummern ist er dann richtig finster und kann sehr schnell vom lustigen Gesellen zum gefährlichen Halunken umschalten. Plötzlich hält er einem ein Messer an die Kehle – damit hat er gar kein Problem. Und König der Zigeuner ist er sicher auch nur geworden, weil er eine gewisse Härte bewiesen hat, vielleicht hat er sogar dafür getötet. Damit ist Clopin jetzt ganz anders als im Film oder in der ersten Bühnenversion. Und trotz allem nimmt er seine Beschützerrolle für die Bewohner des Wunderhofs wahr: „Wir lassen keinen von uns zurück!“

Das sind sehr interessante Ausführungen zu Ihrer Rolle. Sie haben ja noch im Kopf, wie die Rolle 1999 angelegt war und was der Regisseur damals von Ihnen verlangt hat. Konnten Sie sich denn jetzt in der Probenarbeit mit Scott Schwartz gedanklich komplett freimachen und neue Dinge annehmen oder hatten Sie immer noch im Kopf, wie es damals war?
Am Anfang hatte ich immer noch im Hinterkopf, wie es damals war. Es war ja eine schöne und prägende Zeit für mich. Ich bin immer mal wieder in alte Texte zurückgefallen, die mir selbst nach 18 Jahren noch sehr vertraut waren. Ich habe die Rolle damals zweieinhalb Jahre gespielt und so haben sich diese Texte bei mir wirklich eingebrannt. Das war am Anfang also tatsächlich ein Hindernis, das es zu überwinden galt. Letztendlich war es gut, dass Scott charakterlich etwas deutlich Anderes wollte, weil ich so in eine ganz neue Richtung arbeiten konnte. Ich glaube, es wäre schwieriger gewesen, wenn er etwas Ähnliches gewollte hätte, aber eben nicht ganz das Original. Da dann eine Unterscheidung zu finden, wäre sicher schwieriger geworden. Aber weil wir die Rolle ganz anders angelegt haben, war es dann irgendwann auch leicht, einen neuen Weg zu gehen.

Wie wichtig war es Ihnen, diese Rolle, die Sie schon vor 18 Jahren gespielt haben, noch einmal zu spielen? War es für Sie eine Herzensangelegenheit? Denn machen wir uns nichts vor: Auch als Künstler muss man seine monatlichen Fixkosten bestreiten können und dafür in Lohn und Brot stehen. Engagements gibt es nicht wie Sand am Meer.
Natürlich ist das schon eine Mischung aus beidem, ganz klar. Man muss Geld verdienen, aber man möchte auch eine Rolle spielen, die einem Spaß macht oder etwas bedeutet, und der „Glöckner“ liegt mir wirklich sehr am Herzen. Einige Kollegen und ich haben über Jahre hinweg versucht, das Stück – wenigstens konzertant – noch einmal auf die Bühne zu bringen, weil die Musik einfach so fantastisch ist. Als dann bekannt gegeben wurde, dass das Stück wieder nach Berlin kommt, war ich natürlich Feuer und Flamme und wollte unbedingt mit dabei sein. Ich hatte dabei das große Glück, dass auch die Verantwortlichen bei Disney ein großes Interesse an mir hatten und schon im Vorfeld nachgefragt haben, ob ich mich für die Rolle des Clopin noch einmal vorstellen möchte. Das habe ich getan, es hat geklappt und das ist wunderbar. Aus rein privater Sicht ist es darüber hinaus sehr passend, dass wir zunächst mal lange in Berlin spielen, bevor es nach München geht, denn das heißt, dass ich über den ganzen Sommer bei meiner Familie sein kann.

Wie war die Zusammenarbeit mit Scott Schwartz als Regisseur?
Die Zusammenarbeit war super, wirklich ganz toll. Er hat sehr intelligente Ansätze und man hat in der Arbeit gemerkt, dass er sich sehr lange und intensiv mit dem Buch beschäftigt und es weiterentwickelt hat. Er hat sich frei vom Film gemacht und mehr in Richtung des Romans von Victor Hugo orientiert. Er hatte tolle Ideen und konnte einen manchmal nur mit Stichworten auf die richtige Spur bringen, was die Rolle oder bestimmte Szenen angeht. Und obwohl es für ihn mittlerweile die vierte „Glöckner“-Produktion war, ist er immer noch offen für Vorschläge gewesen, so dass man sich wunderbar mit ihm austauschen und wirklich gemeinsam etwas erarbeiten konnte. Aber auch die Zusammenarbeit mit dem Choreografen Chase Brock war toll. Es gibt im Stück zum Beispiel eine Tavernen-Szene, in der drei Charaktere jeweils ein kleines Solo tanzen. Und das mittlere Tanzsolo, das Clopin zugedacht war, war sehr akrobatisch. Das habe ich eine Zeitlang geprobt, bis ich gemerkt habe, dass das dritte Tanzsolo mehr in Richtung Stepptanz geht, was mir viel besser liegt. Also habe ich gefragt, ob wir das tauschen können – und das war kein Problem.

Welche Botschaft vermittelt das Musical „Der Glöckner von Notre Dame“ gerade im Hinblick darauf, dass das Thema ja noch immer aktuell ist? Denn tagtäglich werden Menschen immer noch verstoßen, sind auf der Flucht oder werden schlechter behandelt als andere.
Im Grunde kann jeder für sich entscheiden, welche Botschaft unser Musical vermittelt und welche man als Zuschauer mit nach Hause nehmen will. Es ist auf jeden Fall ein hochaktuelles Stück. Es geht um ausgestoßene Volksgruppen, die nicht willkommen sind in dem Land, in dem sie sind. Ein Land, in dem sie aber vielleicht auch gar nicht aus freiem Willen sind, sondern nur deswegen, weil sie keine andere Möglichkeit gesehen haben, um zu überleben. Es geht um Minderheiten, die von der Mehrheit abgelehnt und verfolgt werden, kurzum: Ausgestoßene sind. In dem Stück findet man viele Bezüge zu unserer Gegenwart.

Erschreckenderweise hat sich in den vergangenen Jahrhunderten nicht viel geändert.
Das stimmt. Es gibt im Stück das schöne Duett „Einmal“, das Esmeralda und Phoebus singen. Aber worüber sie singen und was sie sich für die Zukunft erhoffen, ist leider noch nicht eingetroffen. Auch nach „tausend Kriegen“ lieben sich die Menschen noch nicht.

Interview: Dominik Lapp

Tipp | Lesen Sie hier die Rezension zu Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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