Scharfe Stiefel: „Kinky Boots“ auf Tour
Das Musical „Kinky Boots“ hat hierzulande bereits einen verschlungenen Weg hinter sich. In Hamburg war die Originalinszenierung zu sehen, wie sie auch am Broadway und im West End lief – künstlerisch überzeugend, aber vom Publikum merkwürdig ignoriert. Es folgte eine Inszenierung am Theater für Niedersachsen in Hildesheim, die wenig überzeugend war. Umso erfreulicher ist es nun, die UK-Tournee in Deutschland erleben zu können, mit den englischen Originaltexten und der Musik von Cyndi Lauper sowie dem Buch von Harvey Fierstein. Plötzlich wirkt das Stück wieder so geschlossen, so selbstverständlich erzählt, wie man es sich immer gewünscht hat.
Regisseur Nikolai Foster setzt auf eine solide, handwerklich saubere Inszenierung, die sich ganz auf ihre Figuren verlässt. Überraschungen sucht man jedoch vergebens. Witzige Momente stehen neben stilleren, nachdenklichen, ohne dass das Pendel zu stark in eine Richtung ausschlägt. Auffällig ist, was fehlt: Die kurze Eingangsszene mit Charlie und Lola als Kinder ist gestrichen. Der Abend beginnt direkter, nüchterner – Foster vertraut darauf, dass sich die Biografien der Figuren im Spiel selbst entfalten.

Choreografisch bleibt die Show allerdings hinter ihren Möglichkeiten zurück. Leah Hills Tanznummern erfüllen ihren Zweck, entwickeln aber kaum eigene Handschrift, wirken erstaunlich brav und austauschbar.
Dafür überzeugt das visuelle Gesamtkonzept umso mehr. Robert Jones’ Bühnenbild ist nicht nur ausgesprochen hochwertig, sondern auch intelligent auf die Anforderungen einer Tour zugeschnitten. Price’ Schuhfabrik ist als zentraler Spielort jederzeit präsent und verwandelt sich mit wenigen, effektvollen Mitteln: Ein leuchtender Rahmen macht aus ihr Lolas Nachtclub, zusammengeschobene Tische genügen für den Mailänder Laufsteg. Die Nähe zur Originalinszenierung ist deutlich spürbar, ohne zu kopieren.
Die Kostüme, für die Jones ebenfalls verantwortlich zeichnet, sind größtenteils ein Vergnügen, auf die Figuren abgestimmt und voller Charakter. Lediglich im Finale hätte man sich mehr Mut zur Farbe gewünscht: Stattdessen stehen alle in Schwarz auf der Bühne, einzig die roten Stiefel setzen einen Akzent. Das wirkt konsequent, aber auch ein wenig verschenkt. Ben Cracknells Lichtdesign hingegen ist durchgehend eine Klasse für sich und rundet die Optik großartig ab.

Im Zentrum der Story steht Dan Partridge als Charlie Price. Er zeichnet den Erben der Schuhfabrik als Getriebenen, der zwischen Pflichtgefühl und Überforderung schwankt, ohne je in bloße Unsympathie zu kippen. Sein Spiel bleibt geerdet, seine Stimme klar und belastbar, besonders in den Momenten, in denen Charlies Zweifel offen zutage treten. Tosh Wanogho-Maud als Lola ist sein idealer Gegenpart: eine Erscheinung mit großer Bühnenpräsenz, die Glamour und Verletzlichkeit mühelos verbindet. Wanogho-Maud spielt Lola nicht als schillernde Karikatur, sondern als klugen, wachen Menschen mit Humor und Haltung, vokal ebenso souverän wie darstellerisch differenziert.
Courtney Bowman verleiht Lauren eine ansteckende Energie und ein feines Gespür für Timing. Ihre Figur ist weit mehr als das schrullige Mädchen aus der Fabrik, sie bekommt Kontur, Witz und eine glaubwürdige Entwicklung. Jessica Daley setzt dazu einen klaren Kontrapunkt als selbstbewusste Nicola. Billy Roberts schließlich gibt Don als rauen Klotz mit Rissen, dessen Wandlung nicht beschönigt, sondern nachvollziehbar erzählt wird.
In den Nebenrollen überzeugen Kathryn Barnes als warmherzige Pat, Lucy Williamson als resolute Trish, Jonathan Dryden Taylor als gestrenger Mr. Price, Scott Paige als fein gezeichneter George und Liam Doyle als kantiger Harry. Sie alle tragen dazu bei, dass diese Welt geschlossen und glaubwürdig wirkt.
So zeigt sich „Kinky Boots“ auf dieser Tournee als Musical, das weniger auf Effekthascherei setzt als auf erzählerische Klarheit und starke Figuren. Das ist eine wohltuende Rückkehr zu dem, was dieses Stück im Kern ausmacht.
Text: Dominik Lapp
