„Wir sind am Leben“ in Berlin (Foto: Katharina Karsunke)
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Eindrucksvolles Zeugnis der Erinnerung: „Wir sind am Leben“ in Berlin


Berlin im Jahre 1990: Kurz nach dem Mauerfall, irgendwo zwischen Ende und Neuanfang, Unsicherheit und Zuversicht, Schmerz und Hoffnung, Verlust und unermüdlicher Euphorie. Eine Zeit, in der Welten aufeinanderprallten, alles plötzlich möglich schien und doch die persönlichen Schicksale ganz leise erzählt wurden. Schicksale und Geschichten, die Peter Plate und Ulf Leo Sommer selbst erlebten und in ihrem ersten vollständig eigens entwickelten Musical zur Hauptrolle machen. Mit „Wir sind am Leben“ (Buch und Regie: Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck, Musik und Texte: Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange) haben sie den Anspruch, ein Denkmal zu erschaffen – nicht aus Stein, sondern „ein Denkmal aus Musik, Geschichte und Gefühl“. Ob das gelungen ist?

Protagonistin Nina flieht noch zu DDR-Zeiten aus ihrer Heimatprovinz Wittenberg in die große, verheißungsvolle Hauptstadt und landet 1990 auf der Suche nach der erfolgreichen Künstlerkarriere im ehemaligen Ostteil der Stadt. Ihr neues Zuhause: der „Konsum Hoffnung“. Früher tatsächlich ein Konsum (staatlich gelenkter Einzelhandel) gewesen, heute viel mehr ein verfallener Altbau in Berlin-Friedrichshain, der, wie so viele in der damaligen Zeit, zum Zentrum der Hausbesetzer-Szene sowie links-autonomer Gruppierungen und Kollektive wurde. Seine Bewohnerinnen und Bewohner: Bruno und Nando, Ramona, Brigitte und Doris – Menschen aus Ost und West, die sich nach dem Mauerfall hier niederlassen, oft mit nicht mehr als einem Koffer in der Hand und den Kopf voller Visionen und Träume. Dazu ein verlassenes Telefon im Obergeschoss, das früher als Telefonseelsorge diente und jetzt, in Zeiten des Umbruchs, seinen Zweck wieder neu zu erfüllen beginnt. Am anderen Ende der Telefonleitung: die großen Fragen der Zeit, die Gedanken an eine ungewisse Zukunft und das Gefühl, nicht mehr in diese Welt zu passen.

Der besetzte Altbau in der Oder-Straße (Bühnenbild: Adam Nee) ist das unübersehbare Zentrum der Handlung: Mit Graffiti verschmierte Wände und bröckelnde Mauern heben sich vor der Berliner Silhouette gen Himmel und geben den Rahmen für das bunte, heimelige Wohnzimmer des Kollektivs, in dem unaufhörlich das Telefon klingelt. Je nach Szenerie werden die Kulissen gedreht und gewendet, sodass man entweder Einblicke in die etwas chaotische Lebensgemeinschaft erhält oder beobachten kann, wie sich die Bewohnerinnen und Bewohner auf dem Dach ihren Träumen und Sehnsüchten hingeben. Heruntergelassene Wände und Fenster mit Blick auf das Leben der anonymen Großstadt, Mauerreste, die Berliner U-Bahn oder ein angedeuteter Park mit Straßenlaternen vervollständigen das Gesamtbild. Die Bühne wird rechts und links von weiteren Häusern eingerahmt, auf deren Dach, sichtbar und ins Gesamtbild integriert, die fünfköpfige Band unter der Leitung von Shay Cohen Platz nimmt.

„Wir sind am Leben“ in Berlin (Foto: Katharina Karsunke)

Um Nina beginnt sich zunächst unverkennbar die Storyline zu spinnen. Mit dem Traum, endlich ihre eigene Musik schreiben zu können und den großen Durchbruch zu erlangen, begibt sie sich in die Berliner Abgründe und lässt sich treiben – treiben durch endlose Techno-Partys, Rausch, Männer, Plattenmogule. Als plötzlich ihr kleiner Bruder Mario vor der Tür steht, wird sie unaufhaltsam mit ihrer Familiengeschichte und Vergangenheit konfrontiert. Seit Monaten säumt Darstellerin Celina dos Santos mit rothaariger Perücke Plakate und Litfaßsäulen in ganz Berlin – und dies zu Recht. Nach Hauptrollen in „Ku’damm 59“ und „Romeo und Julia“ gilt es nun, im Theater des Westens dem rockigen, frechen Energiebündel Leben einzuhauchen. Dos Santos gelingt die Darstellung ihrer Protagonistin auf den Punkt. Mehr: Sie lebt Nina, als wäre sie ihr früheres Ich. Dabei ließ die junge Künstlerin doch selbst verlauten, sie habe für die Vorbereitung auf die Rolle und die damalige Zeit sogar ihre Großeltern konsultiert. Mit sichtbarem Erfolg erschafft sie in einem gelungenen Spagat einen Charakter, der sich selbstbewusst nichts verbieten lässt und die eigenen Vorzüge gekonnt einzusetzen weiß – und gleichzeitig in den berührenden, verletzlichen Momenten tiefe Einblicke in ihr Seelenleben gewährt. Ihre außergewöhnliche Stimmfarbe mit Wiedererkennungswert umhüllt dies mehr als gelungen und sorgt nicht nur einmal für Gänsehaut.

Markus Spagl zeichnet mit Mario einen ebenso authentischen jüngeren Bruder. Die ersten sexuellen Erfahrungen und die erste große Liebe mit einem Mann, aber auch die Suche nach dem eigenen Ich und die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit lassen ihn durch die Berliner Nächte treiben, die ihn zunächst sichtbar zu verschlingen drohen. Spagl, Student der Universität der Künste Berlin, gilt als große Überraschung des Abends. Zu einem so frühen Zeitpunkt der eigenen Musical-Laufbahn diese tiefgründige Rolle so passgenau und mit einer scheinbaren Leichtigkeit zu kreieren, ist definitiv beeindruckend. Er begeistert mit einnehmender, authentischer Bühnenpräsenz, stets der richtigen Prise Humor, und berührt zugleich nachdrücklich, als er sein innerstes Empfinden nach außen zu kehren beginnt.

Vor allem ist es Nando (Daniel Pohlen), ein aus Kuba stammender ehemaliger DDR-Balletttänzer, der Marios bis dato beschauliche Gefühlswelt gehörig durcheinanderwirbelt. Für Nando stellte der Tanz stets seinen Lebensinhalt dar – bis ein Unfall jäh seine Karriere beendete und er im „neuen Westen“ nicht so recht Fuß zu fassen scheint. Da bleiben die Fragen: War früher nicht manches besser? Wer bin ich eigentlich wirklich, was macht mich aus? Pohlens Nando ist ein kluger, ruhiger, authentischer junger Mann, der, geprägt durch seine Vergangenheit, nicht nur einmal im Leben strauchelt und doch stets verlässlich auf der Seite seiner geliebten Menschen steht. Dies wird besonders deutlich im Spiel mit Jörn-Felix Alt, der Nandos große Liebe Bruno verkörpert und, was man zunächst gar nicht vermuten mag, die Fäden des Stückes in der Hand hält.

„Wir sind am Leben“ in Berlin (Foto: Katharina Karsunke)

Bruno (aka die Dietrich) ist der unumstrittene Mittelpunkt des Kollektivs, ja, gilt praktisch als Fels in der Brandung für all die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner und ihre kleinen und großen Sorgen. Dazu hegt Bruno eine tiefgehende Liebe und Bewunderung für eine der berühmtesten Künstlerinnen Berlins: Marlene Dietrich. Abend für Abend schlüpft er in ihr Kostüm und macht sich Stimme und Seele seiner großen Ikone zu eigen. Besonderer Hingucker: die Nummer „Supernovadiscoslut“, die zum absoluten Showstopper wird – nichts könnte das Lebensgefühl vieler Menschen der damaligen Zeit besser in Szene setzen. Jörn-Felix Alt gelingt ein herausragender Protagonist, der völlig verdient den größten Applaus des Abends einfährt. Er kreiert einen sanften und klugen jungen Mann, der sich stets gefühlvoll um seine Mitmenschen sorgt, das Leben über alles liebt und doch schließlich den Kampf gegen die allseits herrschende Aids-Pandemie verliert. „Ich werd’ nicht weinen“ ist der Song, der seinen Charakter durch die Handlung trägt und ihn damit mehr als einmal zum Zentrum macht. Er, der keine Tränen will, kein Mitleid. Er, der das Leben bis zum Schluss auskostet und als Letzter auf der Party das Licht ausmachen wird.

Und dann ist da noch Rosi: Mutter von Nina und Mario, zurückgelassen im ehemaligen Friseursalon in Wittenberg. Irgendwo zwischen Dauerwelle, blondierten Perücken und Leopardenmuster, in einem Land, das es nicht mehr gibt, und in einem Leben, das nicht mehr mithalten kann. Auf den ersten Blick scheint dieser Charakter stellvertretend für so viele ehemalige DDR-Bürgerinnen und -Bürger zu stehen, die mit dem Umbruch alles verloren und sich zum Teil bis heute, über 35 Jahre nach der Wende, von Regierung und Mitmenschen im Stich gelassen fühlen. Steffi Irmen, der heimliche Star am Theater des Westens, sorgt bereits mit dem ersten, plötzlichen Erscheinen im Kollektiv für begeisterten Applaus und landet auch mit der Interpretation dieser Rolle einen wahren Coup. Gekonnt kreiert sie einen urkomischen Charakter, der mit viel Humor, jeder Menge Größenwahn und dem Hang zur Übertreibung die eigene Verletzlichkeit und Fehler der Vergangenheit zu überdecken versucht.

Vervollständigt wird die Protagonistenriege durch die weiteren Konsum-Hoffnung-Mitbewohnerinnen Ramona (Johanna Spantzel), Doris (Kathi Damerow) und Brigitte (Lucille-Mareen Mayr). Ramona ist mit Brigitte liiert, die ein Baby bekommt und vom trauten Familienleben im Prenzlauer Berg träumt. Doris lernt über die Telefonseelsorge Günther (Nik Breidenbach) kennen und mit ihm sein Geheimnis: Er liebt Kleider und traut sich endlich, nach vielen Jahren, seiner Frau die Wahrheit zu sagen. Sie alle rahmen das Geschehen mit ihren kleinen und großen Geschichten, sehr viel Humor und nötiger Tiefe gekonnt ein.

„Wir sind am Leben“ in Berlin (Foto: Katharina Karsunke)

Musikalisch ist „Wir sind am Leben“ ein wahres Feuerwerk. Rock, Pop, Hip-Hop und Techno wechseln sich ab, gefühlvolle Balladen und Club-Elemente geben sich die Hand. Auch schaffen es Peter Plate und Ulf Leo Sommer in Zusammenarbeit mit Joshua Lange, wie in ihren Vorgänger-Musicals, mit starken Bildern, Openern und Schlussszenen zu überzeugen und das Publikum in ihren Bann zu ziehen. „Konsum Hoffnung“, „Supernovadiscoslut“, „Tanzen 2000“ oder „Kupferrot“ sind absolute Ohrwürmer; „Salon Rosie“ oder „Ich werd’ nicht weinen“ zeugen von Tiefgang und Persönlichkeit. Das besondere Highlight: Die Rosenstolz-Nummer „Die Schlampen sind müde“ hat es in das Stück geschafft – ein Song, der laut Peter Plate in einer für sie damals sehr schwierigen Zeit geschrieben wurde und zudem an die verstorbene Frontsängerin AnNa R. erinnern soll. Ein Song, der sich ohne zu murren in das Stückgerüst schmiegt und mit Sicherheit die ein oder andere Träne im Publikum hervorbringen mag. Zudem ist diese Szene so einfach und so klug umgesetzt: lediglich Protagonistin Nina allein vor dem schwarzen Vorhang, dazu Dos Santos’ fantastische Stimme – der Premierenabend quittiert dies mit Zwischenapplaus und Standing Ovations.

Jonathan Huor zeigt sich wie bei den Vorgängern „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“ für die Choreografie verantwortlich. Wenn auch dieses Mal keine Stühle durch die Luft wirbeln, ist seine Handschrift unverkennbar: ausgefeilt, ausdrucksstark und sehr präzise, erweckt die großartig besetzte Cast die markanten Zeichnungen Huors zum Leben. Egal hierbei, ob es sich um eine große Ensemblenummer oder feine, liebevolle, fließende Bewegungen handelt – sie alle tragen das Stück und umspinnen das Gerüst der Handlung. Generell ist „Wir sind am Leben“ ein Musical, das von eindrücklichen, kraftvollen Bildern lebt. Verstärkt wird dies durch den fantastischen Sound (Florian Bierwisch) in Kombination mit dem gelungenen Video- (Edmund Brown, Lukas Nimscheck) und Lichtdesign (Tim Deiling), welche die Storyline und die detailgetreuen, authentischen Kostüme und Perücken (Ferran Casanova, Anke Ludwig) gekonnt in Szene setzen. Letztere wurden alle durch die Produzenten persönlich ausgewählt und erinnern im Stil an die späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre. Cool und edgy, ein bisschen im Underground-Stil, ein bisschen frech und nicht ganz so zusammenpassend, markieren sie die Freiheit Berlins zu Zeiten des Mauerfalls.

Viele ernste und traurige Themen wie Wiedervereinigung, Orientierungslosigkeit, queerer Alltag mit homophober Auseinandersetzung, Bedrohung von Rechts und Aids-Krise, die damals sicherlich oftmals totgeschwiegen wurden, erlangen durch die Erzählungen von Plate und Sommer Aufmerksamkeit und werden sichtbar in das Zentrum der Kunst gerückt. Das kluge Buch von Nimscheck und Kuropka erlaubt keine Langeweile und Oberflächlichkeit, sondern spannt den tiefgründigen Handlungsbogen gekonnt kurzweilig von Anfang bis Ende.

„Wir sind am Leben“ in Berlin (Foto: Katharina Karsunke)

Die geschickten Texte sowohl in den Dialogen als auch in den Songs sind aber nicht nur traurig: Auch mögen sie viele Menschen abholen und schmunzeln lassen – denn wenn man genau hinhört, werden versteckte Details aus der DDR-Vergangenheit preisgegeben oder auch das ein oder andere Klischee sichtbar bedient. Als großes Highlight Richtung Ende des zweiten Aktes kann die Räumung des Kollektivs bezeichnet werden, als alle Hausbewohnerinnen und -bewohner demonstrativ ihren Altbau verteidigen und dem Publikum „Wer ließ all die Yuppies rein, Krawatten jetzt in Friedrichshain“ entgegenschleudern. Vertreibung, Gentrifizierung, Immobilienhaie – ein bluternstes Thema, das bis heute – nicht nur in Berlin – für riesigen Zündstoff sorgt und zugleich den Charakter dieser Stadt mehr als geprägt und verändert hat. Man könnte meinen, dies sei das perfekte Finale, würde da nicht der Blick in die Zukunft und noch ein Song fehlen: der Titelsong und die Fragen: „Hast du wirklich gelebt? Hat deine Welt sich wirklich gedreht? Hast du alles getan? Wenn nicht, fang an!“

„Wir sind am Leben“ unter der Regie von Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck ist unumstritten ein Musical für Rosenstolz-Fans und Berlin-Liebhaberinnen und -liebhaber sowie alle, die sich gerne an die 90er erinnern. Und doch ist es so viel mehr: Es ist die Geschichte vieler Menschen in Monaten des Umbruchs und des Verlorenseins, inmitten von neuen Hoffnungen und Visionen. Für Peter Plate und Ulf Leo Sommer gilt das Berlin der 1990er Jahre als die unumstrittene Zeit ihres Lebens. Eine Zeit, in der scheinbar alles möglich schien und die doch zudem von großen Fragen, Licht und ebenso viel Schatten geprägt war. Eine Zeit, in der man füreinander einstand, so schwer es auch gewesen sein muss. Ihr großer Wunsch: „Mit „Wir sind am Leben“ an die zu erinnern, die gegangen sind, an die, die zurückbleiben, und an das, was man nicht vergessen darf – auch wenn es leiser geworden ist.“ Und der Aufruf, dass es völlig egal ist, welchen Background man hat, wen man liebt, und dass Hetze, Zerstörung und Hass keinen Platz haben – in der heutigen Zeit wichtiger denn je. Sie wollten ein Denkmal setzen. „Nicht aus Stein – sondern aus Musik, Geschichte und Gefühl.“ Und das ist mehr als gelungen.

Text: Katharina Karsunke

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Katharina Karsunke ist Sozial- und Theaterpädagogin, hat jahrelang Theater gespielt, aber auch Kindertheaterstücke geschrieben und inszeniert. Ihre Liebe fürs Theater und ihre Leidenschaft fürs Schreiben kombiniert sie bei kulturfeder.de als Autorin.