Brigitte Oelke (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Brigitte Oelke: „Ich möchte an meine Grenzen gehen“

Brigitte Oelke hat sich einen Namen als Musicaldarstellerin und Sängerin gemacht. Sie stand bereits in Musicals wie „We Will Rock You“, „Chicago“, „Tommy“, „City of Angels“ oder „Sunset Boulevard“ auf der Bühne, hat in zahlreichen Bands gesungen und CDs veröffentlicht. Zuletzt gab sie die Miss Hannigan im Musical „Annie“ in Stuttgart und spielt jetzt Marie Knie im Musical „Knie“ in der Schweiz. Im Interview spricht Brigitte Oelke nicht nur über dieses neue Stück, sondern auch über ihre Zeit als Killer Queen in „We Will Rock You“, das erste Konzert in ihrer Heimatstadt, die Vermittlung von Botschaften, den Film „Bohemian Rhapsody“, ihre Rollen und ganz viel über Musik.

Brigitte Oelke, als eine Art Queen-Expertin haben Sie natürlich auch den Film „Bohemian Rhapsody“ gesehen. Wie ist der Film?
Ich hatte den Film zuerst in einer Preview gesehen, wo mich mein Queen-Besserwisser-Hirn total genervt hat. Ich bin seit meinem Teenager-Alter ein riesiger Queen-Fan. Alles, was herauszufinden war über die Band, wusste ich. Sogar mein Mofa hieß Harold, benannt nach Brian Harold May von Queen. Als ich „Bohemian Rhapsody“ das erste Mal gesehen hatte, fand ich ihn toll und super besetzt. Natürlich ist viel künstlerische Freiheit enthalten, weshalb ich den Film nur partiell genießen konnte. Mein Besserwisser-Hirn hat mir immer dazwischengefunkt und genervt, ich konnte es nicht abstellen. Also wollte und musste ich den Film noch mal ansehen und fand ihn beim zweiten Mal dann wirklich grandios, sehr rund und fast noch zu kurz. Auch dramaturgisch ist der Film wirklich gut gemacht, weil er mit „Live Aid“ beginnt und endet. Was mir bei dem Film außerdem gefällt, ist der Humor, der verarbeitet wurde. Großartig ist zum Beispiel, dass Mike Myers den Produzenten spielt, der den Song „Bohemian Rhapsody“ ablehnt, wenn man weiß, dass Mike Myers in „Waynes World“ mitgespielt und genau zu diesem Song ein Headbanging vollzogen hat. (lacht)

Woher stammt eigentlich das Zitat „Elegance, Power and a Killer Voice“ über Sie?
Das hat Brian May auf seiner Webseite in einem Blog über mich geschrieben, als ich die Killer Queen in „We Will Rock You“ in Zürich gespielt habe.

Was bedeutet es Ihnen, wenn ein großer Musiker so eine Meinung von Ihnen hat?
Natürlich ist das sehr schön. Ich finde es immer interessant, was andere Leute über mich sagen. Ich bin ich und sehe und erlebe mich nicht von außen. Und jeder dieser Menschen nimmt einen anders wahr. Auch Ben Elton (Autor und Regisseur von „We Will Rock You“, Anm. d. Redaktion) hat sich mal ähnlich über mich geäußert. Ich erinnere mich zum Beispiel an unsere Probenzeit bei „We Will Rock You“ in Köln, wo ich einige Szenen mit Martin Berger hatte. Ben wollte etwas geändert haben von uns, wir haben es gespielt und Ben ist direkt zur nächsten Szene übergegangen. Sowohl Martin als auch ich proben sehr gerne, also haben wir uns mehr oder weniger bei Ben „beschwert“ und ihm nahegelegt, dass wir gern mehr arbeiten beziehungsweise proben möchten. Ben antwortete nur kurz, dass das nicht nötig sei. Er meinte, dass wir alles so spielen, wie er es sich wünscht und wir es sofort umsetzen, was er von uns will.

Das kommt ja fast einem Ritterschlag gleich.
Absolut. Er meinte, er hätte ganz andere Baustellen, an denen er zu arbeiten hat. Aber ich probe einfach sehr gerne, Martin auch. Der Prozess, eine Rolle zu erarbeiten und Dinge auszuprobieren, ist wahnsinnig spannend. Ich möchte als Darstellerin natürlich gern intensiv mit einem Regisseur arbeiten und auch an meine Grenzen gehen. Aber wenn der total zufrieden ist, was soll man da machen? (lacht)

Sie haben viele Jahre lang die Killer Queen in „We Will Rock You“ gespielt. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
So eine Rolle ändert sich ja im Laufe der Zeit, und natürlich die Gefühlswelt dazu. Ich bin auch noch immer euphorisch, was die Killer Queen angeht, und ich habe nur gute Erinnerungen an diese Rolle, weil es einfach wahnsinnig viel mit mir selber zu tun hat, mit meiner Jugend und Queen. Die Musik von Queen war ein Thema in meiner Jugend, und ich fand es wahnsinnig schön, dass Queen durch das Musical und die Rolle in mein Leben zurückgekehrt ist.

Inwiefern konnten Sie die Killer Queen denn selbst entwickeln?
Also die Macher des Musicals haben natürlich schon darauf geachtet, was für eine Person sie vor sich haben. Sie müssen einen ja gewissermaßen lenken, denn die Killer Queen ist eine Geschäftsfrau – und das authentisch rüberzubringen, ist bei jedem anders. Ich habe das insbesondere bei meinen Covern gemerkt, die sich oft Stress gemacht haben. Aber da muss man sich auch mal klarmachen: Ich bin ich, du bist du. Jeder sollte eine Rolle auf seine Art anlegen. Klar gibt es Vorgaben für eine Rolle. Aber die haben das schon so besetzt, dass man nicht wahnsinnig spielen oder sich verändern muss. Natürlich bin ich privat nicht wie die Killer Queen, um Gottes Willen! (lacht) Wobei gerade die Frauenrollen in „We Will Rock You“ alle sehr dominant sind und die Hosen anhaben. Das ist auch das Schöne daran. Aber im Grunde konnte ich die Rolle sehr frei entwickeln und habe in den Jahren auch immer mal wieder etwas verändert.

Brigitte Oelke (Foto: Dominik Lapp)

Compilation-Shows wie „We Will Rock You“ sind zwar tolle Musicals, stehen bei Musicalfreunden aber auch immer mal wieder in der Kritik, weil ja lediglich eine Geschichte um die bereits bestehenden Songs einer bekannten Band gestrickt wurde. Wie sehen Sie das?
Ich kann das durchaus verstehen, dass es Leute gibt, die diese Art von Musical nicht mögen. Das ist absolut in Ordnung. Aber bei einem Musical wie „Crazy for You“ ist es letztendlich nichts anderes. George Gershwin hatte Hits, die überall gespielt wurden, und dann wurde ein Musical daraus gemacht. Ich finde, ein Stück wie „We Will Rock You“ ist ein Phänomen, weil dort nicht nur Leute reingehen, die Musicals lieben, sondern auch Leute, die in die Show gehen, weil sie die Musik hören wollen. Die Geschichte mag Geschmackssache sein, und es gibt sicher Menschen, denen die Geschichte nicht gefällt. Aber ich finde die Geschichte gut, weil eine Botschaft vermittelt wird. „Mamma Mia!“ ist zum Beispiel auch eine so genannte Jukebox-Show, die jedoch ganz anders ist als „We Will Rock You“. Ich finde es schade, wenn solche Shows nicht ernst genommen werden. Komödien werden gern als zweitklassig abgestempelt. Dabei ist Komödie für einen Schauspieler das Schwierigste, was man spielen kann. Man kann alles Mögliche spielen, und die Leute lachen nicht. Aber bei einer Komödie spielt man und die Leute müssen lachen. Gerade in dieser Hinsicht war die Arbeit mit Ben Elton bei „We Will Rock You“ großartig, weil ich sehr viel von ihm gelernt habe, gerade was Timing angeht.

Von 2016 bis 2018 waren Sie als Sängerin am Friedrichstadt-Palast in der Show „The One“. Was war das für eine Show? Es soll ja die bislang erfolgreichste Show des Hauses gewesen sein.
Ja, es war eine aufregende Zeit. Das war eine sehr poetische, mystische und bunte Show mit Kostümen von Jean Paul Gaultier, der auch der Aufhänger der Show war. Ich durfte tolle Songs singen, die stilistisch sehr unterschiedlich waren. Und ich durfte zweisprachig singen, was auch herrlich war. Musikalisch war es sehr abwechslungsreich, was ich sehr liebe. Das ging von Pop-Balladen über Folkrock bis hin zu Swing mit Big-Band-Sound. Für eine Sängerin ist es das Größte, als erste Künstlerin neue Originalsongs zu interpretieren, die extra für so eine Riesenshow komponiert wurden. Und es waren tolle, auch sehr bekannte Komponisten dabei, wie zum Beispiel Gregor Meyle und KT Tunstall.

Inwiefern hat sich dieser Job von einem klassischen Musicaljob unterschieden?
Der größte Unterschied ist, dass ich als Sängerin engagiert war und keine Sprechtexte hatte. Die Arbeitsweise ist anders. Im Musical wird bei den Proben oft chronologisch vorgegangen, und man ist mit seinen Kollegen in einem gemeinsamen Probenprozess. Bei einer Revue muss man nicht unbedingt chronologisch vorgehen, und jede Künstlerabteilung, die Tänzer, die Gastartisten, die Gastsänger können erst mal für sich proben. Natürlich wird an einem bestimmten Punkt alles zusammenfügt wie bei einem riesigen Puzzle. Es ist sehr interessant. Die über 60 Tänzer, die ja auch das Aushängeschild des weltbekannten Friedrichstadt-Palastes sind, haben einen eigenen Tagesablauf mit frühem Ballett-Training. Und sie proben zum Beispiel im zweiten Jahr tagsüber bereits für die neue Show, während sie abends noch die aktuelle Show tanzen. Es war eine sehr spannende Zeit.

Kostüme von einem Stardesigner trägt man ja nicht alle Tage. Haben Sie jemals zuvor etwas von Gaultier getragen?
Ja, tatsächlich. Ich dachte zwar erst, dem wäre nicht so, habe dann aber festgestellt, dass ich tatsächlich Sachen von ihm habe. Bei der Final Audition von „We Will Rock You“ habe ich ein Oberteil von Gaultier getragen. Das war eine Art Korsage mit Reißverschluss, natürlich im Second-Hand-Laden erstanden. (lacht) Das ist doch der Hammer, oder? Und dann habe ich ein Kleid von Gaultier, was ich bei einem Konzert anhatte, bei dem ich „Als hätten wir uns nie Good-bye gesagt“ aus „Sunset Boulevard“ gesungen habe – allerdings bevor ich in dem Stück gespielt habe. Lustig, wie sich der Kreis schließt.

Also ist Brigitte Oelke jetzt Gaultier-Fan?
Scheinbar schon. (lacht) Obwohl seine Parfums nicht so mein Geschmack sind. Seine Kleider und Kreationen sind schon sehr schön und extravagant. Ich hatte in der Show fünf traumhafte Kleider mit langer Schleppe in einem Schnitt. Dazu ein kiloschweres Perückenteil mit Lockenwicklern und Swarovski-Steinen. Jean Paul Gaultier ist eine „coole Socke“, ein sehr bodenständiger Typ ohne Allüren. Er war mehrmals bei uns im Friedrichstadt-Palast, und man kann sich gut mit ihm über Gott und die Welt unterhalten – er sprudelt nur so vor Kreativität und Ideen. Also ja, ich bin ein Gaultier-Fan.

Gibt es Ihnen als Künstlerin eigentlich einen zusätzlichen Schub, wenn man mit Leuten wie Jean Paul Gaultier, Roger Taylor, Brian May, Ben Elton und anderen prominenten Kreativen gearbeitet hat? Zehrt man von so einer Zusammenarbeit?
Also ich zehre schon davon. Aber ich zehre genauso von der Zusammenarbeit mit anderen Kreativen und Kollegen oder mit Regisseuren, die vielleicht nicht so einen prominenten Namen haben. Allerdings gibt es auch bei mir mal Zeiten, wo es mir nicht so gut geht und ich eine Tiefphase habe. Die sind halt da – sicher einmal im Jahr, wo ich mich dann frage, ob ich den Beruf weitermachen soll. Wenn ich so ein Tief habe, hilft es mir, daran zu denken, mir die Fotos anzuschauen, mal wieder durch meine Vita zu gehen oder sie zu aktualisieren. Dann wird mir erst wieder bewusst, was ich eigentlich schon alles gemacht und erreicht habe und mit wem ich in den vergangenen Jahren alles gearbeitet habe. Und wenn ich das alles Revue passieren lasse, erscheint mir das manchmal unglaublich. Natürlich sind Künstler wie Brian May oder Roger Taylor auch nur Menschen. Aber wenn mir als Teenager jemand gesagt hätte, dass ich mal speziell mit diesen beiden zusammenarbeiten werde, hätte ich die Person ausgelacht. Ich habe mir das ja auch nie gewünscht, es hat sich im Laufe meiner Berufsjahre einfach ergeben. Ich bin damals gut vorbereitet zur Audition für „We Will Rock You“ gegangen und habe mir gedacht, entweder es klappt oder es klappt nicht.

Spielte Glück dabei eine Rolle?
Nein. Das würde ich nicht sagen. Vielleicht war es eher Schicksal. Natürlich kann man das Glück haben, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Aber wenn mir jemand sagt, dass ich in meinem Berufsleben viel Glück gehabt habe, finde ich das fast schon ein wenig anmaßend. Ich arbeite viel, habe meine Ausbildung gemacht, bilde mich auch immer weiter und entbehre viel. Wenn ich dann zu einer Audition eingeladen werde oder eine Rolle bekomme, hat das nichts mit Glück zu tun, sondern mit guter Vorbereitung, Können und Interesse an meiner Person und Persönlichkeit.

Wo wir gerade von Rollen sprechen: In Stuttgart haben Sie im vergangenen Winter im Musical „Annie“ gespielt. Was ist das für eine Rolle, die Sie dort gespielt haben?
Ich habe Miss Hannigan gespielt, die Waisenhausleiterin und eine kaputte „Schnapsdrossel“, die total überfordert ist mit ihrer Situation. Das war sehr spannend, denn bei jeder Rolle überlege ich mir: Wer ist sie, woher kommt sie, was hat sie durchgemacht? Das sieht man vielleicht nicht direkt im Spiel. Aber für mich als Schauspielerin ist es wichtig, zu wissen, woher sie kommt, ob sie ihren Job mal gerne gemacht hat und vielleicht sogar etwas verändern wollte.

Brigitte Oelke (Foto: Dominik Lapp)

Was ist das Besondere an der Rolle der Miss Hannigan?
Miss Hannigan ist sehr vielschichtig, sehr facettenreich und so menschlich. Man könnte sie auch sehr plakativ und oberflächlich spielen. Aber es ist eben wichtig, zu wissen, warum sie so geworden ist und welche Sehnsüchte sie hat. Bei der Rolle kann man so richtig die Sau rauslassen. Das macht unglaublich viel Freude und gefällt mir sehr.

Auf „Annie“ folgte für Sie in der Schweiz die Rolle der Marie Knie im Musical „Knie“. Ein Musical über die Schweizer Zirkusdynastie. Hatten Sie als gebürtige Schweizerin quasi einen Heimatbonus, weil Sie eine Schweizerin in einem Musical über einen Schweizer Zirkus in der Schweiz spielen?
Nein, das glaube ich nicht, zumal es ja auch auf Hochdeutsch ist. Es haben einige Kolleginnen für die Rolle vorgesungen. Dass ich für die Rolle ausgesucht wurde, ist eben ein witziger Zufall oder auch wieder Schicksal – und anscheinend passe ich sehr gut in die Rolle. Die Musik war ja bereits geschrieben, und so konnten wir direkt etwas aus dem Stück für die Auditions vorbereiten – das hat dann wohl einfach gefallen. Darüber freue ich mich sehr, weil es ein Stück Schweizer Geschichte ist. Ich bin mit dem Zirkus Knie aufgewachsen. Jedes Jahr waren wir mit der ganzen Familie dort.

Hier schließt sich dann ja schon wieder ein Kreis: Früher Queen-Fan als Teenager gewesen, später mit Brian May gearbeitet. Unbewusst etwas von Gaultier getragen, später eine Show in seinen Kostümen gespielt. Und jetzt also eine Rolle in einem Musical über den Zirkus, den Sie als Kind besucht haben.
Oh ja, das stimmt. Huch, ich muss mal genau überlegen, was ich noch alles gemacht habe, von wem ich Fan war und was für Sachen ich noch so im Kleiderschrank herumliegen habe. (lacht)

Was erwartet die Zuschauer bei „Knie“? Ein Schweizer Verschnitt von „The Greatest Showman“ oder eher ein dramatisch-biografisches Stück?
Es ist eine biografische Reise der Dynastie Knie mit allen Höhen und Tiefen. Natürlich gibt es Parallelen zu „The Greatest Showman“, da das Genre dasselbe ist. Im Musical wird die Geschichte vom Gründer Friedrich Knie (Alexander Klaws) erzählt und zieht sich durch vier Generationen. Rolf Knie erzählte, dass Marie Knie, die ich spiele, eine sehr strenge, aber nicht böse Frau war und nicht damit einverstanden war, dass die damalige Arena Knie sich verändert. Deshalb verweigerte sie ihren Söhnen auch das Geld, das diese benötigten, um in ein mobiles Zelt zu investieren. Früher wurde immer eine Open-Air-Arena aufgebaut, in der die Zirkusvorstellungen stattfanden. Die vier Söhne wollten dem Fortschritt eine Chance geben und eben in dieses mobile Zelt investieren. Aber sie mussten das Kapital dafür woanders besorgen. Der Generationenkonflikt ist extrem spannend und auch musikalisch interessant.

Sie waren mit Rolf Knie schon im Schweizer Fernsehen zu einem Interview. Ist das nicht merkwürdig, ein Stück zu spielen über eine Familie, die nicht nur existiert hat, sondern die noch immer existiert und die ein Familienmitglied hat, mit dem man in einer Fernsehsendung sitzt?
Auf jeden Fall ist das toll. Ich habe ja auch die Cäcilia Weber in „Mozart!“ gespielt. Auch da war es ganz besonders, eine Person zu spielen, die es wirklich gab. Allerdings habe ich nicht mit irgendwelchen Nachfahren von Frau Weber zusammengesessen. (lacht) Das ist bei „Knie“ natürlich anders. Ich will es nicht unbedingt als Ehrfurcht bezeichnen, aber natürlich möchte man als Darstellerin alles richtigmachen und so viel wie möglich über diese Person herausfinden. 2019 spielen wir in der Schweiz in Dübendorf, Bern und Basel das Zirkus-Musical „Knie“, und parallel dazu ist auch der Zirkus Knie auf Tour. Witzigerweise ist beim Zircus Knie eine Aerial-Artistin dabei, mit der ich im Friedrichstadt-Palast gearbeitet habe und für die ich einen Song aus „The Greatest Showman“ eingesungen habe. Da schließt sich noch ein Kreis. (lacht)

Wie plant man in Ihrem Job eigentlich? Lebt man als Künstlerin mehr oder wenig in den Tag hinein und lässt alles auf sich zukommen?
Planen ist etwas schwierig in diesem Metier, besonders wenn man nicht fest angestellt ist an einem Theater. Man kann planen, selber eine Produktion und ein Konzert auf die Beine zu stellen oder ein Album aufzunehmen. Gesangsschüler zu unterrichten, kann man auch planen. Aber man kann nicht planen, die eine oder andere Rolle zu spielen oder zu bekommen. Die Mrs. Lovett aus “Sweeney Todd” oder die Mama Rose aus „Gypsy“ reizen mich sehr. Manche Theater scheuen sich aber davor, gewisse Musicals wie ebendiese auf den Spielplan zu setzen. Sie vertrauen eher auf bewährte Stücke, die einen kommerziellen und finanziellen Erfolg versprechen und dann halt vielleicht keine Rolle für mich drin haben. Eine Miss Hannigan und eine Norma Desmond aus „Sunset Boulevard“ würde ich natürlich sehr gern noch mal spielen. Dass immer wieder neue Stücke und Musicals entstehen und mit großem Erfolg gespielt werden, bestätigt das große Interesse des Publikums an diesem lebendigen Genre. Das bedeutet für mich, dass meine Traumrolle vielleicht noch nicht geschrieben wurde. So viel zur Planung! (lacht)

Sehen Sie sich als Kind des Rocks oder als Musicaldarstellerin?
Beides! Ich mache da keinen Unterschied, denn ich finde, Musik ist Musik. Ich bin mit Klassik aufgewachsen und gehe auch gern in die Oper. Lediglich mit Volksmusik kann ich nicht ganz so viel anfangen. Aber letztendlich habe ich auch schon immer in Bands gesungen. Ich bin da also recht offen für alles. Als Kind habe ich zum Beispiel immer vor dem Fernseher gesessen und mir die Gene-Kelly-Musicals angesehen. Und klar, mit 16 willst du Rockstar werden. Aber dann habe ich mich entschieden, mehr in den Bereich Schauspiel, Tanz und Gesang zu gehen. Längere Zeit habe ich keine Bands gehabt und in vielen Musicals gespielt, was ich ja auch immer noch mache. Dass ich nun hin und wieder doch wieder in Bands singe, hat sich so ergeben, weil ich Lust darauf hatte.

Aber auch das Musical kommt nicht zu kurz.
Definitiv. Und es gibt so viele verschiedene Musicals. Ich singe bei „We Will Rock You“ anders als bei „City of Angels“. Und „Sunset Boulevard“ ist auch schon wieder etwas anderes. Im Musical muss man bei jedem Stück andere Schwerpunkte setzen.

Erst ein Rockkonzert singen, am nächsten Tag wieder auf der Musicalbühne stehen. Stress oder Leidenschaft?
Ich liebe das! Und ich brauche das. (lacht) In den letzten Jahren habe ich sehr viel gemacht. Zwischendurch hat der Körper etwas rebelliert. Und wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich schon gern mal einen Tag Pause zwischen zwei Sachen. Aber eigentlich finde ich das super. Das Reisen ist halt stressig, das nervt mich. Aber letztendlich spiele ich in so verschiedenen Musicals mit verschiedenen Musikstilen und mit unterschiedlichen Arten des Spielens, dass ich mich dabei sehr lebendig fühle. Das gefällt mir.

Wie dürfen wir uns das vorstellen, wenn man mehrere Stücke quasi parallel spielt: Ruft man den jeweiligen Text einfach aus dem Gedächtnis ab oder muss man gezielt wieder das Textbuch zur Hand nehmen?
Bei einigen Stücken habe ich immer mein Textbuch dabei, vor allem wenn ich ein Stück ein paar Wochen nicht mehr gespielt habe oder wenn es Stücke sind, bei denen ich viel Sprechtext habe. Von daher habe ich mein Textbuch immer gern dabei, um noch mal reinzuschauen. Aber ich komme mit den Texten nicht durcheinander, denn die Proben für die jeweiligen Musicals sind ja nicht gleichzeitig. Und ich liebe diese Vielfalt.

Im Jahr 2013 haben Sie das erste Konzert in Ihrer Heimatstadt St. Gallen gegeben. Warum hat das so lange gedauert?
Das frage ich mich auch! Ich habe keine Ahnung, warum das so lange gedauert hat. Ich habe immer schon Konzerte gegeben – aber meistens mit anderen Bands, nichts richtig Eigenes. Und irgendwie hat mich der Weg dabei nie nach St. Gallen geführt. Ich hab’s immer wieder verschoben. Aber ich sage mir auch: Wenn‘s sein soll, dann kommt’s auch. Jedoch war das Konzert überfällig und wunderschön. Das hat mir wirklich viel gegeben, und ich war stolz auf mich, weil ich es auch selbst veranstaltet habe.

Das war sicher viel Arbeit, wenn Sie nicht nur Sängerin, sondern auch Veranstalterin waren.
Ja, das war viel Arbeit. Es gab so viel zu tun. Und dann war ich auch noch dauernd zwischen Basel, Bielefeld und St. Gallen unterwegs. Aber ich habe meinen Kopf freigemacht, mir vorgenommen, gesund zu bleiben, und dann habe ich das durchgezogen. Das ist halt auch eine Kopfsache. Wenn man sich etwas vornimmt und am Ball bleibt, dann schafft man das auch. Und das Schönste ist natürlich, wenn man merkt, dass das Konzept angenommen wird. Ich habe etwas kreiert und das Publikum nimmt es an. Das ist schön.

Brigitte Oelke (Foto: Dominik Lapp)

Was soll dem Publikum vermittelt werden, wenn Brigitte Oelke ein Konzert gibt?
Ich möchte, dass die Zuschauer mich etwas näher kennen lernen und dass sie mit sich selbst in Berührung kommen. Es ist Lebenslust und Motivation, die ich mit einem Konzert vermitteln möchte. So nach dem Motto: Hör nicht auf andere, sondern mach dein Ding.

Also geben Sie den Leuten gern eine Botschaft mit auf den Weg.
Genau. Ich habe es auch schon erlebt, dass mir junge Leute gesagt haben, dass sie auch was im Musicalbereich machen wollen, aber dass sie dafür ja schon zu alt sind. Das ist eine gern verwendete Ausrede: Dafür bin ich zu alt. Das ist Schwachsinn. Solange man Träume hat und eine Chance sieht, diese Träume zu verwirklichen, sollte man das auch machen. Nicht probieren, sondern machen. Man muss einfach gucken, dass man seine Träume verwirklicht bekommt. Und wenn es so nicht geht, dann geht es vielleicht auf einem anderen Weg. Schließt sich eine Tür, öffnet sich eine andere.

Mit Stücken wie „We Will Rock You“ und „Tommy“ haben Sie rockige Musicals gespielt, dagegen waren „Chicago“ und „City of Angels“ ganz anders und gingen musikalisch mehr in den Jazz-Bereich. Warum diese Entscheidung?
Man geht ja schon gezielt zu einer Audition, um für ein explizites Stück vorzusingen. Und ich möchte Sachen machen, die mich erfreuen. Ich trage irgendwie den Rock-Stempel und möchte gar nicht beweisen, dass ich auch klassisch singen kann. Ich liebe einfach die Abwechslung und entscheide mich bewusst für Stücke, von denen ich künstlerisch etwas habe und mit denen ich weiterkomme. Ich habe den Anspruch an mich, mich immer noch weiterzuentwickeln. Klar, wenn man jahrelang „We Will Rock You“ spielt, muss man sich umstellen. Denn gewisse Manierismen stellen sich ein. Und es ist anders, wenn man „Chicago“ oder „City of Angels“ singt. Da ist es gut, wenn man seinen Gesang selber mal aufnimmt und sich das anhört. Manchmal klinge ich auf so einer Aufnahme dann ganz anders als ich es beim Singen gedacht habe. Gut ist es dann natürlich, wenn man mit einem Coach daran arbeitet und mit dem Musikalischen Leiter einer Musicalproduktion arbeiten kann.

In Erfurt konnte man Sie vor ein paar Jahren in einer Musicalversion des „Jedermann“ auf den Domstufen stehen. Was hat Sie daran gereizt?
Auf jeden Fall hat mich daran gereizt, dass es eine Uraufführung war. Ich konnte etwas Neues zusammen mit dem Komponisten und dem Regisseur erschaffen und bin Teil eines Prozesses. Das ist toll!

Sie spielten im „Jedermann“ den Tod, der extra für Sie zur Frauenrolle umgeschrieben wurde. War das eine große Ehre? Wie kam es dazu?
Ja, das war wirklich eine große Ehre! Ich hatte ursprünglich für die Mutter vorgesungen, denn der Tod war als männliche Bariton-Rolle ausgeschrieben. Peter Lund machte eine kurze Ansage bei der Audition, dass es schon mal passieren kann, dass das Team inspiriert wird von Darstellern und ein Stück eventuell etwas anders werden kann. Nachdem ich sehr viel und lange vorgesungen und vorgesprochen hatte, kam ein paar Tage später die Anfrage, ob ich Lust hätte, den Tod zu spielen. Ich habe mich dann ein paar Mal mit dem Komponisten und Autor in Berlin getroffen und wir sind die Partitur durchgegangen, so dass es auf meine Stimme passt. Das war natürlich fantastisch, Teil eines solchen Prozesses zu sein.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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